Leary kann es kaum erwarten. Der anderthalb Jahre alte Whippet-Rüde will rennen - und zwar sofort. Wäre er ein Pferd, dann würde er wohl ungeduldig mit den Hufen scharren. Leary aber jault und bellt stattdessen aufgeregt und zappelt wild mit allen vier Beinen, während sein Herrchen Wolfgang Sträter versucht, ihm eine rote Renndecke und einen Maulkorb überzuziehen. Der schwarze Whippet läuft heute sein drittes Rennen; nicht, um sich für einen Pokal zu qualifizieren, sondern um eine Rennlizenz zu bekommen. Vier Läufe müssen Hunde absolvieren um zu beweisen, dass sie verträglich sind, sich von anderen Hunden überholen lassen und ihre Bahn halten. Erst wer diesen Test bestanden hat, darf ganz offiziell an Hunderennen teilnehmen.
"Der Whippet ist der klassische Rennhund", sagt Rainer Ehmann, der Vorsitzende des Windhund-Rennvereins Staufen, der auf seiner Rasenbahn in Lorch das Rennen um den Titel des Landessiegers 2010 ausrichtet. Ob englische Whippets, Greyhounds, ungarische Magyar Agar, russische Barsoi, Saluki oder Afghanen - elegant und kraftvoll wirken alle Windhundrassen. Vor allem aber sind sie schnell. Bis zu 70 Stundenkilometer können Windhunde erreichen, wenn sie auf der Rennbahn ihrem Hetztrieb folgend hinter der Beute herjagen, einem Wildschweinfell, das von einem Seil gezogen wird. Auch wenn die schlanken Tiere scheinbar mühelos über den grünen Rasen flitzen, stets den so genannten Hasen vor der Nase, so ist das Rennen tatsächlich ein echter Hochleistungssport. "Die Belastung für die Gelenke ist groß, vor allem in den Kurven", sagt Ehmann. Die Hunde starten deshalb erst ab einem gewissen Alter und zunächst nur auf geraden Strecken durch. Ehmanns Magyar Agar Hündin Esty zum Beispiel muss sich mit ihren 13 Monaten noch eine Weile bis zu ihrem ersten Rennen gedulden, da hilft kein Winseln und kein Zerren an der Leine. Je nach Rasse variiert die Länge der Rennstrecke. Die mit ihren etwa 50 Zentimetern eher kleinen Whippets laufen 350 Meter, die größeren Barsoi oder Saluki legen 480 Meter zurück. Greyhounds, die in Großbritannien typischerweise bei Hunderennen an den Start gehen, sucht man auf der Lorcher Rennbahn vergebens. Diese Rasse laufe nur auf Sand, zum Beispiel auf der Rennstrecke in Sachsenheim (Landkreis Ludwigsburg), erklärt Rainer Ehmann.
Sand oder Gras - "da ist ein bisschen Weltanschauung dabei", sagt Ehmann. Manche seien der Überzeugung, dass die Verletzungsgefahr auf Rasen größer sei, weil sich die Tiere bei der wilden Jagd nach dem Objekt der Begierde mit ihren Krallen in Verästelungen verfangen könnten. Im Land können sich Windhunde auf vier Rennbahnen austoben, die 57 Mitglieder des Windhund-Rennvereins Staufen kommen vom Bodensee, aus Bayern und der Schweiz angereist. Zu gewinnen gibt es bei Rennen nur Pokale, anders als in England, wo um Geld gewettet wird. Ziel der deutschen Rennen sei es, dass sich die Windhunde richtig verausgaben können, sagt Ehmann: "So sind sie zufrieden und ausgeglichen." Unmittelbar nach dem Rennen freilich pulst massenhaft Adrenalin durch den Körper. Leary springt meterhoch in die Luft vor Begeisterung. Er hat sich gut verhalten, es wird wohl klappen mit der Rennlizenz. Auf seiner Akte hat der Bahnbeobachter, der ihn genau im Auge behalten hat, notiert: "Leary ist absolut hasenscharf."