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Schauspielhaus Kampf an einer Mängelfront

Nicole Golombek, vom 25.01.2012 11:55 Uhr
Eins der großen Probleme im Schauspielhaus ist die Drehbühne Foto: Dreher
Eins der großen Probleme im Schauspielhaus ist die Drehbühne Foto: Dreher

Stuttgart - Nein, es hat kein Weihnachtsgeschenk gegeben für Schauspielintendant Hasko Weber und das Ensemble. Der bereits einmal verschobene Übergabetermin für das sanierte Schauspielhaus, 23. Dezember, konnte wieder nicht eingehalten werden. „Betroffen ist jetzt das Herz des Theaters“, wie Hasko ­Weber sagt. Die Bühnentechnik. „Wir haben es mit einer drastisch schwierigen Situation zu tun. Wir haben vor einem Jahr um eine Verschiebung der Wiedereröffnung gebeten gegen den Widerstand der Vermögens- und Hochbauverwaltung. Nun ist der Bau immer noch nicht fertig.“ Die Techniker hatten keine Zeit, das Zusammenspiel von komplett neuer Bühnentechnik, Licht- und Tonanlage erst zu erproben– das findet nun parallel zu den Probenarbeiten auf der Bühne statt. ­Hasko Weber, der am 17. Februar mit Schillers „Don Karlos“ die Wiedereröffnung bestreiten will: „Wir kämpfen an einer Mängelfront. Unsere Kollegen von Ton und Technik kommen gerade von einer Nachtschicht.“

Die Mängelliste ist durch den jetzt erst möglichen Praxistest täglich länger geworden – drei eng bedruckte Seiten sind es inzwischen. Gestern informierte sich der Verwaltungsrat des Theaters noch einmal in einer außerordentlichen Sitzung über den schlechten Stand der Dinge und beschloss: Ja, es wird gespielt – trotzdem. „Wir sind dem Theater sehr dankbar“, sagt Oberbürgermeister Schuster, turnusgemäß in diesem Jahr Vorsitzender des Verwaltungsrates, „dass es in ein nicht fertiggestelltes Haus umzieht. Es sind erhebliche Mängel vorhanden.“

Mängelliste wurde durch den Praxistest länger

Dass, wie seit Dezember bekannt, die Sitze nicht in den Zuschauerraum hineinpassen und es auf 20 Plätzen Sicht- und Akustik­behinderungen gibt, ist längst nicht mehr das größte Problem. Betroffen ist nun die Bühnentechnik. Hasko Weber schwenkt die Zettel mit der Mängelliste: Die Tischversenkung – ein Meter auf ein Meter große Bühnen­stücke, die man hinauf- und hinunterfahren lassen kann – funktioniert nicht, die Drehbühne ist nicht teilbar und kann nur mechanisch benützt werden, was enorm zeitaufwendige Umbauten im Spielbetrieb bedeutet. „Einzelne Aufführungen“, sagt Weber „müssen gestrichen werden, wir arbeiten an einem Sonderspielplan.“

Die Orchesterpodien vorne auf der Bühne sind nur in Minimalgeschwindigkeit fahrbar und die Schleifgeräusche extrem hörbar. Auch das Ballett ist von dem Pfusch be­troffen, das am 23. März einen Abend mit drei ­Uraufführungen geplant hat, die schon im Herbst hätten gezeigt werden sollen. Unter Mühen konnten sie verschoben werden, „die Choreografen Mauro Bigonzetti, Marco ­Goecke und Edward Clug sind alle mehrere Jahre im Vorfeld verplant“, erklärt der stellvertretende Ballettintendant Tamas Detrich. Das Problem: Weil Riegelpositionen „vergessen worden“ sind, ist es noch nicht möglich, die Bühne so abzusenken und zu arretieren, dass der Schwingboden für die Tänzer eingezogen werden kann.

