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Rutesheim Endlich Hilfe für todkranke Schmerzpatienten

Rafael Binkowski, 24.05.2013 08:20 Uhr
„Wir können nichts mehr für Sie tun.“ Wenn ein Arzt diese Worte sagt, bricht eine Welt zusammen. Oft kommt ein jahrelanger Leidensweg an sein Ende. Jetzt gilt es für Krebspatienten nur noch, die letzten Tage würdevoll, ohne allzu starke Schmerzen und im Kreise der Familie zu verbringen.

Leonberg - „Wir können nichts mehr für Sie tun.“ Wenn ein Arzt diese Worte sagt, bricht eine Welt zusammen. Oft kommt ein jahrelanger Leidensweg an sein Ende. Jetzt gilt es für Krebspatienten nur noch, die letzten Tage würdevoll, ohne allzu starke Schmerzen und im Kreise der Familie zu verbringen.

Genau dafür gibt es jetzt im Kreis eine Anlaufstelle. Obwohl das Gesetz schon seit 2007 solche Angebote vorschreibt, ist der Landkreis nicht untypisch für Region und das ganze Land. Denn nur 50 Prozent der Menschen haben einen solchen Notanker in ihrer Nähe, wie eine Anfrage an das Sozialministerium ergab.

Sie hilft, wenn die Ärzte nichts mehr tun können

Es geht um Fälle wie von Erika M. Die 78-Jährige hat Darmkrebs im Endstadium. Wie meistens hat das Krankenhaus bei Claudia Gussmann angerufen, die in der Leonberger Sozialstation die Anfragen aus dem ganzen Landkreis entgegen nimmt. Erika M. will zu Hause sterben, aber ihr Ehemann ist mit der Situation überfordert. „In den ersten drei Nächten hat er im Stundentakt bei uns angerufen“, erzählt Claudia Gussmann. Seine Frau bekomme schlecht Luft, habe Schmerzen, oder Panikattacken.

Häufig hilft es schon, wenn die Mitglieder des Palliativ-Care-Teams einfach nur reden. „Wir beraten, betreuen die Angehörigen, im Zweifel gehen wir vor Ort, stellen die Medikamente anders ein“, berichtet Gussmann. Der Ehemann von Erika M. ruft übrigens kaum noch an – er weiß aber, dass er es tun kann. „Die Frau sitzt jetzt mit einem Lächeln im Bett, die Lage ist deutlich entspannter“, sagt Gussmann.

Seit dem 1.April ist die gelernte Krankenschwester und Palliativ-Expertin dafür fest angestellt, seit dem 6. Mai ist sie in der Leonberger Sozialstation die Anlaufstation für den gesamten Kreis. Ihr Arbeitgeber ist der Verein Insel, dessen Vorsitzender Reinhard Ernst. „Dass ein Palliativ-Care-Team von einem ehrenamtlichen Verein getragen ist wird, ist einzigartig“, sagt er.

Blickt man in die Nachbarkreise der Region, so ist die im Fachjargon SAPV genannte Nothilfe für todkranke Schmerzpatienten meistens an Krankenhäusern angesiedelt. In Stuttgart zum Beispiel beim Marienhospital, wo Claudia Gussmann zuvor gearbeitet hat, oder in Esslingen oder Ludwigsburg (siehe Infokasten). Manche Kreise haben allerdings auch noch keine solche Anlaufstelle, wie Göppingen oder der Rems-Murr-Kreis.

Endlich eine Anlaufstelle im Kreis

Im Kreis Böblingen haben ehrenamtliche Strukturen indes Tradition. Den Verein Insel gibt es schon seit zwölf Jahren. „Bislang haben wir nur kostenlose Beratungen für Patientenverfügungen gemacht“, erzählt Reinhard Ernst. In Renningen kämpft zudem Martina Steinbrenner schon seit 2010 dafür, dass es professionelle Strukturen gibt. Der Tod ihres Bruders war der Anlass dafür. „Er war erst 39 Jahre alt, gerade zum zweiten Mal Papa geworden und hatte kurz zuvor einen neuen Job gefunden“, erzählt sie. Nach nur fünf Monaten starb er an einem Lungenkarzinom. „Er hatte mit fürchterlichen Schmerzen zu kämpfen. Wir haben viel zu lange gebraucht, bis wir Schmerztherapeuten gefunden hatten“, sagt sie.

Erst die letzten drei Wochen sei es gelungen, ihren Bruder zu Hause so zu betreuen, dass er in Würde und ohne extreme Schmerzen gehen konnte. Seither kämpft sie für ein Palliativ-Care-Team, damit Angehörige in solchen Extremsituationen sich nicht noch mit Bürokratie und Zuständigkeiten rumschlagen müssen. „Unser wichtigstes Ziel ist, eine erneute Krankenhauseinweisung zu vermeiden“, sagt Claudia Gussmann. Es gehe um Lebensqualität. Vier Ärzte und acht Pflegekräfte im ganzen Landkreis helfen ihr dabei, auch mal eine Nadel zu legen – die Teammitglieder haben stets einen Rucksack voller Medikamente.

Bis der Kreis dieses Notfallangebot hatte, gingen allerdings jahrelange Verhandlungen voraus. „Im Jahr 2008 hat der Landrat erstmals zu einem Gespräch eingeladen“, erzählt Reinhard Ernst, der Geschäftsführer der Sozialstation. Erst als er Vorsitzender des Insel-Vereins wurde, kam neuer Schub in die Gespräche. „Wir sind sehr froh, dass es ein Konzept gibt, dass die Krankenkasse mitträgt“, erklärt Dusan Minic, der Sprecher des Landrates.

Eine stellt Claudia Gussmann klar: „Wir leisten keine Sterbehilfe.“ Obwohl manche danach gefragt hätten – man lasse der Natur ihren Gang. Ihr Fazit: „Ich nehme von den Angehörigen viel Kraft mit.“

 
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