Regisseur Ulrich Seidl „Der Weiße gibt den Ton an“

Dieter Oßwald, 07.01.2013 14:33 Uhr
Liebe, Glaube und Hoffnung sind die Themen der neuen Trilogie des österreichischen Ausnahmeregisseurs Ulrich Seidl. Der dritte Streich „Hoffnung“ läuft in diesem Februar bei den Berliner Filmfestspielen.

Liebe, Glaube und Hoffnung sind die Themen der neuen Trilogie des österreichischen Ausnahmeregisseurs Ulrich Seidl. Der dritte Streich „Hoffnung“ läuft in diesem Februar bei den Berliner Filmfestspielen.

Herr Seidl, Ihre Filme handeln meist vom Elend dieser Welt – muss man Sie sich als glücklichen Menschen vorstellen?
Ein glücklicher Mensch kann man nicht sein. Glücklich kann man nur in bestimmten Momenten sein. Ich bin jemand, der mit sich selbst sehr kritisch ist und die Welt skeptisch sieht.

War es ein glücklicher Moment, dass Sie mit dem zweiten Teil der Trilogie auf dem Festival von Venedig für einen Skandal sorgten, weil einigen Gläubigen das Werk zu blasphemisch war?
Das sind die kleinen Freuden, die man bekommt. (Lacht) Mit so einer Reaktion hatte ich ganz und gar nicht gerechnet, darauf kann man nie spekulieren. Ich mache meine Filme, wie ich sie selbst für richtig halte. Wie das Publikum auf meine Filme reagiert, kann ich nicht vorhersagen. Überraschenderweise wurde in Venedig sehr viel gelacht.

In diesem ersten Teil geht es um Sextourismus. Finden Sie Prostitution verwerflich?
Nein, gar nicht. Mir geht es auch gar nicht um eine moralische Bewertung. Ich zeige Verhältnisse auf, die dort in Afrika herrschen.. Dabei steht ständig die Frage im Raum: Warum gibt es so etwas? Die Antwort reicht in unsere Gesellschaft: Warum finden diese Frauen ihr Glück nicht bei uns, sondern müssen es anderswo suchen? Offensichtlich entsprechen sie mit ihrem Aussehen und ihrem Alter nicht mehr unseren hiesigen Vorstellungen von Attraktivität. 

Worin liegen für Sie die Ursachen dafür?
Wir leben in einer verstellten Medienwirklichkeit. Auf der einen Seite gibt es ein verordnetes Schönheitsideal, dem man als Frau entsprechen muss. Zum anderen spielt das Alter eine Rolle in einer Gesellschaft, die nach Jugend giert. Dieses Schönheitsideal möchte ich infrage stellen und auch in der vorgeblichen Hässlichkeit das Schöne entdecken.

In welcher Tradition steht dieser Sextourismus zur kolonialistischen Ausbeutung?
Dieser Tourismus ist durchaus eine Form des Kolonialverhaltens, aus diesem Grund spielt die Geschichte in Afrika. Der Weiße ist derjenige, der das Geld besitzt und den Ton angibt. Und der Schwarze ist derjenige, der das entgegenzunehmen hat.

Man könnte einwenden, dass die Menschen dort ohne diese Ausbeutung noch weniger zum Lebensunterhalt hätten.
Nein, die Einnahmen dieser touristischen Ressorts fließen zum großen Teil zurück ins Ausland, weil dort deren Besitzer leben. Dem Land selbst kommt dadurch fast nichts zugute.

 
 
Kommentare (1)
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R.S. Ist schon länger als 1 Jahr her
Es ist doch klar, warum Frauen nach Afrika oder in die Karibik fliegen, um Männer kennen zu lernen. Die Herren dort sind nicht käsebleich und rundherum besser gebaut. Was nutzt der dickste Geldbeutel, wenn dessen Besitzer schlecht aussieht? Ich kann diesen Frauentourismus verstehen, obwohl ich ein Mann bin.
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