Auch das Ballett ist von Pfusch betroffen

„Elementare Probleme bei der Untermaschinerie“ räumt Ministerialdirigent Wolfgang Leidig als Vertreter des Landes ein. Die Stadt Stuttgart und das Land Baden-Württemberg als Bauherren teilen sich die Sanierungskosten von 24 Millionen Euro. Leidigs Abteilungsleiter Thomas Knödler der im ­Finanzministerium angesiedelten Staatlichen Vermögens- und Hochbauverwaltung hatte bereits im Dezember in einem Pressegespräch angedeutet, dass die Hoffnung, mit einem Jahr Schließzeit auszukommen, unrealistisch gewesen sei. Verantwortungsbewusstsein sieht anders aus. „Ja“, sagt Leidig. Man werde herauszufinden versuchen, wie es zu den eklatanten Pannen kommen konnte. „Einen Namen oder ein Amt“, sagt Leidig, „kann ich Ihnen heute nicht nennen.“

Klar ist aber, wie auch Wolfgang Schuster betont, dass aus den Fehlern gelernt werden müsse, denn bald stehe die Sanierung der Oper an. Wer die Verantwortung trägt, Architekt oder Bauleiter (in diesem Fall in Personalunion Klaus Roth), Bauaufsicht, wer die Mehrkosten bezahlt, wird wohl in den nächsten Wochen und Monaten die Politiker und die Rechtsabteilungen beschäftigen.

Bald steht die Sanierung der Oper an

Auch wie lange es dauern wird, all die Mängel zu beheben – unklar. Geschäftsführender Intendant Marc-Oliver Hendriks: „Wir haben die Monate Juli bis September angeboten.“ Schließtage während der laufenden Saison sind wahrscheinlich, denn die Drehbühne wird nicht nur von Regisseur Sebastian Baumgarten am 18. Februar für Sartres „Das Spiel ist aus“ benützt werden wollen. Und jeder Schließtag kostet. „Die Verzögerung der Wiedereröffnung hat die Stuttgarter Staatstheater bereits 600 000 Euro gekostet“, sagt Marc-Oliver Hendriks.

Mit den ebenfalls aus dem laufenden ­Betrieb finanzierten Umbau und Einrichtung der Interimsspielstätte Niederlassung Türlenstraße und den Einnahmeausfällen durch weniger Sitzplätze dort sind das inzwischen vier Millionen Euro, jede zusätzlich Schließwoche im Schauspielhaus koste voraussichtlich noch einmal 50 000 Euro.

Kommentare (3)
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JAN
25
15:51 Uhr, geschrieben von Martin
Und die Alternative ist dann natürlich der Neubau ;-)
Es ist natürlich viel effektiver und Kostengünstiger das Gebäude im desolaten Zustand abzureißen und ein neues zu bauen während man den Theaterbetrieb für diese Zeit ins Freie verlagert... Wenn der Bahnhof vor einem vergleichbaren Problem steht (was hoffentlich nicht der Fall ist) wird mit dieser Logik der Betrieb für die nächsten 15 Jahre ausfallen oder der Steuerzahler hat die Kosten von Sanierung UND Neubau zu tragen und der frisch sanierte Bahnhof wird anschließend im sanierten Zustand abgerissen. Es lebe die Wegwerfgesellschaft!
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JAN
25
15:23 Uhr, geschrieben von Wolkenhans
Aber Herr Kunze!
Ihr Vorwurf an die "Theaterkämpfer für K21"(???) läuft ins Leere. Im Schauspielhaus (nicht "Kleines Haus", aufwachen!) wurde ja nicht während des Spielbetriebs renoviert ("rollendes Rad"). Das Fiasko hier wirft eher ein warnendes Licht auf die Zukunft von S 21 (siehe auch Elbphilharmonie).
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JAN
25
11:34 Uhr, geschrieben von Matthias Kunze
Eine Altbausanierung hat ihre Tücken...
Tja, ihr lieben Theaterkämpfer für K21, da sieht man mal, dass es halt doch nicht so einfach - und so billig - ist, ein altes Bauwerk zu sanieren, wobei es im Kleinen Haus ja eigentlich eine relativ einfache Baustelle ist, da nicht mitten im Spielbetrieb renoviert wird. Beim Sackbahnhof wäre das für unsere Kulturbonzen natürlich kein Problem, "unter rollendem Rad" zu sanieren, gell?
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