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Redaktionsbesuch Der Wort-Kämpfer hält inne

Hilmar Pfister , vom 11.08.2010 05:00 Uhr
Franktionschef der Landtags-Grünen Winfried Kretschmann Foto: dpa
Franktionschef der Landtags-Grünen Winfried Kretschmann Foto: dpa

Stuttgart - Der Mann hat Großes vor, "Epochales", wie er sagt. Winfried Kretschmann, der Fraktionschef der Landtags-Grünen, will Baden-Württemberg regieren. Welche Parteien ihm dabei helfen sollen? "Alles ist möglich." Doch vorher verteilt er noch kräftig Seitenhiebe gegen die politische Konkurrenz.

Als es zur Sache geht, zieht Winfried Kretschmann sein Jackett aus, legt es über die Stuhllehne und beugt sich nach vorne. Er trägt ein Kurzarmhemd, es sieht verknittert aus. Für Nebensächlichkeiten wie morgendliches Bügeln hat Kretschmann wohl keine Zeit. Es gibt Wichtigeres zu tun, vor allem an diesem Morgen beim Besuch in unserer Redaktion. "Ich bin ein alter Kämpfer", sagt er. Und Kämpfer bügeln nicht. Sie diskutieren, analysieren, versuchen, die Menschen auf ihre Seite zu ziehen, sie von sich zu überzeugen. Manchmal stört ein Jackett dabei nur. "Ich muss es jetzt ausziehen", sagt er in die Runde, "ich echauffier' mich schon wieder so." Es geht um das Großprojekt Stuttgart 21.

"Die Drexler'sche Knute wirkt nicht mehr"

"Das sind tiefgreifende Veränderungen für dieses Land", ruft er, und seine Stimme überschlägt sich, so wie sie das immer tut, wenn er in Rage gerät. Ob die Grünen denn nur Trittbrettfahrer seien, die den vielen Demonstranten nach dem Mund redeten? Kretschmann hält kurz inne, überlegt, und man befürchtet schon Schlimmes für seine armen Stimmbänder. Doch dann antwortet er ganz ruhig, in entspannter Tonlage. "Diesen Schuh lass' ich mir nicht anziehen." Von Anfang an hätten die Grünen davor gewarnt, hätten Auskunft verlangt über Kosten, Bauzeit und andere Unsicherheitsfaktoren. "Wir haben dieses Thema nicht erst jetzt entdeckt."

Kretschmann ist ein Mann der Gesten. Wenn er seinen Worten Nachdruck verleihen will, stößt er beide Handkanten auf die Tischplatte. Spricht er über ein Thema wie Stuttgart 21, fuchtelt er mit den Händen, wie wenn er ein riesiges Wollknäuel entwirren will.

Kretschmann kennt die Macht der Worte. Deshalb wirbt er auch mit Vehemenz für das jüngste Moratorium der Stuttgart-21-Gegner, den sogenannten Stuttgarter Appell, dem bis Anfang dieser Woche rund 12.000 Menschen im Internet zugestimmt haben. "So ein Moratorium bedeutet, man hält noch mal inne und führt eine offene Diskussion." Denn die sei dringend notwendig, schließlich würden immer mehr Befürworter ins Lager der Gegner wechseln. Sagt Kretschmann und nennt als Beispiel die SPD im Stuttgarter Landtag. "Da bröckelt die Zustimmung gewaltig." Und das trotz eines Stuttgart-21-Sprechers namens Wolfgang Drexler, Vizepräsident im Landtag mit SPD-Parteibuch? "Die Drexler'sche Knute wirkt nicht mehr bei der SPD", sagt Kretschmann. Immer nur den Deckel obendrauf zu halten - "das nützt nichts mehr".

