Reclam „Ich habe eine einfache und entspannte Lösung gesucht“

Nicole Golombek, 03.09.2012 13:24 Uhr

Ditzingen – Klein, gelb und günstig: Die Universal-Bibliothek des Stuttgarter Reclam-Verlags ist ein Klassiker. Dennoch wird die Reihe immer wieder verändert. Friedrich Forssman (47) hat sie jetzt farblich reicher gemacht.

Herr Forssman, Sie haben die Reihe Reclam-Universal-Bibliothek aktualisiert. Warum war das eigentlich nötig?
Nun, was ist schon nötig . . . Es schien mir wünschenswert. Seit Jahrzehnten wurde die Universal-Bibliothek etwa alle 20 Jahre neu gestaltet, weil der Zeitgeschmack sich änderte. Ich fand, dass der angeschnittene Balken und die Rechtsbündigkeit des Titels auf die Ästhetik der 80er Jahre verweisen. Außerdem – und womöglich vor allem, jedenfalls das erste Mal in der Geschichte der Reihe – wollte ich die Innentypografie systematisch in das Gesamtkonzept einbeziehen. Seit ihrer Gründung 1864 wurde die Reihe jetzt das siebte Mal neu gestaltet.

Anders als bei der neuen Reclam-Bibliothek, die Sie und Ihre Frau Cornelia Feyll 2008 gestaltet haben, konnten Sie bei der Reihe nicht viel ändern. Wie wagt man sich an einen Klassiker?
Es ging zunächst einmal bestimmt nicht darum, in eine Art von Bilderstürmerei zu verfallen, sondern vernünftigerweise die Vorgaben anzunehmen und sich dann zu fragen, wo der Spielraum beginnt. Mit 25 hätte ich mich womöglich verkrampft und gedacht, dass das DER Knüller werden muss. Mit 47 kann ich das hier einzig angemessene kleine Einmaleins der typografischen Gestaltung anwenden: Nichts Gesuchtes verwenden und eine einfache und entspannte Lösung suchen. Was sich nicht ändern sollte, waren das Format und die Farbpalette. Die hat meine Frau deutlich aufgefrischt. Dann musste ich mich fragen: Welche Axialität nehme ich – Mitte, links oder rechts?

Wie meinen Sie das?
Nicht nur bei Titeln, auch bei Unterzeilen und Untertiteln ist Rechtsbündigkeit keine einfache Satzart. Linksbündigkeit ist müheloser, da wir an der linken Kante anfangen zu lesen. Bei Rechtsbündigkeit muss man mit den Augen springen. Ich fand, dass die Hefte wieder mehr wie Bücher aussehen und Lesevergnügen suggerieren sollten, und die Schildchen sind ein buchtypisches Element. Sie werden einfach aus den Flächen ausgespart, kosten also keinen weiteren Druckvorgang – dafür ist das Buch farblich um eine Stufe reicher.


Sie haben auch die Schrift verändert. Nach welchen Kriterien?
Ich habe mich für die Documenta von Frank Blokland entschieden. Sie ist sehr pragmatisch – und für eine Satzschrift recht neu, nämlich 15 Jahre alt. Man hat bei ihr den Eindruck, als wäre viel weniger Text auf der Seite; dabei sind es nur einige Prozent. Ihre Zeilenbildung ist ausgezeichnet: Das Höhenverhältnis von Kleinbuchstaben und Großbuchstaben ergibt im Blocksatz nicht so eine gitterhafte Zeilenbildung, bei der das Auge senkrecht durchfällt, sondern ein klares, graues Querband. So wird das Auge wie auf Schienen geführt.

Das klingt perfektionistisch.
Perfektionismus ist das Schönreden von Zwangsneurosen – Perfektion ist nicht der Weg zum Glück, man muss Unvollkommenheiten aushalten. Mein Arbeitszimmer sieht ziemlich wüst aus, andererseits zeigt ein Buch wie „Detailtypografie“ durchaus meine Freude an Ordnungssystemen. Detaillierte Durchgestaltung von Büchern ist eine Dienstleistung am Leser.

Inwiefern?
Sehe ich ein Buch, das schlampig redigiert oder gesetzt ist, verstimmt mich das. Immer wieder stelle ich fest, dass ein Text durch Detailtypografie richtiger, sogar klüger aussieht. Es ist doch auch eine vertrauensbildende Maßnahme, wenn der Leser merkt, dass Geld für Lektorat und Buchgestaltung da war. Der Buchgestalter und Schriftkenner Huib van Krimpen hat einmal etwas frech geschrieben: „Ein Buch ist erst ein Buch, wenn es ein Buch geworden ist. Autoren schreiben keine Bücher, Autoren schreiben Texte. Wir machen die Bücher.“

Was macht einen guten Buchgestalter aus?
Es ist eher nicht ein bestimmter Stil, sondern eine Haltung, die sich ausdrückt – die Fähigkeit, die dem Buch innewohnenden Strukturen erkennen und zum Klingen bringen zu können. Wenn ein Gestalter, ohne dass er Tricks angewendet hätte, bloß durch Konsequenz und Klarheit alles so macht, dass das Buch auf geheimnisvolle Weise zu vibrieren beginnt.

Beispiele?
Der Greno-Verlag hat in den 80er Jahren sehr materialbewusst gearbeitet und mit historischen Dingen gespielt. Ich habe mir diese Bücher damals gekauft, weil sie so schön waren. In einer Programmreihe bei allen Unterschieden eine gemeinsame Haltung zu zeigen ist Willy Fleckhaus bei Suhrkamp gelungen. Das war ein Verlagsbild, das auch zu einem intellektuellen Orientierungspunkt geworden ist. Dabei hat Fleckhaus gar nicht so getan, als wäre er ein Zauberer. Die Formalien liegen offen. Man nimmt die Bücher heute noch genauso gern zur Hand.

Gestalten Sie auch ein Buch, das Sie nicht ­gelesen haben?
Ja. Ich muss den Ton erspüren, am besten zusammen mit einem Kenner des Inhalts. Die Bücher des Weidle-Verlags etwa gestalte ich immer gemeinsam mit dem Verleger.

Wovon träumen Sie?
Vor fünf Jahren: von der Universal-Bibliothek. Heute: immer vom nächsten Buch.

 
 
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