Schauspielhaus Stuttgart Die unendliche Sanierungsgeschichte

Nicole Golombek, 31.01.2013 05:00 Uhr

Ein Techniker arbeitet kniend an der Drehscheibe, gelbe Funken fliegen. Außerdem auf der Bühne des Schauspielhauses: ein rotweißes Absperrband, Paletten, Kisten. Männer, die hämmern, schleifen, sägen, dazu dudelt, nicht ganz im Takt, im Hintergrund ­Hispanopop. An diesem Morgen im Schauspielhaus sind die Arbeiter damit beschäftigt, die Verkabelung an dem Stahlbau der Drehscheibe anzubringen – in drei bis vier Wochen soll sie funktionstüchtig sein, geplanter Übergabetermin ist der 28. Februar.

Der sechswöchige Puffer ist zwar aufgebraucht, und mit dem Einbau ist man im Rückstand, doch die für die Sanierung zuständige Landesbaubehörde ist zuversichtlich. „Gearbeitet wird jetzt dafür in Sechstagewoche, rund zehn Stunden täglich“, sagt Melanie Zachmann, Sprecherin des Finanzministeriums, dem die Baubehörde unterstellt ist. Diese hatte zu der Besichtigung eingeladen.

So wichtig auch den Theaterleuten eine rasche Übergabe ist – die eigentlichen Pro­bleme sind längst nicht ausgestanden. so sagt der Geschäftsführende Staatstheater-Intendant Marc-Oliver Hendriks: „Wir wissen erst Ende April, ob die Bühnentechnik, also das Herzstück der Sanierungsarbeiten, wirklich funktioniert. Für den technologischen Durchlauf benötigt man mindestens zweimal drei Wochen, bis man alle Kombinationen ausprobiert hat und sagen kann, ob die Elemente ineinandergreifen.“ Erst dann also wird sich zeigen, ob die Zuschauer im Juni noch eine Premiere in der Intendanz des nach Weimar ziehenden Schauspielchefs Hasko Weber im Schauspielhaus erleben werden. Zu wünschen wäre es. „Hasko ­Weber“, sagt Hendricks, „hat hier eine große Heldengeschichte geschrieben. Es wäre ein würdiger und wichtiger Akzent, dass wir noch gemeinsam zum Abschluss kommen.“

Im Sommer hatte Verwaltungsrat weitere Schließung des Schauspielhauses beschlossen

Auch den Zuschauern wünscht man das. Denn die aktuellen Bauarbeiten beobachtet man an diesem Morgen ganz gut von den neuen Sitzen aus. Arbeiter packen die letzten Kartons aus, nur noch wenige Sitze an den Seiten müssen montiert werden.

Zur Erinnerung: Im Sommer hatte der Verwaltungsrat eine weitere Schließung des Schauspielhauses beschlossen, um die neue, doch nicht funktionierende Drehscheibe auf der Bühne ebenso wie die unzumutbaren Sitze gegen neue auszutauschen. Ein Segen sei es gewesen, dass die Intendanz so auf den Austausch der Stühle gepocht habe, sagt der technische Leiter des Theaters, Reiner Darr. „Die neuen Sitze bringen viel mehr Komfort.“ Er führt einen hinauf in die oberen Ränge: Die alten neuen Sitze waren so konstruiert, dass ein Mensch von 1,82 Meter Größe an nicht dort sitzen konnte, ohne sich zu verknoten.

Jetzt sind die Sitzpolster und Holzlehnen etwas schmaler, die Rückenlehne reicht nicht mehr bis hinunter auf den Boden, und unter den Sitzen sind Blechrinnen angebracht. So haben die Zuschauer viel mehr Beinfreiheit und stupsen trotzdem mit ihren Füßen nicht diejenigen, die vor ihnen sitzen. Auch sind die Sessel zwei Zentimeter breiter als die alten.

Also: Man sitzt wirklich ganz ausgezeichnet. Und man sieht und hört jetzt wieder von überall. Denn auch dies Malheur ist glücklich behoben. Die Beleuchtungsrinnen an der Seitenwand wurden schmaler gemacht, die Verschalung geknickt. Die Rinnen standen zuvor so weit heraus, dass auf 16 der rund 661 Sitze kein freier Blick auf die Bühne möglich war.

Land wegen ­Planungsfehlern und Fehlern der Firmen in Regressverfahren

Ungeklärt bleibt weiterhin, wer für all die Sanierungsmehrkosten von 5,5 Millionen Euro aufkommt. Die Stadt hatte sich bisher geweigert, sich daran zu beteiligen. „Das Land“, sagt Melanie Zachmann, „ist wegen ­Planungsfehlern und Fehlern der Firmen in Regressverfahren.“ Und das Staatstheater Stuttgart? „Seit Sanierungsbeginn bis Ende der laufenden Spielzeit erwarten wir Mehrkosten von 6,5 Millionen Euro“, sagt Marc-Oliver Hendriks. Sie berechnen sich aus Kosten für den Bau der zwei Ersatzspielstätten, geringere Einnahmen durch weniger Vorstellungen und geringere Platzkapazitäten.

Geplant war, dass sich das Staatstheater mit drei Millionen Euro beteiligt. 3,2 Millionen Euro zusätzlich habe das Land für die Sanierung nun dem Staatstheater zugebilligt, sagt Melanie Zachmann. Marc-Oliver Hendriks erklärt dazu: „Für das Jahr 2013 haben wir für diverse, auch allgemeine Kostensteigerungen einen Mehrbedarf von 8,8 ­Millionen Euro insgesamt beantragt. Die Hälfte des Geldes, also 4,4 Millionen Euro, hat das Land in den Staatshaushaltsplan eingestellt.“ Davon aber soll wiederum die Stadt sich hälftig beteiligen, und das ist noch nicht geklärt. Es bleibt also spannend, weit über den 28. Februar hinaus.

 
 
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