Schäfer aus Magstadt „Das ist der Todesstoß für die Schäfereien“

Von Marc Schieferecke 

Behält er recht, muss Karlheinz Krüger  seinen Stall nahe des Steinbruchs bei Magstadt in naher Zukunft aufgeben – wegen der Rückkehr des Wolfes. Foto: factum/Granville, dpa
Behält er recht, muss Karlheinz Krüger seinen Stall nahe des Steinbruchs bei Magstadt in naher Zukunft aufgeben – wegen der Rückkehr des Wolfes. Foto: factum/Granville, dpa

Naturschützer wollen, dass Schäfer ihre Herden mit Elektrozäunen und speziellen Hunderassen vor Wölfen schützen. Das hält der Schäfer Karlheinz Krüger aus Magstadt aus schlichten Gründen für Unfug.

Böblingen - Schäfer in Großstadtnähe leben in schmalen Nischen. Ihr Geschäft ist die Pflege ökologisch wertvoller Kleinflächen in unwegsamem Gelände. Dazu zählen auch Naturdenkmäler und ehemalige Steinbrüche. Das Ehepaar Krüger steht beispielhaft für solche Kleinbetriebe, die eher Hobby als Geldquelle sind. Karlheinz Krüger hat vor einem Jahr den Streit um den Wolf im Land vorausgesagt. Nun prophezeit er das Ende der Schäferei, zunächst für sich selbst. Herden gegen die Räuber zu schützen sei schlicht zu teuer.

