Die Krise drohe im Jahr 2012, heißt es aus mehr oder weniger gut informierten Kreisen derzeit häufig. Wie schwarze Gewitterwolken kurz vor dem Ausbruch laste die Gefahr des wirtschaftlichen Abschwungs über unseren Häuptern. Staatsbankrott, Euro-Crash, Depression – alles sei denkbar. Und auch die Reisebranche, unken manche Stimmen dumpf, werde es diesmal hart treffen. Ich, ehrlich gesagt, spüre davon nichts. Im Gegenteil: Ich werde in den kommenden 365 Tagen viel öfter, viel länger und viel weiter unterwegs sein als in den vergangenen Jahren.
Meine Reiseplanung steht schon bis in den Dezember hinein, und, seien Sie versichert, es geht dabei hoch her. Schon am 14. Januar nächtige ich in einem der strohgedeckten Luxusbungalows, die auf Stelzen in der Lagune von Rangiroa in der Südsee stehen: Palmen, weißer Sand, blaues Meer – und sicher gehe ich im Atoll auch ein wenig schnorcheln. Im April wandere ich durch die sanften Hügel der Toskana, die zu dieser Jahreszeit von Mohn überzogen sind wie von einem roten Teppich. Kräuter duften, Bienen summen, und im Hintergrund bewachen die dunklen Schwerter der Zypressen die alte Stadt Pienza. Im September studiere ich die Architektur der Casa Battló in Barcelona, jenes Haus, dessen Kamine an die Zacken auf dem Rücken eines Drachen erinnern. Antoni Gaudí, der berühmte katalanische Architekt, hat es für einen Textilunternehmer entworfen. Danach muss ich unmittelbar weiter zu einem Haydn-Konzert in Schloss Esterhazy im ungarischen Fertöd, dessen Höhepunkt die „Abschiedssymphonie“ ist, die der Meister dort geschrieben hat. Im November sitze ich anlässlich des Tages der Toten in Peru mit den Menschen von Pujilì auf ihrem Friedhof zusammen und tafle und trinke hoffentlich ausgelassen.
Und an Silvester 2012, auch das steht schon fest, bummle ich durch das 28000 Quadratmeter große Petersen Automotive Museum in Los Angeles, lasse mich von Weißwandreifen, Ledersitzen und Heckflossen begeistern und wundere mich, wo all die Tage hingegangen sind. Das Erfreulichste aber ist: Ich muss mich in diesem kommenden Jahr um keinerlei Organisation kümmern. Tickets, Unterkunft, Visa, Geldwechsel, kundige Führer – die komplette Logistik wurde mir abgenommen. Wobei die Planer, sie kennen ihren Mann, mir doch so einiges zumuten. Höchst verzwickte Reisewege haben sie sich da ausgedacht: Mal schicken sie mich von einem Test französischer Seifen in Marseille weiter zum Kalligrafiekurs nach Hongkong und gleich darauf zum Schafehüten nach Lesotho im südlichen Afrika. Ein andermal heißt es Dudelsackspielen beim „Ommegang“ in Brüssel, eine Woche später die Rotröcke mit den Bärenfellmützen bei der „Trooping the Colours“-Parade in London begleiten und gleich darauf schon im Feinkostpalast Jelissejew an der Twerskajastraße in Moskau Beluga-Kaviar, Schampus und Bärenschinken bunkern.
Wahrlich abenteuerliche Gabelflüge sind fest eingeplant: Vom Sarangapani-Tempel im indischen Kumbakonam kommend, habe ich am nächsten Tag im Villnösser Tal in den Südtiroler Dolomiten anzutanzen, ehe es direktemang weitergeht zum Tassili n’Ajjer, jener Gebirgskette in der Sahara, wo die berühmten kugelrunden Felsen herumliegen. Oder: Tulum in Mexiko, Schloss Kastelholm auf Aland, Teneré-Wüste in der Sahara – alles in drei Tagen. Fast schon eine Zumutung, der eine oder andere Jetlag ist da programmiert.
Versteht sich, dass diese Art der Weltenbummelei Kondition, Gleichmut und höchste Flexibilität erfordert. Geradezu verwegen muss ich im Handumdrehen Klimata, Kulturen und Kontinente wechseln: Vom nördlichen Afrika am 28. September – ein Bummel durch den Souk von Medina – geht es am 29. und 30. an die Ostküste der USA (Leuchtturmbesteigung in Maine) und dann direkt weiter nach Osteuropa: Prag, Veitsdom, 1. Oktober: Besuch am Grab des Heiligen Johannes von Nepomuk. Aber auch die Wahl der Verkehrsmittel hat es in sich: Habe ich gerade noch zu Fuß ein nubisches Dorf erkundet, angle ich tags darauf schon im Fischerboot vor dem kroatischen Rovinj nach Meeräschen, ehe ich am dritten Morgen mit müden Augen in der Straßenbahn über die Hügel von Lissabon rattere. Und das Tag für Tag für Tag.
Es ist, zugegeben, ein anspruchsvoller Reiseplan, der mir während dieser zwölf Monate einiges abverlangen wird. Trotzdem gehe ich davon aus, die vorgegebenen Routen einhalten zu können, alle Termine pünktlich wahrzunehmen und jeden Morgen guter Dinge und voller Vorfreude mein neues Ziel ins Auge zu fassen. Höre ich da einen unmutigen Seufzer: „Ach, Reisejournalist müsste man sein!“ Oder: „Wohl reich geerbt, was? Und jetzt nichts Besseres mehr zu tun?“ – Wieso der Ärger? Neid ist fehl am Platz. Den Fotokalender „Reise 2012. Städte – Menschen – Landschaften“ gibt es in jeder gut sortierten Buchhandlung. Für 17,99 Euro steht sie uns allen offen, die große, schöne, weite Welt.
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