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Schlichterspruch Das lange Warten hat ein Ende

Michael Isenberg, Jürgen Bock und Steffen Rometsch, vom 30.11.2010 13:01 Uhr
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Heiner Geißler hat seinen Schlichterspruch zum Bahnprojekt Stuttgart 21 am Dienstagnachmittag im Stuttgarter Rathaus verkündet. Foto: Stadt Stuttgart
Heiner Geißler hat seinen Schlichterspruch zum Bahnprojekt Stuttgart 21 am Dienstagnachmittag im Stuttgarter Rathaus verkündet. Foto: Stadt Stuttgart
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Stuttgart - Auch am letzten Tag macht es Heiner Geißler spannend: Erst am frühen Dienstagabend, nach zähen Verhandlungen mit den Konfliktparteien, spricht sich der Schlichter für Stuttgart21 aus. Die Bahn verspricht Korrekturen am Projekt, die Gegner kündigen neue Proteste an.

Um 17.10 Uhr hat das Warten ein Ende. Heiner Geißler verkündet den zentralen Satz seines Schlichterspruchs: "Ich halte die Entscheidung, S21 fortzuführen, für richtig." Zuvor hatte Geißler langatmig den schwierigen Weg zur Schlichtung rekapituliert. Dann nähert er sich in kleinen Schritten dem eigentlichen Lösungsvorschlag an, den er schließlich als "Stuttgart21 PLUS" präsentiert.

 

 

Wasser für Wartende

"Ich kann den Bau des Tiefbahnhofs nur befürworten, wenn entscheidende Verbesserungen vorgenommen werden", betont Geißler. Manches auf Geißlers Liste der Verbesserungen erscheint leichter machbar, wie die Verbreiterung der Bahnsteige für Menschen mit Behinderung, Familien, Kinder, Alte. Andere Punkte sind mehr von psychologischer Bedeutung, wie die Versetzung alter Bäume im Schlossgarten. "Verpflanzen, nicht umsägen", sagt Geißler. Die größten Brocken nennt er zum Schluss: Seiner Meinung nach müsste die Bahn am Flughafen, bei Wendlingen, Zuffenhausen oder Cannstatt die Schienenwege ausbauen oder nachbessern. Im Tiefbahnhof fordert der Schlichter statt der von der Bahn geplanten acht Gleise eine Erweiterung auf zehn Gleise, falls sich dies in einem "Stresstest" als notwendig erweisen sollte.

Die Konfliktparteien hören dem Schlichterspruch 36 Minuten lang ohne eine erkennbare Regung zu. Die Bürger vor der Rathaustür reagieren schneller: Noch bevor Geißler endet, skandieren sie "Oben bleiben!" oder "Mappus weg!" Die Rufe dringen gut vernehmlich bis nach oben in den Sitzungssaal im vierten Stock.

Nur Minuten zuvor hatte im überfüllten Großen Sitzungssaal, einen Stock unter den Schlichtungsgesprächen, noch eine Stille geherrscht wie kaum einmal zuvor in den vergangenen Wochen. Viele der Besucher hatten seit 12 Uhr mittags ausgeharrt, als Geißler seinen Spruch noch für 13 Uhr angekündigt hatte. Die Geduld mancher Zuschauer ist dadurch arg strapaziert, irgendwann bringen Bedienstete der Stadt Wasser für die Wartenden. Doch als Geißlers Entscheidung über die Großbildleinwand flimmert, könnte man eine Stecknadel fallen hören. Sie löst Beifall und Buhrufe aus.

Viele Demonstranten packt die blanke Wut

Es dauert ein paar Momente, bis die Projektgegner, die im Saal in der Mehrzahl sind, sich der Bedeutung des Schlichterspruchs klar werden. Einige nicken anerkennend, weil Geißler hohe Bedingungen an die Bahn stellt. Bei anderen entlädt sich blanke Wut. Unter "Lügenpack"-Rufen drängen sie zur Treppe. Der Sicherheitsdienst und Stadtrat Hannes Rockenbauch (SÖS) versuchen zu beruhigen. "Der Widerstand geht weiter, aber nicht hier und heute im Rathaus", ruft Rockenbauch. Dafür erhält er Applaus, aber auch Buhrufe. Gerüchte von "Panzerfahrzeugen im Schlossgarten" machen die Runde. Die Nerven liegen blank.

