Radfahren in Stuttgart Viele Stolperfallen für Radfahrer im Kessel

Von Philipp Maisel 

Diskutieren Sie mit! Radfahren soll in Stuttgart ein Vergnügen werden, wünscht sich die Stadt. Doch bis dahin ist es noch ein gutes Stück Arbeit. Wir haben den Praxistest gemacht und einen Leser auf seinem Arbeitsweg vom Stuttgarter Osten nach Mitte begleitet.

Stuttgart - In Stuttgart ist aktuell der mittlerweile dritte Feinstaubalarm ausgerufen. Die Behörden fordern Bürger und Pendler immer eindringlicher auf, das Auto stehen zu lassen, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen oder auf das Fahrrad umzusteigen. Schließlich muss der Feinstaubpegel irgendwie runter. Dafür soll Radfahren auch in der Landeshauptstadt zum Vergnügen werden, wie Baubürgermeister Peter Pätzold kürzlich beim Radforum im Rathaus verlauten ließ. Doch wie praktikabel ist der Umstieg aufs Velo als Autoersatz überhaupt? Wo gibt es Stolperfallen? Wie verhält sich der Restverkehr gegenüber den Radfahrern?

Wir haben es am eigenen Leib getestet – gemeinsam mit Leser Martin Speiser (51). Speiser ist engagierter Radfahrer und lud zwei Redakteure der Stuttgarter Nachrichten ein, mit ihm gemeinsam den Arbeitsweg abzuradeln, den er seit zweieinhalb Jahren fährt, um die Bemühungen der Stadtverwaltung um eine Verbesserung des Radverkehrs im Alltag unter die Lupe zu nehmen.

Erste Herausforderung nach wenigen Hundert Metern

Stuttgart-Wangen, 9 Uhr morgens. Strahlender Sonnenschein, knackige zwei Grad Außentemperatur. Wir sind dick eingepackt und der nicht Rad fahrende Autor wurde von Speiser sogar noch mit Pedelec, Anhänger und GPS-Tracker ausgestattet. Los geht´s Richtung Innenstadt. Speiser ist Software-Entwickler bei der Stuttgarter Börse und radelt die meiste Zeit des Jahres zur Arbeit. Wenn einer weiß worauf es ankommt, dann er. Etwas mehr als sieben Kilometer beträgt der Arbeitsweg. Schon nach wenigen Hundert Metern wartet die erste Herausforderung. An der U-Bahn-Haltestelle Wangener-/Landhausstraße gilt es eine scharfe 60-Grad-Kehre auf engstem Raum zu meistern, bevor man an einer Fußgängerampel – ohne Haltegriffe für Radler – warten muss, ehe man die gefährlichen Stadtbahnschienen überqueren kann.

Es geht steil bergauf Richtung Gaisburg. Vor der gleichnamigen Stadtbahnhaltestelle ein Kuriosum: Ein bestens markierter Radstreifen auf der Fahrbahn vor einer Schule, der nur für knappe 150 Meter existiert. „Den hat die Stadt da doch nur hingemacht, um den Verkehr zu beruhigen“, mutmaßt unser Guide, bevor wir uns mitten auf den Schienen irgendwie an der Haltestelle vorbeimogeln. Generell sind die Radstreifen auf den Straßen laut Speiser suboptimal: „Sie sind so knapp bemessen, dass Autos nur wenige Zentimeter an einem vorbeirauschen. Dann lieber ohne Markierung, da halten Autos tendenziell mehr Abstand zum Radfahrer.“

Über Gaisburg und den Ostendplatz nach Mitte

Hinunter geht es Richtung Talstraße, dann nähern wir uns über den Ostendplatz so langsam dem Bezirk Mitte. Überall werden wir mit unübersichtlicher Streckenführung und von rücksichtslosen Autofahrern, vollgeparkten Straßenecken oder Radwegen konfrontiert. Ordnungsamt-Mitarbeiter auf Knöllchenstreife? Fehlanzeige! Ebenfalls auffällig: Missverständliche Beschilderungen, gänzlich fehlende Randstreifen für Radfahrer, Straßenüberquerungen, die auf der einen Seite für Radfahrer freigegeben, ab der Straßenmitte aber plötzlich reine Fußgängerüberwege sind. Konsequenterweise müsste man hier absteigen. Dazu nicht abgesenkte Bordsteinkanten, knöcheltiefe Schlaglöcher, buckelige Kopfsteinpflaster. Das alles sahen wir übrigens auf großen Teilen der „Hauptradroute 2“, die Stuttgart-Ost, Wangen und Hedelfingen mit der Stadtmitte verbinden soll.