Herr Krüger, Sie sind Schäfer aus Überzeugung für den Naturschutz. Was sagen Sie zu der Meinung der Naturschützer zum Wolf?
Seither konnte ich zu fast 100 Prozent hinter dem Nabu stehen, dem Naturschutzbund Deutschland, aber nicht mehr, seit das Thema Wolf in den Medien ist. Als Schäfer schaut man natürlich intensiver hin. Dann sieht man, dass der Wolf außerhalb von Baden-Württemberg schon enormen Schaden anrichtet bei den Haltern von Schafen, Kühen und Pferden. Es werden auch Fohlen gerissen. 700 Wölfe durchstreifen Deutschland. Die haben bisher 3500 Nutztiere gerissen.
Beispiele gibt es aus Norddeutschland, welche sind die gravierendsten?
Nicht nur in Norddeutschland haben die Schäfer enorme Probleme. Wir waren in der Schweiz, am wunderschönen Matterhorn. Da fluchen die Schäfer nur noch. Die sagen: Entweder das Wolfsrudel muss weg oder die Alpe wird nicht mehr bewirtschaftet. Die sind schon so weit. Dort sind Schafe und Ziegen im Frühjahr hochgetrieben worden und frei gelaufen, der Schnee hat sie im Herbst wieder runtergedrückt. Diese Almwirtschaft funktioniert nicht mehr. Die Wölfe treiben die Schafe sogar in Abgründe. Dann gehen sie außenrum und fressen unten. Uns sagt man: Baut wolfsichere Zäune auf, mindestens 1,10 Meter hoch, obendrauf Flatterband. In vielen Schäfereien sind Frauen. Die können diese Netze nicht tragen, die sind zu schwer. Der Durchschnittsschäfer ist 56 Jahre alt. Ich weiß nicht, wer auf solche Ideen kommt. Dann wird gesagt: Schafft Euch Herdenschutzhunde an. Könnten wir machen, aber die Hunde kosten halt einen Haufen Geld.
Ihre Border Collies taugen zur Wolfsabwehr vermutlich nicht?
Nein, sicher nicht.
Welche Rassen taugen für die Wolfsabwehr?
Der italienische Maremmano, der Pyrenäenberghund, der türkische Cangal. Ich habe mich damit noch nicht auseinandergesetzt, weil die Kosten einfach zu hoch sind.
Der Cangal ist berühmt und berüchtigt.
Ja, es gab gerade wieder einen Fall, wo eine Frau angefallen wurde. Klar, das hätte auch ein Schäferhund sein können, aber die sind nicht so massiv und kräftig.
Mit wie viel Geld müssten Sie rechnen, um mit Hunden Wolfsrudel abzuwehren?
Die Erfahrung zeigt, dass man mindestens zwei Hunde braucht, eher drei. Ein gut ausgebildeter Hund kostet 2000 bis 3000 Euro. Ich bin auf Kleinflächen spezialisiert, teilweise unter einem Hektar. In Spitzenzeiten unterteile ich in sechs Herden mit etwa 150 Schafen und 50 Ziegen. Jetzt können sie es sich ausrechnen. Hauptberufsschäfer wie auf der Schwäbischen Alb haben in der Regel 1000, 1500 Schafe, unterteilt in zwei bis drei Herden. Schon die wollen sich diese Hunde nicht leisten.
Wie wird ein solcher Hund ausgebildet?
Die Hunde wachsen in der Herde auf, müssen dann sozialisiert werden. Der Schäfer muss lernen, mit ihnen umzugehen. In Baden-Württemberg hatten wir seit etwa 200 Jahren keinen Wolf. Dieses Fachwissen ist verloren gegangen. Jetzt ist man darauf angewiesen, die Hunde in Italien oder Frankreich zu kaufen. Das lassen die sich gut bezahlen, klar.
Was müssten Sie mit einem solchen Hund nach der Ausbildung noch tun?
Der Hund muss sich noch an uns und die Herde gewöhnen. Das Problem ist im stadtnahen Bereich, dass Leute auch in die Herde reintölpern, sogar über den Zaun fallen, das ist uns alles schon passiert. Wenn der Herdenschutzhund sieht, der Zaun wurde übertreten, dann greift er an. Der macht keinen Unterschied zwischen Gut und Böse. Man sagt uns, wir sollen solche Hunde halten und Elektrozäune aufstellen. Aber eine Richtlinie in Baden-Württemberg besagt, dass man Hunde nicht hinter stromführenden Einfriedungen halten darf. Eine zweite schreibt vor, dass jeder Hund eine Schutzhütte braucht. Bei sechs Hunden würde das heißen, dass ich sechs Hütten durch die Gegend fahren müsste. Das alles ist der Todesstoß für die Schäfereien.
Das wäre eigentlich erst die letzte Frage gewesen: Was bedeutet es für Ihren Betrieb?
Dass wir aufhören müssen, ganz klar. All dieser Mehraufwand müsste bezahlt werden, aber die Landratsämter wollen nicht mehr Geld ausgeben, sondern immer weniger. Wir Stadtschäfer haben die Arschkarte. Wir sind auch in Leonberg tätig, direkt neben dem Autobahnkreuz. Wenn der Wolf reinspringt, bleibt die Herde ja nicht stehen. Dann hat man einen Autounfall und einen Haftpflichtfall. Das zahlt die Versicherung ein-, zweimal. Beim dritten Mal gehen die Beiträge nach oben. Dann wird es aus dieser Richtung unfinanzierbar.
Aus politischer Sicht ist das Finanzielle einfach geregelt. Wenn Wölfe Tiere reißen, bekommen die Halter eine Entschädigung. Warum sind Sie damit unzufrieden?
Wenn das so ein Bürokratismus ist wie alle anderen Anträge, dann bringe ich im Frühjahr meine Leistung und im Dezember werde ich bezahlt. Welcher Handwerker würde das durchstehen? Außerdem muss erst genetisch bewiesen werden, dass es ein Wolf war, kein Hund. Dann kann man doch gleich sagen: Du kriegst pro gerissenem Schaf 150 Euro, egal ob Hund oder Wolf, auf die teure Gentechnik verzichten wir. Dieses Geld dürfte auch nicht der Nabu verwalten, der den Wolf unbedingt will. Ein solcher Etat gehört im Forst- oder Landwirtschaftsbereich angesiedelt.
Vom Geld abgesehen: Garantieren Zäune und Schutzhunde Sicherheit?
Ich zitiere dazu gern Laurent Garde vom Forschungszentrum für Viehzucht in Frankreich. Der Mann hat das Thema 20 Jahre lang wissenschaftlich begleitet. Er sagt klipp und klar: Der Schutz hält ein, zwei Jahre. Dann lernt der Wolf, die Zäune zu überwinden oder zu unterbuddeln. Der lernt auch, mit Herdenschutzhunden umzugehen. Der Wolf ist kein dummes Tier. Ich finde auch, er ist ein tolles Tier, aber er gehört dorthin, wo er willkommen ist. In den Wäldern wäre das okay, auch wenn sie mich dafür im Bayerischen Wald lynchen würden. Dann gehört reguliert, dass der Wolf sein Gebiet nicht verlässt. Das kann man den Tieren beibringen. Tut es einer doch, dann gehört er vergrämt, im schlimmsten Fall auch erschossen.
Wir sitzen hier im Großraum Stuttgart – nicht gerade die angenehmste Umgebung für Wildtiere. Gibt es Beispiele, wo Wölfe in verstädtertes Gebiet eindringen?
Der Wolf ist ein Kulturfolger. In Tschechien läuft er mitten durch Städte. Der ernährt sich dort aus dem Mülleimer und reißt auch Hunde.
Gibt es denn irgendeine tatsächlich praktikable Lösung?
Ich sehe keine Möglichkeit. Das sagt auch Laurent Garde klipp und klar: Entweder Wolf oder Weidetierhaltung, beides geht nicht. Wenn man den Wolf will, dann muss man ihm Gebiete ausweisen.
Und falls sich diese Erkenntnis nicht durchsetzt?
Dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Schäfereien aufhören. Das hat dann Folgen für die Natur. Nehmen Sie das Insektensterben zum Beispiel. Das sind genau die Flächen, auf die der Schäfer geht, die nicht maschinell bearbeitbar sind. Dort leben die Insekten, nicht auf den intensiv bewirtschafteten Flächen. Und wenn die Schäfer die Wiesen nicht mehr beweiden, dann werden sie innerhalb von kurzer Zeit zu Wald. Diesen Teil unserer Kulturlandschaft gibt es dann eben nicht mehr.
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