Punkband Normahl Der Spätzlespogo und die Staatsgewalt

Von Dirk Herrmann, Peter Schwarz 

Zwei Punks auf der Bühne: Ein Bild aus den 80er Jahren mit den Normahl-Gründern Lars Besa (links) und Gitarrist Jürgen „Pippy“ Pirpamper Foto: privat
Zwei Punks auf der Bühne: Ein Bild aus den 80er Jahren mit den Normahl-Gründern Lars Besa (links) und Gitarrist Jürgen „Pippy“ PirpamperFoto: privat

Winnender Punkband Normahl gerät einmal mehr ins Visier der Ordnungsmacht – CDs mit fast 30 Jahre altem Lied konfisziert.

Winnenden - Es begann vor 35 Jahren im Stuttgarter Karlsgymnasium. Die Normahl-Gründer, Sänger Lars Besa und Gitarrist Jürgen „Pippy“ Pirpamper, erst 13 und 14 Jahre alt, heizten den Jugendlichen ein. Das bis heute übliche Schubsen und Rempeln auf der Tanzfläche – der Punk-Tanzstil nennt sich Pogo – versetzte die Schüler in Ekstase. Die Band mit dem bewussten Schreibfehler im Namen hatte den „Spätzlespogo“ kreiert. Ansonsten verherrlichte sie den Gerstensaft, die Platten hießen „Kein Bier vor vier“ , „Gegen den Wind gepisst“ oder „20 Halbe sind noch nicht genug.“

Damals sei er schon „Provokateur aus Überzeugung“ gewesen, erinnert sich der heute 48-jährige Besa. Man habe halt gegen alles Bestehende revoltiert, gegen Spießer, Hippies und Popper, gegen Skinheads – und eben gegen die Staatsgewalt. „Wir haben einige Aktenordner bei der Winnender Polizei gefüllt.“ Der letzte derartige Vorfall liegt freilich etwa zehn Jahre zurück. Auch damals wurde geschubst und gerempelt, allerdings nicht beim Pogo im Konzertsaal, sondern im Anschluss an eine polizeiliche Alkoholkontrolle. Dem Strafbefehl widersprach Besa, es folgten eine Hausdurchsuchung – zur Klärung seiner Vermögensverhältnisse – sowie eine Verhandlung vor dem Waiblinger Amtsgericht. Ergebnis: 1800 Euro Geldstrafe für den Punker. „Seitdem war nichts mehr“, versicherte Besa vor zwei Jahren anlässlich der Vorstellung des Films „Jong’r“ (schwäbisch für „Sohn“), in dem die Anfangszeit der Normahl-Historie dargestellt wird – übrigens mit Gotthilf Fischer in einer Nebenrolle als bruddliger Nachbar.

CD-Beschlagnahmebeschluss wegen Gewaltverherrlichung

Doch das Kapitel Hausdurchsuchungen bei Besa ist noch nicht beendet. Jetzt pilgerten die Ermittler erneut in die Domizile diverser Bandmitglieder in Winnenden und Plüderhausen im Remstal. Die Aktion hat eine Vorgeschichte, die bis Mitte der 80er Jahre zurückreicht. Seinerzeit textete Besa ein Lied mit dem Titel „Bullenschweine“. Auszug: „Ich steige auf die Barrikaden / Ich werf einen Stein in den Bullenwagen / Bis aus dem nur blutige Köpfe ragen.“ Refrain: „Haut die Bullen platt wie Stullen.“

Zweifelsohne harter Stoff, gewaltverherrlichend, nicht zu akzeptieren. Allerdings auch fast drei Jahrzehnte her. Doch Staatsschützer aus dem Freistaat Sachsen stießen kürzlich bei ihrer Fahndung nach rechtsradikalem Liedgut auf diesen links-punkigen Oldie. Der Fall landete beim Amtsgericht Stuttgart. Es erging ein CD-Beschlagnahmebeschluss wegen Gewaltverherrlichung nach Paragraf 131 Strafgesetzbuch: Verbreitung von Texten, die „grausame oder sonst unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen in einer Art schildern, die eine Verherrlichung oder Verharmlosung solcher Gewalttätigkeiten ausdrückt.“ Besas Beschwerde gegen den Beschluss schmetterte das Landgericht Stuttgart ab: Es entspreche „allgemeiner Lebenserfahrung“, dass „Gesichtsschläge bis zum Brechen des Schädels mit ganz erheblichen Schmerzen verbunden sind“.

Normahl arbeitet an einer neuen Platte

Besa, der vor einigen Jahren den väterlichen Sanitärbetrieb in Leutenbach übernommen hat sowie verheiratet und Vater einer fünfjährigen Tochter ist, hat die neuerliche Heimsuchung durch die Polizei mit routinierter Gelassenheit aufgenommen. Seine Frau allerdings sei so etwas „nicht gewohnt“. Immerhin, so der Installateur, sei den Beamten ihr Job „sichtlich peinlich“ gewesen. Diverse Computer wurden beschlagnahmt. CDs mit dem fraglichen „Bullen“-Lied waren in den Wohnungen allerdings nur wenige aufzutreiben. Tatsächlich gibt es noch ein gewisses Kontingent dieser heißen Ware – an einem sicheren Ort verwahrt. Doch Besa sagt: „Wir werden von unserer Seite diese CD zurzeit nicht weiter vertreiben.“ Man wolle abwarten, wie es juristisch weitergeht.

Wer Normahl live erleben will, hat aktuell Gelegenheit dazu, muss aber ein paar Kilometer fahren – an diesem Freitag etwa nach Cham oder an diesem Samstag nach Waldsassen – beide Orte liegen in der Oberpfalz. Im Sommer folgen noch einige Open-Airs, zudem „arbeiten wir intensiv an einer neuen Platte“, so Lars Besa.

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