Rock-Legende The Who in der Schleyerhalle Als könnte die Zeit ihnen nichts anhaben

Von Bernd Haasis 

Sie können es noch: Pete Townshend (li.)  und Roger Daltrey von The Who am Montagabend in der Schleyerhalle Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Sie können es noch: Pete Townshend (li.) und Roger Daltrey von The Who am Montagabend in der Schleyerhalle Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

The Who gehören zur Gründergeneration der Rockmusik, die der Rebellion der 1960er Jahre den Soundtrack lieferte. Am Dienstagabend in der Schleyerhalle haben die beiden überlebenden Bandmitglieder gezeigt: Ihre Musik hat auch 40 Jahre später nichts von ihrer Magie verloren.

Stuttgart - Als The Who in den 1960er Jahren ungezügelte Musik zu spielen begannen, ­waren die Konzertsäle traditionsgemäß ­bestuhlt; dann zerlegte die Band auf der Bühne ihr Equipment und das Publikum unten ab und zu das Mobiliar. Schließlich wurden die Konzertsälen freigegeben für das überwiegend junge Publikum, das dort nun stehen, tanzen, sich ungehindert bewegen konnte.

2016 sitzen wieder alle in der Schleyerhalle – die Rockmusik ist gealtert wie ihre Zuhörer. Museal ist sie deshalb nicht, der Gitarrist Pete Townsend (70) und der Sänger Roger Daltrey (72) brennen am Dienstagabend in Stuttgart noch einmal ein Feuerwerk ab, als könnte die Zeit ihnen nichts anhaben. Mit achtköpfigem Ensemble zelebrieren sie eine große Rock’n’Roll-Show mit gut choreografiertem Licht, Video-Leinwänden und Hits wie „I can see for Miles“ (1967), „The Kids are Alright“ (1966) und den ultimativen Teenager-Aufruhr „My Generation“ (1965).

Mit scharfem Anschlag drischt Townshend seine unverwechselbaren Riffs aus der Gitarre, lässt dabei immer wieder seinen rechten Arm rotieren in jener Windmühlen-Manier, die ihn unter anderem ­berühmt ­gemacht hat. Kein virtuoser Solist wie seine Zeitgenossen Jimmy Page, Eric Clapton oder Jimi Hendrix, hat Townshend das Rock-Genre mit seinen fulminanten Akkorden doch entscheidend geprägt – und gemeinsam mit Ray Davies von den Kinks die Grundlagen dessen vorweggenommen, was zehn Jahre später als Punkrock die Welt auf ganz ­andere Art erschüttert hat.

Nach Belieben treibt Zak Starkey den Beat vor sich her

Lustvoll bearbeitet Townshend sein ­Instrument, erstaunlich agil tobt er durch seine Gitarrenecke am rechten Bühnenrand. Am Ende deutet er gar den für ihn typischen Scherensprung an und rutscht tatsächlich kurz auf Knien über die Bühne – wohl dem Senior, der zu derlei in der Lage ist.

Auch Daltreys Stimme ist noch intakt, der Sänger gibt sich nur wenige Blößen. Bei der Hymne „Love reign o’er me“ aus der Rockoper „Quadrophenia“ (1973) röhrt, fleht und beschwört er in den höchsten Tönen, als ­wäre das völlig selbstverständlich für einen 72-Jährigen. Nur selten schwächelt Daltrey ein wenig, etwa bei der Ballade „Behind Blue Eyes“, wovon allerdings die begleitenden Bewegtbilder auf den Leinwänden ­geschickt ablenken: Reminiszenzen an den unzähmbaren, 1978 verstorbenen Who-Drummer Keith Moon.

Dessen bewegliches, unvorhersehbares Spiel vollkommen verinnerlicht hat Zak Starkey, Sohn des Beatles-Schlagzeugers Ringo Starr und 1965 geboren, als The Who sich gerade anschickten, die Welt zu erobern; nun gibt er der Band schon seit 20 Jahren ihr Rückgrat. Ein Strom unbändiger Energie ist sein konstantes Wirbeln, nach Belieben treibt er den Beat vor sich her und generiert bei aller Offenheit doch immer rhythmische Muster, die haften bleiben – eine Offenbarung für Freunde virtuosen Handwerks.

Der verstorbene Bassist John Entwhistle ist nicht zu ersetzen

Ganz anders verhält es sich mit dem ­stets auf Augenhöhe präsenten Bass des 2002 verstorbenen John Entwhistle, der es immer verstanden hat, als Quasi-Solist die Lücken zu füllen, die der Riff-Schmied Townshend ihm bot; der walisische Mietmusiker Pino Palladino, früher schon bei Peter Gabriel und Phil Collins im Einsatz, mag alles mögliche spielen können, die unbändige Kraft des melodischen Gestalters Entwhistle, bei dem die Rebellion aus jeder Note sprach, vermag er nicht einmal im Ansatz zu reproduzieren.

Palladino ist der lebende Beweis dafür, dass eben nicht jeder ersetzbar ist. Und er vermittelt bei diesem ohnehin nostalgischen Konzert in besonders drastischer Weise das Gefühl, dem Ende einer Ära beizuwohnen. Statt einen Söldner anzuheuern, hätten Townshend und Daltrey sich einen jungen Wilden suchen können, einen, wie sie selbst einst welche waren – einen, der vielleicht über ihr Wirken hinaus hätte fortschreiben können, was sie einst angefangen haben.

Theateratmosphäre herrscht bei Songs aus der Rockoper „Tommy“

The Who funktionieren trotzdem in der Schleyerhalle Dank weiterer Begleitmusiker, darunter Townshends Bruder Simon an der Rhythmusgitarre, was wiederum für die Stärke ihres Repertoires spricht. Bei einer Zusammenstellung der schönsten Momente aus Townshends legendärem Konzeptalbum „Tommy“ (1969) lauschen die 9000 gebannt und mit einer gewissen Ehrfurcht: Der ­Gitarrist singt über die „Acid Queen“, die den Protagonisten mit halluzinogenen Drogen zu heilen versucht, und er meistert ­locker die rasant geschlagene Strophe des Evergreens „Pinball Wizard“, dem Daltrey eine Stimme gibt, ehe „See me, feel me“ und das hymnische „We’re not gonna take it“ für märchenhafte Theateratmosphäre sorgen.

In „Baba O’Riley“ singt Townshend vom „Teenage Wasteland“, „Won’t get fooled again“ (beide 1971) erinnert zum Abschluss eines denkwürdigen Abends ­daran, wie unvorhersehbar Rebellionen sein können und wie trügerisch Erwartungen. Dabei scheinen Townshend und Daltrey unbeirrt ganz bei sich zu sein, als wollten sie vor allem eines vermitteln: Es gibt nichts zu bereuen.

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