Auch die Konfliktparteien finden nach und nach deutliche Worte. "Wir streiten weiter für den Kopfbahnhof, auch auf der Straße, so freundlich und friedlich wie bisher", kündigt Werner Wölfle (Grüne) an. Trotzdem werde man auch die Bahn zu "klaren Aussagen" drängen, wie es bei Stuttgart21 weitergehen soll. "Logisch wäre eine Fortsetzung des Bau- und Vergabestopp, bis der Stresstest gemacht ist", sagt Brigitte Dahlbender, Landesvorsitzende des BUND. "Wir werden uns mit den Verbesserungsvorschlägen auseinander setzen", verspricht Bahn-Chef Grube.

"Längst nicht alle Fakten auf dem Tisch"

Dass der Schlichterspruch teuer werden würde, hatten Bahn, Land, Stadt und Region bereits befürchtet. "Das Thema steht schon im Raum", heißt es unter den Projektträgern. Nach Informationen dieser Zeitung gibt es offenbar Überlegungen, die drohenden Mehrkosten "außerhalb" der Finanzierung von Stuttgart21 anzusiedeln. Nur so könne man die von Grube formulierte Sollbruchstelle von 4,5 Milliarden Euro umgehen. Derzeit wird das Projekt auf 4,088 Milliarden Euro kalkuliert. BUND-Chefin Dahlbender beziffert die Kosten für die zusätzlichen Infrastrukturmaßnahmen auf "mindestens 500 Millionen Euro".

"Wir müssen deutlich machen, dass wir in der Schlichtung nicht Stuttgart21 zugestimmt haben, sondern nur notwendigen Verbesserungen", betont Boris Palmer (Grüne). Der Tübinger OB, der sich in der Schlichtung als eloquenter Kritiker hervorgetan hatte, verfolgt den Schlichterspruch nur noch von der Zuschauerbank aus. "Mit uns in der Landesregierung sollte und könnte das Projekt beendet werden", meint Palmer. Am 27.März 2011 ist Landtagswahl.

Dass es am Dienstag alles in allem kein leichter Gang werden würde, erleben die Spitzenvertreter des Landes Baden-Württemberg und der Deutschen Bahn AG bereits am Morgen, beim Betreten des Rathauses. Die Parkschützer-Inititative hat an den Zugängen leere Leitzordner aufgetürmt. "Damit wollen wir demonstrieren, dass die Bahn in der Schlichtung längst nicht alle Fakten auf den Tisch gelegt hat", kritisiert Parkschützerin Anette Gonser: "So fehlt die Grundlage für eine gerechte Diskussion; die Schlichtung dürfte heute nicht zu Ende gehen."

Bereits um kurz nach 10 Uhr werden die Eingänge zum Rathauses wegen Überfüllung geschlossen. Etliche Bürger müssen draußen bleiben und warten. Mancher beschwert sich bei Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle, die zu vermitteln versucht.

Mappus, Grube und Schuster sind persönlich gekommen

Um kurz vor 10 Uhr beginnt im Mittleren Sitzungssaal die neunte und letzte Schlichtungsrunde. Zum Finale steigen die Chefs - anders als in den meisten vorangegangenen Runden - persönlich in den Ring. Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) und Bahn-Chef Grube werden von einem 20- oder 30-köpfigen Pulk von Journalisten, Kameraleuten, Tontechnikern und Fotografen umlagert. Wer die Hauptfigur ist an diesem Tag ist trotzdem klar: Schlichter Geißler kommt um 10.05 Uhr als letztes in den Saal. Er begrüßt alle 14 Teilnehmer am Verhandlungstisch mit Handschlag, lächelt, scherzt, ist charmant. Er weiß, dass jetzt alle Augen auf ihm ruhen. Geißler genießt es.

Um 10.12 Uhr gibt Geißler den Ring frei. In den Abschlussplädoyers haben beide Lager nochmals Gelegenheit, ihre kontroversen Standpunkte zu Stuttgart21 vor Geißler, den Kontrahenten am Tisch und dem Publikum der Live-Übertragung im Fernsehen und Internet auszubreiten.

