Rotlichtmilieu Die Huren des Elends

Joe Bauer, 16.07.2011 09:04 Uhr
Wie sich das Milieu auf dem Straßenstrich der Stuttgarter Altstadt verwandelt hat.

Stuttgart - Seit Jahren karren Busse aus Osteuropa junge Prostituierte und Zuhälter in die Stuttgarter Altstadt. Auf dem Straßenstrich herrscht blankes Elend. Die alten Zeiten im "Städtle" existieren nur noch in romantisierten Erinnerungen.

An der Kebab-Station in der Stuttgarter Altstadt, in der Nähe der Leonhardskirche, dem Treffpunkt der Gestrandeten, wartet Günther vor seinem Koreaner-Kombi auf alte Kumpel. Früher wäre ihm kein anderer Wagen als ein Daimler auf den Hof gekommen. Die Zeiten haben sich geändert. Günther wird demnächst siebzig, und da reicht ein Spießer-Koreaner, auch wenn der Fahrer noch immer dasteht wie ein Athlet im guten Mannesalter. Der Körper muskulös, das Haar frisch geföhnt und leicht getönt, wie damals. In den sechziger und siebziger Jahren war er ein guter Amateursportler und ein professioneller "Loddel". So nannte man im Viertel die Zuhälter.

Günther war einer von den "Jungs" im Rotlichtmilieu. Ein Junge drückte mit Seidenstrümpfen und Slippern an den Füßen die Pedale einer Stingray Corvette oder eines Daimler-Cabrio, am besten knallrot wie der SL der legendären Edelhure Rosemarie Nitribitt im Kino. Seine Arbeitskleidung ließ er beim Maßschneider in der Königstraße fertigen, tausend Mark pro Anzug. Einen Riesen konnte auch ein kleiner Zuhälter am Tag verdienen. Zwei, drei Damen schafften eine solche Summe mühelos netto an, auch wenn man die "Kuppe", den Hurenlohn, brüderlich teilte.

Ersatzfamilienstimmung herrschte an Weihnachten

Heute neigt man dazu, die alten Tage im Altstadt-Milieu zu romantisieren, die ewig verlockende Exotik käuflicher Erotik. "Familiär" sei es gewesen, sagt Günther, und womöglich ist das verglichen mit heute nahe an der Wahrheit. Ersatzfamilienstimmung herrschte an Weihnachten, wenn der Milieumusikant Kurt Hörber, in der Stadt als "Kotlett" berühmt, für die Huren und Luden "Ave Maria" auf der Geige spielte, im Finale seiner Show liegend auf dem Kneipenboden. Kotlett ist schon seit dreiundzwanzig Jahren tot, und bis heute sind es die Geschichten über Typen wie ihn, die man sich in nostalgisch verklärten Stunden erzählt. Keiner erinnert sich gern an die Schicksalsberichte aus den miesen Ecken des Schmuddels. Erst neulich hat jemand unter dem Pseudonym "die Tochter" einen Zeitungsartikel über das Rotlichtviertel mit Biografischem kommentiert:

"Es war einmal . . . ein Schreiner, der hatte eine Tochter und nicht viel Arbeit und wenig zu beißen. Frau und Tochter darbten an 5 Tagen der Woche. Es war Anfang der 60er, die Tochter war 17, die Mutter 34, der Vater Halunke. Am 6ten Tag der Woche kam der Befehl: wir fahren ins Städtle, A . . . schaffen . . . burg, dauerte meist 2 Tage, der Halunke hatte keine Arbeit und seinen Schnaps, die Mutter konnte ihre Rechnung beim Alimentari bezahlen, und die Tochter weinte . . . So war's damals im Städtle."

Es ist nicht menschlicher geworden im Städtle, wie man die Altstadt nennt. Ganz im Gegenteil. Die Prostitution im Quartier ist auf dem Tiefpunkt der Stuttgarter Rotlichtgeschichte angekommen, und es wäre nicht falsch, frei nach Dostojewski zu sagen, die unterste Stufe der Erniedrigung erzeuge eine Lust. Im Leonhardsviertel, dem ehemaligen, von der Politik heute vergessenen Stadtzentrum mit seinen alten, denkmalwürdigen Häusern, bieten sich junge Mädchen den Freiern inzwischen ab 15 Euro an.