Doch es gibt auch etwas Positives zu vermelden: So rücksichtlos die Autofahrer sich beim Parken verhalten, so rücksichtsvoll sind sie beim Passieren des Rad fahrenden Trios. Es wird nicht gedrängelt, keine abfälligen Gesten werden registriert und der Abstand zum Velo beim Überholvorgang eingehalten. Immer wieder ist gar ein wohlwollendes Schmunzeln festzustellen. Ob aufgrund unseres leicht abenteuerlich anmutenden Gespanns aus Tourenrad, Liege-Trike und Pedelec mit Anhänger – oder ob der Tatsache, dass wenigstens drei Mitbürger den Feinstaubalarm zum Anlass nehmen, umzusteigen, vermögen wir nicht zu sagen.

Über den Charlottenplatz und die Planie Richtung Börse

Auch bei der für ungeübte Radfahrer abenteuerlich und schlicht monströs anmutenden Riesen-Kreuzung am Charlottenplatz bekommen wir einen positiven Eindruck. Vorbildliche Ampelschaltung, mehrere Fahrstreifen inklusive Cityring/B27 können zügig überquert werden, über die Planie bis vor zum kleinen Schlossplatz weist ein Fahrradstreifen den Weg. Über die Bolzstraße geht es hoch zur Theo-Heuss. Die Überquerung gestaltet sich schwierig, wieder fehlen Haltegriffe für die Radler und die Ampelschaltung macht es allen – Autofahrern, Fußgängern und Radfahrern – nicht einfach. Auch die „Dooring-Zone“ entlang der an Wochenenden gern von PS-Protzen aus dem Umland genutzten „Theo“ birgt jede Menge Risiken. An Radfahren ist hier eigentlich kaum zu denken, zu groß sind die Gefahren für alle Verkehrsteilnehmer. Immerhin können wir danach ohne weitere Probleme die Börse erreichen: Geschafft!

Redaktion Stuttgart-Ost

Ansprechpartner
Jürgen Brand
s-ost@stz.zgs.de

3 Kommentare

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Was ganz dringend fehlt, ist eine fahrradtaugliche Anbindung von Stuttgart-Süd nach Stgt.- West. Der Schwabtunnel ist einfach keine Lösung, kein Platz für Fahrräder. Wenn noch nicht einmal zwei Stadtteile für Fahrräder angebunden sind, dann fehlt es an etwas Grundsätzlichem. Wenn man zum Fahrradfahren anregen möchte, müssen auch Fahrradwege angeboten werden.

Die fast nicht überschaubare Anzahl der Kommentare zu diesem Artikel zeigt, wie abgedrochen das Thema inzwischen ist. Man kann es nicht mehr ertragen und die Stuttgarter Presse gibt viel zu oft den Radfahrclubs eine Plattform.

Ach du lieber Himmel: Eine scharfe 60-Grad-Kehre auf engstem Raum, Fußgängerampel ohne Haltegriff (was macht man wenn 4 Radfahrer an der Ampel halten?), Stadtbahnschienen überqueren, es geht steil bergauf, nicht abgesenkte Bordsteinkanten, knöcheltiefe Schlaglöcher, Glauben denn die Radfahrer den Autofahrern geht es anders. Die müssen an roten Ampeln sogar halten, im Gegensatz zu den meisten Radfahrern, für die Rot nicht gilt. So ist Stuttgart nun mall. Wenigstens eine positive Aussage eines Radfahrers: Die aufgepinselten Radwege auf den Strassen sind so überflüssig wie ein Kropf. Kosten eine Menge Geld und bringen gar nichts, denn auch wenn keine Radspur eingezeichnet ist, fahre ich den Radfarer nicht über den Haufen, sondern mit dem nötigen Abstand vorbei.Für unseren Baubürgermeister ist ein entsprechend dimensionierter Radstreifen aber wahrscheinlich notwendig.

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