Rhythmische Sportgymnastik „Die Sportart ist cooler, als viele denken“

Von Julia Klassen 

Akrobatisch: Jana Berezko-Marggrander. Foto: Baumann
Akrobatisch: Jana Berezko-Marggrander.Foto: Baumann

Der Startschuss ist gefallen. In der Stuttgarter Porsche-Arena geht es seit Montag um die WM-Titel „in der schönsten Sportart der Welt“, wie Magdalena Brzeska sagt. Der ehemalige Star der Rhythmischen Sportgymnastik (RSG) hofft nun auf positive Nachrichten.

Stuttgart - Frau Brzeska, Kampfrichterskandal, Trainerskandale – Negativschlagzeilen gab es für die Rhythmische Sportgymnastik zuletzt genug. Jetzt läuft die WM in Stuttgart, Zeit für positive Nachrichten?
Grundsätzlich haben wir uns die Vorbereitungszeit auf die WM anders vorgestellt. Sportlich haben Veränderungen auf den Trainerpositionen zudem nicht zur Verbesserung beigetragen. Das hat unsere Einzelgymnastinnen etwas zurückgeworfen. Aber jetzt haben wir die WM im eigenen Land, und die Mädchen werden das Beste daraus machen.
Auf was oder wen freuen Sie sich denn am meisten?
Auf jeden Fall auf unsere Deutschen, auf Jana Berezko-Marggrander, Laura Jung und auf die deutsche Nationalgruppe. Auch wenn ich nach der WM-Woche sicherlich fix und fertig sein werde.
Warum?
Wenn ich unseren Mädels zuschaue, bin ich aufgeregter, als wenn ich selbst auf die Fläche müsste. Manchmal, wenn meine Gymnastinnen von der TSG Söflingen Wettkampf hatten, habe ich am Tag danach Muskelkater, weil ich die Übungen innerlich mitmache und mich total anspanne.
Eine Heim-WM bedeutet auch Druck. Noch dazu, wenn es wie bei dieser um die ­Olympia-Qualifikation geht. Wie können die Mädchen damit umgehen?
Für Jana und Laura ist das wohl der wichtigste Wettkampf ihrer Karriere. Es ist wahrscheinlich ihre letzte Chance, sich für Olympische Spiele zu qualifizieren. Aber es wird sehr schwierig. Wenn Jana fehlerfrei durchkommt, hat sie eine Chance, zu den besten 15 zu gehören und nach Rio zu fahren.
Für die Gruppe wäre alles andere als die ­Qualifikation aber eine Enttäuschung, oder?
Ja, weil dann auch die Gefahr besteht, dass die Sportart für eine Weile in der Versenkung verschwindet. Aber die Gruppe hat das drauf. Sie hatten im vergangenen Jahr beim Weltcup in Stuttgart so viel Pech, sonst hätte es für eine Medaille gereicht. Jetzt müssen sie zeigen, was sie können, und vor allem nervenstark sein. Das ist nicht einfach vor eigenem Publikum. Man neigt dazu, übermotiviert zu sein. Ich hoffe, der Schuss geht nicht nach hinten los.
Auf wen oder was dürfen sich die Zuschauer in der Porsche-Arena sonst noch freuen?
Neben den deutschen Starterinnen sicherlich auf die Russin Jana Kudrjawtsewa, die derzeit weltbeste Gymnastin. Es ist ein Genuss, ihr zuzuschauen. Wer noch nie Rhythmische Sportgymnastik gesehen hat, sollte die Gelegenheit in Stuttgart nutzen. Er wird begeistert sein – und sich wundern.
Über was?
Die RSG ist eine ganz andere Sportart geworden als die, die manche noch im Kopf haben. Sie ist cooler, lockerer und eleganter, als viele denken. Früher war alles strenger. Aber heute sind die Mädchen älter, sie haben ihren eigenen Kopf, entscheiden selbst, was sie machen wollen und was nicht. Das war zu meiner aktiven Zeit nicht denkbar. Dazu passt das Motto der WM „Enjoy your rhythm“ – wir wollen uns fröhlich präsentieren, nicht so steif. Allen, die Vorurteile haben, kann ich nur raten: Hingehen und sich eines Besseren belehren lassen.
Aber ganz ohne Trainingshärte, Disziplin und Zwang geht es in der Rhythmischen Sport­gymnastik doch auch heute nicht, oder irren wir uns?
Natürlich nicht. Auch die deutschen Mädchen müssen acht Stunden am Tag trainieren, um solche Leistungen zu bringen. Aber glauben Sie mir, sie haben meistens Spaß und Freude an dem, was sie tun.
Im vergangenen Jahr konnte man daran allerdings zweifeln. Gleich gegen drei Trainerinnen wurde ermittelt. Der TSV Schmiden trennte sich im November von Galina Krilenko wegen Vorwürfen, sie sei handgreiflich geworden. Der Deutsche Turnerbund (DTB) und Karina Pfennig trennten sich im Juli zudem wegen schwerer Anschuldigen einer ehemaligen Team-Gymnastin im beiderseitigen Einver­nehmen. Haben Sie diese Vorfälle überrascht?
Um es vorweg zu sagen: Bei uns im Training geht es nicht leise zu. Aber jede Trainerin ist anders. Einige versuchen es auf eine liebe Art und Weise, andere können schon mal lauter werden, und es fallen Ausdrücke, die so nicht fallen sollten. Die Geschichte mit Galina Krilenko fand ich sehr schade. Laura (Jung, d. Red.) hat sich mit den Anschuldigungen keinen Gefallen getan. Aber ich bin mir sicher, sie hat das auch nicht so gewollt und war sich der Tragweite ihrer Worte nicht bewusst. Letztlich standen die beiden Einzelgymnastinnen mitten in der WM-Vorbereitung fast ein halbes Jahr ohne feste Trainerin da.
Kann man aus den Vorfällen auch positive Aspekte herausziehen?
Im Prinzip ist es gut, dass mal genau hingeschaut und aufgeräumt wurde. Die Mädchen haben nun zum Beispiel einen Ansprechpartner, zu dem sie mit Sorgen und Problemen kommen – und dabei anonym bleiben können.
Und der neue Standortmanager Michael ­Breuning hat gleich mal die Waage in der Halle abgeschafft . . .
Das ist eher ein symbolischer Akt. Zu meiner Zeit wurden wir während eines Trainingstages bis zu viermal auf die Waage gestellt. Heute ist das nicht mehr so streng. Die Mädels wiegen sich selber, weil sie wissen, wie sie sich präsentieren wollen und wie sie sich in ihrer Haut wohlfühlen.
Für die kommende Woche wünschen Sie sich viele positive Schlagzeilen. Welche wäre Ihre liebste?
Das ist einfach: „Alle deutschen Gymnastinnen sind in Rio dabei“.
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