 
 
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Kommentare (12)
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Oskar Ist schon länger als 1 Jahr her
Was gibts über dieses Thema viel zu diskutieren ? Das ganze Problem ist ein Problem unserer hochwohlgeborenen Politiker die niemals mit sochen Problem konfrontiert werden. Stuttgart könnte man gegen jede andere Großstadt austauschen. Überall die selben Probleme. Nur eines ist in Stuttgart anders ! Die Polizei lässt sich durch die EU Erweiterung regelrecht zum Narren halten, wobei die Politiker dabei zusehen. Stuttgarts Altstadt, welches als Rotlichbezirk ausgewiesen ist Sauber zu bekommen, ist regelrecht sehr Einfach. Baurechtlich vorbildlich errichtete aktuelle Häuser genehmigen. Altbestand den aktuellen Richtlinien anpassen oder verdammen. Eine bessere Kontrolle und Strafreglung für die illegale Strassenprostitution, sowie Wiedereinführung der Bockpflicht( wurde Leider abgeschafft aus Kostengründen) beim Gesundheitsamt. Ein Rotlichtbezirk gehört in jede Stadt, aber dann auch besser politisch organisiert. Das Problem in der Altstadt sind nicht die bestehenden geduldeten Häuser. Das Grundlegende Problem sind unsere Politiker die Angst haben unsere Deutschen Tugenden in unserem Multikulti Land wieder durchzusetzen. Und zum Thema Hells Angels ! Da wo sie sind ...herrscht teilweise noch Zucht und Ordnung.
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Anna Ist schon länger als 1 Jahr her
An jedem Artikel wird hier herumgenörgelt. Wahrscheinlich von denen, sie sonst nicht die Klappe aufkriegen. Warum sind die Leute nicht mal zufrieden, daß wenigstens einer kritisch berichtet. Blödsinn zu sagen, dass Joe Bauer Fakten verschweigt. Er nennt sie klipp und klar und kritisiert das Rathaus. Und woher weiß er, daß es Huren ohne Kondome machen? Weil viele krank sind, das wissen die Sozialarbeiter sehr wohl. Wenn Kondome gekauft werden heißt das noch lange nicht, daß sie benutzt werden. Ich bin froh, daß es einen Schreiber gibt, der sich auskennt in Stuttgart. Ich hatte Gänsehaut beim Lesen. ich kenne das Milieu.
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Gregor Ist schon länger als 1 Jahr her
Manchen Leuten kann man es anscheinend nie recht machen. Da kommt einer wie Joe Bauer und zeichnet endlich mal wieder ein treffendes Stuttgarter Milieubild, was außer ihm bei der Stuttgarter Presse gar keiner könnte, dann kommt einer ums Eck und schreit: Er 'verschweigt' Fakten. Klar und deutlich wird in diesem Artikel die Immobilien-Politik der Stadt im Städtle angeprangert, keiner macht das sonst... auch nicht die Besserwisser
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Mzungu Ist schon länger als 1 Jahr her
Wer die Kommentare liest, die auf Joe Bauers süffisant-kritische Beobachtung des Wandels des Stuttgarter Innenstadt- oder Nachtlebens folgen, mag sich wundern über die Bewertungen: negativ plus x. Was mögen das für Leute sein, die so bewerten und was mögen ihre Beweggründe sein? JB hat den Stuttgartern und der als solche bezeichneten Gesellschaft den Spiegel vorgehalten. Nicht mehr, nicht weniger - aber gekonnt. Mag sein, das das einigen Alterservilen ncht passt, aber der Autor hat recht.
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Wolfgang R Ist schon länger als 1 Jahr her
Woher weiss Jo Bauer, dass kaum noch Kondome im Städtle benutzt werden? Vom Gesundheitsamt? Von den etablierten Betreibern (denen die Konkurrenz auf der Strasse natürlich ein Dorn im Auge ist, müssen doch in den Laufhäusern die Frauen an dei 100 EUR pro Tag Miete bezahlen, in den Mietshäusern ist ein Zimmer für 40 EUR zu haben)? Ich kenne einen Kondomhändler, der jede Woche mehrere hundert Kondome im Leonhardsviertel verkauft. Ansonsten hat Jo Bauer gut beobachtet.
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