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Probleme mit Spurenstoffen Strenge EU-Vorgabe bringt Neckar in Verruf

Von Sascha Maier 

Das Hauptklärwerk Mühlhausen soll erweitert werden Foto: Max Kovalenko
Das Hauptklärwerk Mühlhausen soll erweitert werdenFoto: Max Kovalenko

Das Stuttgarter Hauptklärwerk am Neckar bei Mühlhausen soll ausgebaut werden. Damit will man das Abwasser besser von Reststoffen aus Medikamenten reinigen und den Fluss entlasten. Es wird aber kaum ausreichen, um den Neckar auf das von der Europäischen Union gewünschte Niveau zu bringen.

Stuttgart - Landesumweltminister Franz Untersteller (Grüne) hält es für nahezu unvermeidbar, dass der Neckar bis 2027 von der Europäischen Union ein schlechtes Zeugnis erhält. Wegen sogenannter Spurenstoffe dürfte er in der schlechtesten, mit der Farbe Rot gekennzeichneten Kategorie der EU für fließende Gewässer landen.

„Fast alle Flüsse in Europa werden rot“, sagt Untersteller. Für die schlechte Einstufung reicht es nämlich, wenn bei einem von 20 Problemstoffen, unter denen auch Medikamentenreste sind, die Vorgabe überschritten ist. Auch der kostspielige Ausbau des Hauptklärwerks in Mühlhausen um eine Reinigungsstufe mit Aktivkohle werde dem Neckar wohl nicht zu einer besseren Einstufung verhelfen – wegen der utopischen Sollwerte für Fließgewässer. „Wie sollen wir das den Bürgern erklären?“, fragt Untersteller.

Bis zu 40 Millionen Euro kann der Ausbau kosten

Die Dringlichkeit der Frage wird klar, wenn man sich vor Augen führt, wie viel Geld fließen muss. Noch gibt es, was Mühlhausen angeht, nur vage Schätzungen: zehn bis 40 Millionen Euro, wovon nach heutigem Stand ein Fünftel das Land bezahlen dürfte. Baustart: in etwa drei oder fünf Jahren.

Spurenstoffe rühren unter anderem von Medikamentenresten oder -rückständen her, die von Menschen weggeschüttet oder ausgeschieden werden. Sie seien bis heute schwer zu messen, und auch der Nachweis, wie schädlich sie sind, sei schwierig, meinen die Experten des Klärwerks. Einige der Spurenstoffe würden durch die Anlage bereits jetzt gut herausgefiltert, für andere sei der Einsatz von Aktivkohle nötig – und zwar zunehmend. „In unserer immer älter werdenden Gesellschaft werden immer mehr Medikamente konsumiert“, sagt Untersteller. Auch der Trend, zur Behandlung von Hautproblemen immer häufiger Schmerzmittel einzusetzen, mache eine weitere Reinigungsstufe nötig.

Das sieht auch Wolfgang Schanz so, Leiter des Stuttgarter Tiefbaumamts. „Momentan hält das Klärwerk die gesetzlichen Vorgaben ein. Aber wir müssen uns auf die schärferen Anforderungen in der Zukunft einrichten.“

Tests kosten 500 000 Euro

Derzeit steht in Mühlhausen das drittmodernste Klärwerk in Baden-Württemberg. Sein Ausbau könnte auch die Abwasser­gebühr für die Haushalte nach oben treiben: um zehn bis 15 Cent pro Kubikmeter. Diese Gebühr ist neben Zuschüssen der Stadt die wichtigste Geldquelle für den städtischen Eigenbetrieb Stadtentwässerung Stuttgart (SES), der jährliche Investitionen von 20 Millionen Euro fürs Klärwerk stemmt.

Die Stadt prüft derzeit noch, ob der Aktivkohle-Ausbau den gewünschten Effekt hat. Hierzu will sie der Universität Stuttgart 176 000 Euro für Tests gewähren. Insgesamt kostet die Untersuchung 500 000 Euro. Sollten die Ergebnisse zeigen, dass das neue Wasserreinigungsverfahren funktioniert, rückt der Ausbau des Klärwerks näher. Anders als in Mannheim, wo 6,8 Millionen Euro für eine Pulveraktivkohleanlage ausgegeben wurden, habe man in Mühlhausen kein freies Becken mehr für die sogenannte vierte Reinigungsstufe zur Verfügung, sagt Boris Diehm vom SES. Wie viele Becken mit 50-Meter-Durchmesser man brauche, wisse man noch nicht. Im Moment denkt man an drei – und der Platz im Hauptklärwerk ist knapp. „Auch deshalb ringen wir um eine effiziente Form der Behandlung mit Aktivkohle“, sagt Diehm.

Die Fische fühlen sich in der Nähe von Kläranlagen wie jener in Mühlhausen schon jetzt wohl. Durch die Zuführung von Phosphor haben Fischbestände an Orten, wo Klärwasser eingeleitet wird, wieder Auftrieb. Aber der Fische und Amphibien wegen hat die EU andererseits besonders strenge Vorgaben für Fließgewässer gewählt. Fische reagieren viel empfindlicher auf bestimmte Spurenstoffe als Menschen, die sie möglicherweise mit Trinkwasser aufnehmen.

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