Streetgang in Göppingen „Boxclub“ spielt Bürgerwehr

Von Sascha Maier 

In ihren Kutten sehen die Fist Fighter, zu Deutsch Faustkämpfer, nicht gerade bürgerlich aus. Foto: Screenshot StZ
In ihren Kutten sehen die Fist Fighter, zu Deutsch Faustkämpfer, nicht gerade bürgerlich aus.Foto: Screenshot StZ

Eine Streetgang will auf Göppingens Straßen für Ordnung sorgen. Die Polizei hält davon gar nichts. In den sozialen Netzwerken agitieren die so genannten Fist Fighters auf üble Weise gegen Flüchtlinge.

Göppingen - Auf den ersten Blick mag die Aktion von Gentlemen-Qualitäten zeugen: „Heute morgen um 5 Uhr auf dem Heimweg fielen uns drei Frauen auf. Sie wurden von fünf Männern verfolgt. Die Frauen sagten verängstigt, sie würden verfolgt. Also alle Brüder raus aus dem Bus und die Sache freundlich geklärt. Anschließend haben wir die Frauen sicher zum nächsten Bahnhof gebracht.“

Polizei sucht die Hintermänner

Den Eintrag in einem sozialen Netzwerk hat die Gruppierung Fist Fighters South District, im Selbstverständnis eine Boxclub-Bruderschaft, mit Bildern illustriert. Dort posieren die Kuttenträger und geben sich entschlossen, selbst für Sicherheit in ihrer Umgebung, dem Raum Göppingen, zu sorgen. Und die Sicherheit, das zeigen etliche Beiträge in sozialen Netzwerken, sieht die Gruppe vor allem durch Flüchtlinge gefährdet. „So reagieren wir auf den Antanztrick“, heißt es beispielsweise über einer Abbildung, auf der ein Mann einen anderen mit der Faust niederschlägt.

Die Polizei beobachtet die Bürgerwehr-Mentalität, die die Gruppe im Internet zur Schau stellt, mit Sorge. „Wir sind aktuell dabei herauszufinden, wer die Hintermänner sind“, sagt Wolfgang Jürgens, ein Sprecher des zuständigen Polizeipräsidiums in Ulm. Details will er aufgrund der laufenden Nachforschungen nur wenige nennen. Jürgens glaubt, dass die Gruppe mit über 23 000 Unterstützern im Internet ihre Haltung vor allem aus Werbezwecken vertritt. Tatsächlich preisen die Fist Fighters auf ihrer Seite zwischen flüchtlingskritischen Kommentaren Merchandise-Artikel wie T-Shirts, Mützen oder Bauchtaschen mit ihrem Logo an: ein Totenkopf mit Stahlhelm vor dem Tatzenkreuz der Bundeswehr. Ein Gratis-Feuerzeug gibt es bei jeder Lieferung dazu, versprechen die Seitenbetreiber. Jürgens warnt junge Männer davor, der selbst ernannten Bürgerwehr beizutreten: „Es gibt dafür keinen Grund, die Polizei hat die Sicherheitslage in der Region voll im Griff. Außerdem bekennt sich in dem Internetauftritt niemand namentlich zu den Zielen, und die Männer zeigen sich nur vermummt.“ Das Landeskriminalamt schätzt, dass sich im Raum Göppingen seit Juli 2015 etwa 20 Personen in der Gruppe organisiert haben.

Bürgerwehr auch in Stuttgart

Es ist nicht das erste Mal, dass sich in der Region eine Art Bürgerwehr formiert – aber bisher vermutlich die durchsetzungsfähigste, die das Gesetz offenbar in die eigene Hand nehmen will. Nach den sexuellen Übergriffen auf Frauen in Köln und anderen Großstädten, für die unter anderem Flüchtlinge verantwortlich gemacht werden, haben sich prompt auch in Stuttgart einige Männer dazu berufen gefühlt, nachts in den Gassen im Kessel für Sicherheit zu sorgen. Die vier Mann starke Truppe aus dem bürgerlichen Milieu hat für ihre nächtlichen Spaziergänge unterschiedlichste Netzreaktionen geerntet – von Beifall bis Spott.

Bürgerlich geben sich die Fist Fighters allerdings nicht. Kampfsportler und Muskelpakete, die sich auf Gruppenfotos martialisch in Szene setzen – immer signalisierend, auch vor Gewalt nicht zurückzuschrecken. Unter anderem ist davon die Rede, Feinden „den Kopf abzureißen“.

Motorradfahren ist nicht das entscheidende Hobby

Ihre Ursprünge hat die Gruppierung in Bonn und Köln, der Bonner Chef der Faustkämpfer machte zuletzt Schlagzeilen, weil ihm ins Bein geschossen worden war. Die Polizei sprach von Auseinandersetzungen im Rockermilieu – obwohl Motorradfahren nicht zu den maßgeblichen Gemeinschaftsaktivitäten der Fist Fighters zählt, wie sie in Interviews mit der Rocker-Fachpresse betonen.

Im vorliegenden Text war eine Formulierung in Bezug auf die Fist Fighters enthalten, die nicht dem entsprach, was der Autor ursprünglich formuliert hatte. Auf seine Anregung hin haben wir die Formulierung im Text wieder gestrichen.

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