Stuttgart21 habe sich der Schlichtung bewährt, sagt Bahn-Vorstand Volker Kefer. Dennoch könne das Projekt noch "in Einzelpunkten verbessert" werden. Zur Realisierung solcher Großprojekte sei ein "gesellschaftlicher Grundkonsens" notwendig, betont Kefer. Sein Unternehmen werde in Zukunft durch "deutlich mehr Transparenz" einen Teil dazu beitragen. Kefer erzählt, dass er in der Schlichtung auch persönlich dazugelernt, nämlich "Demut und Beharrlichkeit" Als Kefer schließt und ausdrücklich dem Schlichter dankt, wird auch auf der Gegenseite anerkennend auf den Tisch geklopft. Der smarte Manager ist in der öffentlichen Wahrnehmung einer der Gewinner der Schlichtung.

Mappus: Stuttgart21 soll ein "Bürgerprojekt" werden

OB Wolfgang Schuster, der in der Schlichtung kaum in Erscheinung getreten war, kündigt in seinem Plädoyer eine gemeinnützigen Stiftung an, welche die freiwerdenden 100 Hektar Bahnfläche vor Spekulation bewahren soll. Der OB schließt mit einem Appell: "Ich bitte Sie alle, ob Befürworter oder Gegner von Stuttgart21, die Meinung der anderen zu respektieren, damit ein friedliches Zusammenleben möglich ist."

Auch Ministerpräsident Mappus will den "Gesprächsfaden" mit der Gegenseite nicht abreißen lassen. Die neue Sachlichkeit habe der Stadt und dem Land gut getan. Die Gewinner der Schlichtung seien die Bürger. "Stuttgart21 solle ein "Bürgerprojekt" werden, betont Mappus.

Wie hoch die Hürden dazu sind, wird beim Vortrag von Wölfle sichtbar. Er lässt das Foto einer Stuttgart-21-Demo an die Wand im Saal projizieren und erinnert an den Wasserwerfer-Einsatz der Polizei am 30.September. "Der Einsatz hat das Ansehen der Landesregierung beschädigt. So bitter es klingt: Ohne diese Beschädigung hätte es die Schlichtung nicht gegeben."

Um 12.05 Uhr sind die Plädoyers gehalten. Dann ist Mittagspause, und dann beginnt das große Warten. Geißler wird immer wieder auf dem Flur gesichtet, wie er von einem Lager zum anderen wandert. Er will die Konfliktparteien nicht vor den Kopf stoßen und den Erfolg der Schlichtung riskieren. Doch er muss einige schmerzhafte Vorschläge in den Schlichterspruch einbauen. "Das ist wie beim Zahnarzt", erzählt ein Teilnehmer einer solchen internen Vermittlungsrunde. "Es tut nicht furchtbar weh, aber Spaß macht es auch nicht gerade."

