Rechtsextremismus im Rems-Murr-Kreis Expertin rät zum Dagegenhalten

Von Frank Rodenhausen 

Sonja Großhans sieht die Zunahme von  fremdenfeindlichen Äußerungen mit Sorge. Foto: Gottfried Stoppel
Sonja Großhans sieht die Zunahme von fremdenfeindlichen Äußerungen mit Sorge.Foto: Gottfried Stoppel

Sonja Großhans ist die neue Inhaberin der Fachstelle Rechtsextremismus. Trotz ihrer unbestrittenen Berechtigung soll der inhaltliche Zuschnitt der Stelle noch einmal überdacht werden.

Backnang - Sie kennt sich aus in der rechten Szene des Rems-Murr-Kreises. Nach einer Ausbildung zur Erzieherin und Tätigkeiten in Kindertagesstätten sowie der offenen Jugendarbeit hat Sonja Großhans Soziale Arbeit an der Fachhochschule Esslingen studiert. Das Thema ihrer Bachelor-Arbeit: „Junge Menschen in rechtsextremen Szenen“. Den Schwerpunkt legte die heute 30-Jährige auf den „Fall Winterbach“. Im Jahr 2011 hatten Neonazis am Engelberg eine Gruppe junger Männer mit ausländischen Wurzeln in eine Gartenhütte getrieben und diese angezündet.

Für die Stelle prädestiniert

Sonja Großhans hat darüber recherchiert, die Prozesse am Landgericht beobachtet und sich nebenbei einen guten Überblick über in die rechte Szene im Rems-Murr-Kreis verschafft. Ihren nächsten Job trat sie im örtlichen Landratsamt an, allerdings bei dessen Sozialem Dienst. Dort indes sagten nicht wenige Kollegen: „Wenn der Gerhard Dinger mal in Rente geht, kriegst du seine Stelle.“

Nun ist Gerhard Dinger, der bis vergangenes Jahr noch die Fachstelle Rechtsextremismus im Waiblinger Landratsamt bekleidete, noch nicht im Rentenalter, aber er hat die Stelle aufgegeben, um im Kreisjugendamt neue Aufgaben zu übernehmen. Und Sonja Großhans hat ein nicht gerade unkompliziertes Bewerbungsverfahren durchlaufen müssen – an dessen Ende sich die Verwaltung aber sicherlich auch wegen ihrer guten Kenntnisse der Szene für sie entschieden hat.

Seit Anfang Februar ist sie im Amt. Die erste Zeit habe sie viel in Recherche investiert, sagt Sonja Großhans. Zwar gebe es laut Angaben der Polizei zurzeit keine organisierte rechtsextreme Szene an Rems und Murr, fremdenfeindliche Tendenzen hingegen machten sich dort reichlich breit. Auf Facebook-Seiten wie „Rems-Murr-wehrt sich“, „Fellbach wehrt sich“ oder „Gegen die Asylantenheime in Welzheim und Alfdorf“ werde zum Teil aus der Mitte der Gesellschaft heraus mächtig Stimmung gegen Flüchtlinge gemacht.

Ängeste aufgreifen und entmystifizieren

Man müsse die Ängste der Menschen aufgreifen, sie sortieren, entmystifizieren und fremdenfeindlicher Hetze widersprechen, sagt Sonja Großhans. Denn wenn man nicht dagegen halte, bilde sich in einschlägigen Internetforen schnell die Auffassung, dass dort die allgemeine Volksmeinung transportiert werde. Eine Aufgabe der Fachstelle – also ihre – sei, Leute durch eine Art Argumentationstraining dazu zu befähigen.

Den Schwerpunkt ihrer künftigen Tätigkeit sieht Sonja Großhans in der politischen Bildung, der Prävention und der Beratung von sogenannten Multiplikatoren, Institutionen oder Vereinen. Auch Einzelpersonen könnten sich bei Fragen selbstverständlich an sie wenden – wie neulich beispielsweise ein Schulleiter, der wissen wollte, ob ein bestimmtes Kleidungsstück auf eine Zugehörigkeit zu einer rechtsgesinnten Gruppierung hindeute.

Auch wenn der Bedarf an Beratung über rechtsextreme und fremdenfeindliche Tendenzen in diesen Zeiten mehr gefragt zu sein scheint denn je, ist die künftige Ausrichtung der Stelle, die vor 16 Jahren nach einem Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim in Waiblingen als eine der ersten ihrer Art ins Leben gerufen wurde, noch nicht abschließend geklärt. Die CDU im Kreistag fordert, dass Großhans’ Arbeit „gegen sämtliche extremistische Tätigkeiten gerichtet“ sein soll. Rechtsextremisten im Auge zu behalten sei zwar zurzeit sehr wichtig, „aber andere Tendenzen von links-, islamistisch- oder anderen extremistischen Tendenzen dürfen nicht außer acht gelassen werden“, hebt der Fraktionsvorsitzende Reinhold Sczuka in einem an den Landrat Richard Sigel gerichteten Brief hervor.

Diese Stellenbeschreibung indes wollten die Kreisräte eigentlich dem Fachbeirat überlassen, der die Stelle begleitet. Dieser hat unlängst zum ersten Mal in neuer Besetzung getagt. Man habe sich vorgenommen, das Konzept, das zuletzt 2005 modifiziert wurde, zu überarbeiten, einen neuen Flyer zu konzipieren und über die Bezeichnung nachzudenken, sagt Großhans diplomatisch. Ganz vorsichtig fügt sie hinzu, dass andere Extremismusformen auch schon unter ihrem Vorgänger thematisiert wurden, der klare Schwerpunkt aber aus historischem wie aktuellem Anlass heraus auf die rechte Gefahr gelegt werden müsse. Im November will der Jugendhilfeausschuss des Kreistags darüber befinden.

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