Säuglinge Babys: Bäuerchen mit Folgen

Regine Warth, 01.12.2012 16:00 Uhr
Ist das Spucktuch immer nass, fangen die Eltern an, sich Sorgen um die Gesundheit des Kindes zu machen. Doch manchmal helfen ganz einfache Mittel, damit die Nahrung dort bleibt, wo sie hingehört. Nämlich im Magen.

Stuttgart - Babys sind Säufer. Gemessen am kleinen Körper nimmt so ein Säugling erstaunliche Nahrungsmengen zu sich. So trinkt ein fünf Kilogramm schweres Baby mühelos 700 Milliliter. Umgerechnet auf einen 85 Kilogramm schweren Erwachsenen müsste dieser etwa zwölf Liter pro Tag trinken. Wird dann noch Luft mitgeschluckt, ist es ­also kein Wunder, dass der Druck im Magen steigt und so der Inhalt wieder nach draußen befördert wird – wo bestenfalls ein Lätzchen wartet.

Bäuerchen sind meist harmlos. Hat das Baby nach der Nahrung brav aufgestoßen, erntet es auch von den Eltern oft noch ein ­anerkennendes „Gut gemacht!“. Doch kommt nach dem ersten Bäuerchen ein zweites, ein drittes und dazu gleich ein ganzer Schwall an Milch, wächst die Sorge, ob hinter dem Spucken etwas Ernsthaftes steckt.

Bei seiner Arbeit im Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin am Stuttgarter Olga­hospital begegnet Thomas Heigele oft besorgten Eltern von sogenannten Speikindern. Und kann dann meist beruhigen. Denn „in den allermeisten Fällen gibt es keinen Grund beunruhigt zu sein“, sagt der Kinderarzt. Flüssiges Aufstoßen, medizinisch Gastroösophagealer Reflux genannt, ist bei Säuglingen sehr häufig. Untersuchungen haben gezeigt, dass zwei Drittel aller Kinder in den ersten sechs Lebensmonaten mindestens einmal am Tag spucken. Doch sobald sie mit Beikost gefüttert werden, bessert sich das Spucken häufig. „Bis zum Ende des ersten Lebensjahres hört das Spucken bei den meisten Kindern auf“, so Heigele.

Säuglinge spucken auch bei fiebrigen Infekten

Zu einer Krankheit wird das Spucken erst, wenn das Baby unter den Folgen des häufigen Erbrechens leidet – es Nahrung verweigert, nicht mehr an Gewicht zunimmt oder es Probleme mit seinen Lungen gibt. Mediziner sprechen dann von einer Gastroösophagealen Refluxkrankheit. Heigele und erzählt von einem kleinen Patienten namens Lars, fünf Wochen alt, der abgemagert und blass ins Olga­hospital eingeliefert wurde. „Bei ihm war der Magenausgang, der sogenannte Magenpförtner, zu eng“, sagt Heigele. So konnte die Nahrung nicht richtig in den Darm weitertransportiert werden. Eine Operation konnte die Fehlbildung richten.

Säuglinge spucken aber auch bei fiebrigen Infekten. Ein weiteres Anzeichen für ein krankhaftes Spucken ist ein chronischer Husten. In solchen Fällen gelangt der Mageninhalt beim Spucken in die Lunge und an den Kehlkopf und löst dort ständige Entzündungen und Infektionen aus.

Manchmal steckt hinter dem Spucken auch eine Kuhmilch-Eiweiß-Unverträglichkeit. In diesem Fall rät der Kinderarzt der stillenden Mutter für vier Wochen versuchsweise auf Produkte zu verzichten, die Kuhmilch enthalten. Wer sein Kind schon mit dem Fläschchen füttert, sollte in diesem Fall lieber zu Säuglingsnahrung mit hoch aufgespaltenen Kuhmilcheiweißen greifen.

Röntgen-Brei-Schluck-Untersuchung nur als Ausnahme

Meist reicht den Ärzten eine klinische Untersuchung sowie die Krankheitsgeschichte eines Kindes aus, um zu erkennen , ob es an einer gastroösophagealer Refluxkrankheit leidet. Selten muss das Kind per Ultraschall auf Fehlbildungen untersucht werden. Auch die sogenannte Röntgen-Brei-Schluck-Untersuchung, bei der das Kind geröntgt wird, um den Weg der Nahrung zu verfolgen, helfen nur in Ausnahmen bei der Diagnose weiter. Zudem gibt es noch die sogenannte Langzeit-pH-Metrie-Messung in Kombination mit einer Impedanzmessung: Mit ihr kann der ph-Wert in der Speiseröhre bestimmt werden. Daran können Ärzte zudem ­erkennen, wie weit der Speisebrei Richtung Mund zurückfließt.

Den meisten Speikindern ist aber schon mit wenig geholfen: Beispielsweise indem geklärt wird, in welcher Lage das Kind isst – ob im Liegen oder im Sitzen. Das kann schon dazu führen, dass das Kind mehr oder eben weniger spuckt. „Sich Zeit beim Füttern lassen“, rät Heigele, das sei wichtig. Auch sei nicht jede Unruhe Ausdruck von Hunger. „Oft wollen Kinder gar nicht die Flasche, sondern anderweitige Aufmerksamkeit.“

Wer in das Milchfläschchen ein bisschen Johannisbrotkernmehl oder Reisstärke mischt, sorgt ebenfalls dafür, dass der Nahrungsbrei am Ende beim Kind dort bleibt, wo er hingehört. Im Magen. „Allerdings muss man dann auch damit rechnen, dass das Kind durch das Andicken der Nahrung zusätzlich Kalorien aufnimmt und etwas weniger trinkt“, sagt Heigele. Manchmal werden auch unterschiedliche Kräutertees für Mutter und Kind empfohlen. „Es gibt jedoch keine Belege, dass solche Tees einen positiven Nutzen haben“, sagt Heigele.

„Speikinder sind in unserer Gesellschaft ein Tabu“

Krankhaftes Spucken mit Medikamenten zu behandeln hält Heigele nur in den wenigsten Fällen für sinnvoll, da die Medikamente bei längerfristigen Einnahme auch Nebenwirkungen haben. Die Zeit, so Heigele, ist oft das beste Medikament. „Meistens erledigt sich das Problem nach einem Jahr von selbst.“

Bis dahin heißt es für die Eltern von Speikindern, stets frische Kleidung bereitzuhalten – für sich und für das Baby. Und vor allem gelassen zu bleiben. „Speikinder sind in unserer Gesellschaft ein Tabu. Keiner gibt gern zu, dass sein Kind ein Speikind ist“, sagt der Arzt. „Meistens klappt’s aber dann, wenn die Eltern akzeptieren: mein Kind hat keine ernsthafte Erkrankung.“

 
          7
 
Kommentare (0)
  1. (Logout)
  2. Die Redaktion veröffentlicht ausgewählte Kommentare auch in der gedruckten Ausgabe der Stuttgarter Nachrichten. Voraussetzung ist, dass der Beitrag mit Namen, Postanschrift und E-Mail (Adressen werden nicht veröffentlicht) vorliegt.
Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich.

Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben.

Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt. Alternativ können Sie sich mit Ihrem Facebook-Account anmelden.