Kommentare (51)
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DEZ
01
19:05 Uhr, geschrieben von Sammie Drechsler
Einziger Verlierer - das Volk! Das diesen Wahnsinn bezahlt!
Wer hat bei der Schlichtung durch Heiner Geißler gewonnen? Auftraggeber Stefan Mappus, der das vergiftete Angebot der Grünen, Hilfe von außen zu holen, clever zu seinem Vorteil drehte. Jetzt hat sein umstrittenes Bahnhofsprojekt das Siegel des Edelvermittlers. Ich habe die ausweichenden Aussagen der Grünen noch im Ohr. Wollten sie den Bau des Irrsinnsprojekt S21+NBS wirklich verhindern???? So gesehen könnte dieser Schlichtungsspruch möglicherweise eine Win-Win-Situtation für Mappus und die Grünen sein. Der einzige Verlierer ist – wie so oft – das Volk.
DEZ
01
18:59 Uhr, geschrieben von Jozef Filser
Der Filz bleibt - daran hat Geissler nichts geändert.
Und die profitgierigen Baufirmen stehen schon bereit um die Milliardenaufträge einzufahren. Für mich war diese Schlichtung deshalb eine Scheinveranstaltung. Mappus ging gestärkt aus dem Gewaltorgien-Donnerstag raus, die Grünen haben mit Geissler den Bock zum Gärtner gemacht. Mit Recht haben die Parkschützer von vornherein auf die Teilnahme verzichtet. Sie können weiterhin mit gutem Gewissen ihren und unseren Schlosspark verteidigen.
DEZ
01
18:30 Uhr, geschrieben von Margit Kunzke
Cui bonum?
Sehr geehrter Herr Geissler, Schade, daß Sie mit Ihrem Schlichtungsspruch eine Chance verpasst haben, Stuttgart vor dem kapitalistische Wirtschaftssystem zu retten, dessen Bekämpfung sie auf Ihrer Website propagieren. Sie werden die Fertigstellung von Stuttgart21 kaum mehr erleben, es sei denn, Sie werden 95 Jahre alt. Was ich Ihnen durchaus wünsche und wenn es nur darum sei, daß Sie noch sehen können, was Sie mit Ihrem Schlichterspruch möglicherweise angerichtet haben. Stuttgart wird durch Stuttgart 21 bis zur Unkenntlichkeit entstellt werden und nicht mehr das Stuttgart sein, welches wir kennen und lieben. Der Trend zur Globalisierung der Umwelt geht in Stuttgart unaufhaltsam weiter. Sie hätten ihn mit einem anderen Spruch vielleicht aufhalten können. Schauen Sie sich die Gegend um den Rotebühlplatz und die Kronprinzenstraße und die Zone zwischen Tübinger Straße, Eberhardstraße und Hauptstätter Straße an. Hier wurde rücksichtslos alles abgerissen, was einst typisch für Stuttgart war. Heute stehen dort nur noch charakterlose Gebilde aus Stahl und Beton, die so neutral häßlich sind, daß man nicht weiß, ob man in Stuttgart, Düsseldorf oder Hamburg ist. Stuttgart war nach dem Krieg zu 60% von Bomben zerstört. Von den erhaltenen 40% Bausubstanz zerstörten die Bagger in den Jahren danach 80% . Und die Zerstörung geht weiter....nun dank Ihrer Unterstützung. Was mögen Stadtplaner und Architekten beim Anblick ihrer düsteren nahezu baumfreien Wüste aus Beton, Stahl und Glas fühlen, die mit ihren spärlich gestreuen Blumen einen Affront gegen die wenigen erhaltenen viel älteren umliegenden Häusern in der Calwer Straße darstellt? Hoffentlich wenigstens etwas Reue und Scham. Meine Schwiegermutter war einst Stadträtin in Stuttgart. Sie berichtete schon in den frühen 1980er Jahren die Gleisfläche des Hauptbahnhofes von bestimmten Leuten als hochinteressante Immobilieninvestition gehandelt werde. Stuttgart21 ist von langer Hand vorbereitet. Ganz sicher nicht zum Wohl der Bürger. Glauben Sie wirklich, Mappus und die Spätzle Connection werden Ihrer Empfehlung folgen und das ehemalige Gleisgelände „schonend, umweltfreundlich und menschenfreundlich“ bebauen. Ich muß Sie als in jeder Hinsicht alten Politiker jetzt nicht fragen, auf welchem Stern Sie eigentlich leben, oder? Cui bonum? fragt man sich bei Stuttgart21. Den Bürgern nützt dieser zerstörerische Ausbau des Bahnhofs gar nichts. Meinen Sie wirklich, daß die Bürger an einer Zeitersparnis von 3,4 oder auch 10 Minuten interessiert sind, wenn dafür ihre Stadt zerstört wird ? Und lohnt es sich für eine Zeitersparnis von wenigen Minuten Milliarden zu investieren und den gewachsenen Kern der Stadt zu zerstören? Sie lieben ja Zitate. Ich zitiere Ihnen etwas aus dem Buch Momo von Michael Ende, das ich seit vielen Jahren schätze und das man als Pflichtlektüre in Schulen einführen sollte: „Eine gespenstische Gesellschaft grauer Herren ist am Werk und veranlasst immer mehr Menschen, Zeit zu sparen. Aber in Wirklichkeit betrügen sie die Menschen um diese ersparte Zeit. Denn Zeit ist Leben, und das Leben wohnt im Herzen. Je mehr die Menschen an Zeit sparen, desto ärmer, hastiger und kälter wird ihr Dasein und desto fremder werden sie sich selbst. Die diese zunehmende Lieb- und Leblosigkeit am deutlichsten zu fühlen bekommen, sind die Kinder. Aber ihr Protest verhallt ungehört...“ Ich hoffe, Sie können damit leben, daß Sie diese Proteste nicht hören wollten. Margit Kunzke
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