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Proteste in Indien Anna Hazare - die neue Kultfigur

Anja Wasserbäch, vom 12.04.2011 14:58 Uhr
 Foto: dpa
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Mumbai - Auf Gandhi lassen die Inder nichts kommen. Er ist ihr Held. Der Vater der Nation. Die neue Biographie, die enthüllen soll, dass Mahatma Gandhi bisexuell gewesen sei, wird wissentlich ignoriert. Oder sollte zeitweise im Bundesstaat Gujarat, Gandhis Heimat, sogar verboten werden. Die Inder haben aber auch größere Sorgen als seine Biographie, die noch niemand gelesen hat: eine korrupte Regierung beispielsweise. Jetzt gehen in Indien so viele Menschen wie noch nie zuvor auf die Straßen. In 200 indischen Städten demonstrieren seit Anfang der vergangenen Woche abertausende von Menschen gegen die Korruption in der Regierung. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Korruption das Schalten und Walten in Indien bestimmt.

Auch in Mumbai hinter dem Rathaus, einem prächtigen Bau aus der Kolonialzeit gegenüber dem bekannten Victoria-Bahnhofs, demonstrieren Tausende von Menschen. Manche tragen Mützen, auf denen steht: "Iam Anna Hazare" - "Ich bin Anna Hazare". Studenten, Hausfrauen in Saris, Moslems und Hindus sind da. Einer von ihnen ist Anoop Kunar, dem der Rückhalt noch nicht genug ist: "Wo sind die ganzen Leute, die vor ein paar Tagen noch unsere Weltmeister im Cricket gefeiert haben?" Er will nicht nur zusehen, er will etwas tun. "Wir brauchen eine Gesellschaft frei von Korruption", sagt Kunar. "Das sind wir unseren Kindern schuldig."

Hazare ist der "moderne Gandhi"

Anstoß zu den zahlreichen Demonstrationen im ganzen Land gab Anna Hazare, ein kleiner Mann, den sie hier bereits als "moderner Gandhi" bezeichnen. Der Sozialaktivist war letzte Woche in den Hungerstreik getreten. Seine Aktion hieß "Fasten bis zum Tod". Er hat damit eine Welle der Demonstrationen ausgelöst. Nach vier Tagen beendete er seinen Streik mit einem Schluck Zitronenwasser, als ihm die Regierung versprach, sich für ein neues strenges Antikorruptions-Gesetz einzusetzen. Danach sollen unabhängige Ombudsmänner eingesetzt werden, die die Regierung und ihre Machenschaften kontrollieren. "Wir brauchen immer jemanden, der zeigt, wohin es geht", sagt der Lehrer Anoop Kunar, der zum ersten Mal demonstriert und nach seinem Arbeitstag zum Platz beim Rathaus gekommen ist.

Anna Hazare ist der neue Held in Indien. Die Zeitungen heben ihn auf die Titelseiten. Er selbst nennt sich einen Fakir. Einer, der keinen Besitz hat. Und keine Familie. Der 71-Jährige, immer mit einem weißen Khadi-Gewand bekleidet, lebt spartanisch in einem Neun-Quadratmeter-Raum in Ahmednagar's Alegan Siddhi, einem Dorf etwa 100 Kilometer von Pune entfernt. Kisan Baburao Hazare wird von allen nur Anna genannt, was auf Marathi für "großer Bruder" steht. "Er ist ein wirklicher Held", sagt Kunar am Rande der Demonstration in Mumbai. "Er kämpft alleine gegen Korruption und die dreckige Politik, die in Indien ja wirklich nichts Neues ist. Endlich gibt es wieder einen Führer, der sich für die Armen und Hilflosen einsetzt."

Mit "endlich" meint Kunar natürlich jene lange Zeit, die seit Mahatma Gandhis Tod im Jahr 1948 verstrichen ist. Für die Demonstranten ist Hazare der neue Gandhi. Das kommt nicht von ungefähr: Er lächelt fast genauso sympathisch, hat die Philosophien von Mahatma Gandhi, Swami Vivekananda und Acharya Vinoba Bhave studiert, während er Blumen auf der Straße verkaufte und von dem bisschen Geld lebte. Auch Mahatma Gandhi trug ausschließlich Kleidung aus Khadi, der handgesponnenen Baumwolle. Selbst das birgt ein politisches Statement: Khadi-Stoffe stehen für Selbstversorgung und sollten bereits in den 1920er Jahren ausländische Produkte vom indischen Markt verdrängen.

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