Kommentare (7)
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AUG
12
00:46 Uhr, geschrieben von Weber G.
Abartiges Porträt eines aufrechten Politikers
Ich bin einfach nur entsetzt über diesen Artikel! Jetzt sind die Stuttgarter Nachrichten auf Bild-Nivea gesunken! "Für Nebensächlichkeiten wie morgendliches Bügeln hat Kretschmann wohl keine Zeit. Es gibt Wichtigeres zu tun, vor allem an diesem Morgen beim Besuch in unserer Redaktion."
AUG
12
00:37 Uhr, geschrieben von Weber G.
... und Mary und Harry zogen in die weite Welt hinaus ..
immer auf der Suche nach einem neuen unterirdischen Bau für ihre Rattenfamilie.
AUG
11
15:51 Uhr, geschrieben von Peter Preßmar
Stuttgart 21 – die Gegner haben gesiegt
2005 sind Mary und Harry aus beruflichen Gründen von Stuttgart weggezogen. Heute, am 10.4.2030, kommen sie nach langer Zeit in Stuttgart am Hauptbahnhof an. ‚Hier hat sich seit 25 Jahren nichts verändert’, stellt Mary nach einem ersten Blick auf die Königstraße fest. ‚Ja’, sagt Harry, ‚schließlich haben die Gegner gesiegt. Das Moratorium war dann das Ende. Es hätte das alles noch teurer werden lassen. Aber es hat auch eine weitere Planung unmöglich gemacht’, fährt er fort ‚Heute hat München den Tiefbahnhof. Die haben das ja auch durchgepaukt und gezeigt wies geht, keine endlosen Diskussionen, schnelles Handeln und alles bereits in trockenen Tüchern, bevor die Gegner sich erst formieren konnten’, findet Mary. ‚Komischer Weise waren die Grünen in Bayern plötzlich für das Projekt, weil die Bayern nicht dagegen waren und die Chance gesehen haben’, erklärt Harry. ‚Ich hab gelesen, dass die Bayern bereits 2002 versucht haben das Projekt zu erhalten. Das haben sie nie offen gesagt. Aber anscheinend haben Sie immer schon einen Plan B, wie Bayern 21 gehabt. Nur so konnte das so schnell gehen’, informiert Mary. ‚Und das Geld musste ja auch verbraten werden. So haben es eben die Bayern geerbt und damit wieder einen wirtschaftlichen Vorsprung erzielt – wie damals 1972 bei den Olympischen Spielen, wo München die Innenstadtringe und mehrer Autobahnumgehungen erhielt’, erkennt Harry. ‚Für Stuttgart war das Geld ohnehin weg, weil der Rückbau der begonnenen Arbeiten wesentlich mehr gekostet hat, als vorher kolportiert wurde – und alles musste die Stadt Stuttgart und das Land Baden-Württemberg bezahlen, die die Verträge nicht eingehalten wurden’, fast wütend kam Mary auf die Ergebnisse zu sprechen. ‚Auch in Nürnberg wird schon für eine Tieferlegung des Hauptbahnhofs geplant,’ meint Harry. ‚Na klar, schließlich werden weltweit immer mehr Bahnhöfe unter die Erde verfrachtet, weil man damit nicht nur mehr Lebensqualität in den Städten erreicht, sondern auch wertvollen Boden zurückgewinnt’, als Volkswirtschaftlerin weiß Mary um den Boden als nicht (ohne solche Projekte) vermehrbares Gut. ‚Für Stuttgart wird es die nächsten 100 Jahre keinen Tiefbahnhof geben’, stellt Harry fest. ‚Dazu der enorme Imageverlust und der wirtschaftliche Absturz Baden-Württembergs in das letzte Drittel der Bundesländer,’ ergänzt Mary. ‚Ich denke, wir sollten es uns nochmals überlegen nach Stuttgart zurückzukehren’ überlegt Harry. ‚Da hast du Recht’, schließt sich Mary der Meinung Ihres Partners an, ‚schließlich sind die Kinder ja auch nicht hier geboren.’.
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