Schauspiel „The King’s Wives“ und „Demon Crater“ Die doppelte Unterwelt

Von Thomas Morawitzky 

Szene aus „The King’s Wives“ Foto: Marbach
Szene aus „The King’s Wives“Foto: Marbach

Die Reihe „Abschied von gestern“ des Stuttgarter Staatsschauspiels geht weiter mit zwei Uraufführungen. In der Spielstätte Nord kommen in „The King’s Wives“ verwitwete Frauen zu Wort, in „Demon Crater“ geht es in ein Wohngebäude in der Tübinger Straße.

Stuttgart – „The King’s Wives“ hatte am Freitag im Nord Premiere, der „Demon Crater“ öffnete sich am Samstag in der Tübinger Straße - hier wird das Publikum mit privaten Empfindungen konfrontiert, dort steigt es hinab in die Unterwelt und beginnt zu denken.

In der Mitte der Bühne, barfuß und mit aufgestütztem Arm, eine Krone schräg auf dem Kopf: Der König. Um ihn ein Kreis aus Stühlen, die royal anmuten; über ihm ein Kronleuchter. Der König tanzt, er stirbt. Auf den Stühlen sitzen sechs Frauen aus Stuttgart, die ihren Mann verloren haben, Witwen - an ihrer Seite, stehend, die Schauspieler, mit denen sie in den vergangenen Wochen über ihr Leben, ihre Erinnerungen, die Trauer gesprochen haben. Auf einem siebten Stuhl nichts als ein Kleid, doch hinter ihm auch eine Schauspielerin: Die Frau, die auf diesem Stuhl sitzen sollte, hat sich während den Arbeiten an „The King’s Wives“ zurückgezogen. Trauerkerzen auf einem Sims in der schwarzen Wand hinter der Gruppe; die Frauen nehmen von diesen Kerzen, stellen sie neben den König.

Die Witwen schweigen, die Schauspieler Florian Rummel, Andreas Leupold, Christian Czeremnych, Susanne Schieffler, Lucie Emons, Alexey Ekimov und Manja Kuhl werden zu ihren Stellvertretern auf dem Theater; Robert Kuchenbuch spielt den König. Es gibt Momente heiterer, turbulenter Erinnerung und Momente, in denen der Verlust mit schmerzlicher Deutlichkeit spürbar wird. Die Schauspieler sprechen Texte, spielen Szenen, alleine oder als Ensemble, die sie mit den verwitweten Frauen und mit Armin Petras erarbeiteten.

Der Krater in der Tübinger Straße

Die Bühne dreht sich, eröffnet neue Blickwinkel auf das Ensemble; die Darsteller kämpfen gegen den Wind oder tanzen, betrachten gemeinsam mit ihren schweigenden Begleiterinnen Erinnerungsstücke. Robert Kuchenbuch spielt den König - und einmal steht er, der ja durch seine Abwesenheit erst eigentlich zum König wird, tatsächlich wieder auf, um seiner Gefährtin auf die Beine zu helfen. Manja Kuhl, die zum Ensemble von „The King’s Wives“ gehört, erarbeitete selbst, über zwei Monate hinweg, mit 17 Künstlern aus vielen Städten den „Demon Crater“, der sich nun im Keller eines Gebäudes in der Tübinger Straße in Stuttgart-Mitte befindet. Ein Besuch in diesem Krater geschieht in drei Etappen: Da gibt es den Vortrag, den einer der Künstler vor dem Haus hält – sein Thema wird vom Publikum bestimmt, er spricht über den Dämonen, den Krater, die Demokratie, Begriffe, die klanglich zueinander in Bezug stehen, hier assoziativ ausgelegt werden.

Gespräch bei heißem Tee

Mitwirkung ist immer gefragt, Entscheidungsmechanismen, Gruppendynamiken, die Verantwortung des Einzelnen im Spiel wird mit dem Publikum thematisiert. Eine Station will nichts anderes, als dass die Besucher über solche Fragen diskutieren, Fragebögen ausfüllen - und tatsächlich, dies gelingt: Die Gespräche im Hof, eingehüllt in Decken und versorgt mit heißem Pfefferminztee, entwickeln sich lebhaft und tiefschürfend. Ganz sicher liegt das daran, dass die Menschen, die hier miteinander sprechen, zuvor hinab gestiegen sind, in den Krater, den Keller.

Dort sind sie Bildern, Formen, Tänzen, Installationen begegnet. Stimmen, die durcheinander rufen, von Politikern, Demokraten, Faschisten; flackernden Bildschirmen, ruhigem Keyboardspiel, pulsierendem Lärm, Höhlenmalereien.

Eine Frau in einem Federkostüm steht da, spricht ausdruckslos, apathisch den Text eines Liedes von Tom Waits: „I don’t wanna grow up“. In einem zentralen Raum flackert künstliches Licht, aus dem Worte entstehen - am schwersten lesbar ist das Wort „Liebe“. In einer Kammer werden die Besucher von völliger Finsternis umschlossen - sie tragen Kopfhörer und erleben, wie sich jedes Geräusch, das sie verursachen, jedes Wort, das sie im Dunkeln sagen, in einen hallenden, unverständlichen Chor mischt.

Die Dämonen - Schauspieler, gehüllt in die Gewänder antiker Priester, mit Tierköpfen aus Pappe - gehen umher, im Keller, im Hof, schreiten zwischen den Diskutierenden hindurch. Bis sie, ganz zuletzt, die Masken abnehmen.

The Kings Wives im Nord: Do, 17 Uhr(Restkarten); Sa 22 Uhr. Demon Cater, Tübinger Straße 77/1: Sa 21 Uhr

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