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Privater Krankenschutz „Ein brennendes Haus kann man nicht versichern“

Sabine Marquard, vom 05.12.2011 17:33 Uhr
 Foto: SDK
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Stuttgart - Klaus Henkel hält nichts von Billigtarifen in der privaten Krankenversicherung. „Es gibt zwei Verlierer in dem Spiel: den Kunden und den Versicherer“, warnt der Chef der Süddeutschen Krankenversicherung (SDK).

Herr Henkel, als Chef einer privaten Krankenversicherung sind Sie gewiss der Schrecken der Ärzte. Sie sehen sofort, wenn einer etwas Falsches abrechnet.

Ich persönlich habe ein gutes Verhältnis zu meinem Arzt. Ob die Abrechnung des Arztes oder des Krankenhauses falsch ist, lässt sich als Patient nur schwer erkennen. Hier tun sich schon unsere Fachleute schwer. Wir haben bei uns im Haus eine Sonderprüfgruppe, die sich Rechnungen ab einer gewissen Größenordnung genauer ansieht. Nicht alles stimmt, was da auf den Tisch kommt. Manchmal passieren Fehler, manchmal werden Vorgänge aber auch sehr optimiert abgerechnet.

In der Branche sorgen Billigtarife für Verärgerung. Wie viel muss ein sinnvoller privater Krankenschutz kosten?
Alles, was unter 150 Euro im Monat liegt, hat mit einem vernünftigen Versicherungsschutz nicht mehr viel gemein. Ein Einstiegstarif für einen 30-jährigen Mann kostet bei uns 159 Euro. Das sehen wir als seriös an. Angebote im Internet für 55 Euro sind mehr als fragwürdig.

Sie haben keine Billigtarife im Angebot?
Nein. Das lehnen wir von jeher ab, weil es nur zu Problemen führt – zu Problemen für den Versicherten und am Ende des Tages auch für das Unternehmen.

Welche Probleme bekommt der Versicherte?
Der Versicherte hat keinen hinreichenden Versicherungsschutz. Außerdem sind solche Billigtarife in der Regel nicht leistungsgerecht kalkuliert. Das hat zur Folge, dass es sehr schnell zu Beitragssteigerungen im zweistelligen Prozentbereich kommt.

Das heißt: Am Anfang zahlt der Versicherer drauf, und dann erhöht er ganz schnell die Preise?
Genau. Solche Kalkulationen werden sehr häufig von der Hoffnung getragen, dass es reicht. Manche Versicherer wollen den Kunden erst mal gewinnen und setzen darauf, dass er später, wenn er es sich leisten kann, zu einem höherwertigen Versicherungsschutz wechselt.

Ist es problemlos, in einen höherwertigen Tarif zu wechseln?
Die Frage ist, wann will der Kunde wechseln – wenn es seine Einkommenssituation erlaubt, oder wenn er feststellt, dass er eine Krankheit hat, die höhere Kosten verursacht, die sein Versicherungsschutz nicht abdeckt. In diesem Fall müsste er sich einer erneuten Risikoprüfung unterziehen, dann wird es mit dem Wechsel schwierig. Wenn das Haus brennt, kann man es nicht mehr versichern. Der Versicherte ist so Gefangener des Billigtarifes. Das ist das Fatale an den Billigtarifen.

Und welche Probleme bekommt das Unternehmen durch Billigtarife?
Kunden, die Billigtarife abschließen, geraten häufiger in finanzielle Schwierigkeiten und können nicht mal den billigen Tarif bezahlen. Das Unternehmen muss den Kunden trotzdem versichern, obwohl es keine Beiträge mehr erhält. Wir haben als Versicherer keine Möglichkeit, einen Versicherungsvertrag in der Vollversicherung durch Kündigung zu beenden. Es gibt zwei Verlierer in dem Spiel: den Kunden und den Versicherer. Deshalb sind wir diesen Weg nicht mitgegangen und haben in Kauf genommen, dass wir weniger Neugeschäft hatten.

Vielleicht treffen Billigangebote den Nerv der Zeit? Kunden verzichten lieber auf die Chefarztbehandlung oder die Möglichkeit, mit 95 noch ein künstliches Hüftgelenk zu bekommen, und ziehen geringere Prämien vor.
Auf den ersten Blick sind den Kunden billigere Tarife lieber. Aber die Frage ist, ob der Billigtarif am Ende wirklich so günstig ist. Wenn ein Kunde auf horrenden Selbstbeteiligungskosten sitzenbleibt, weil sein Tarif die Behandlung nicht abdeckt, oder wenn er horrende Beitragserhöhungen hinnehmen muss, dann war der Versicherungsschutz nicht billig. Genau das erleben wir derzeit. Wir haben zwei nicht ganz kleine Gesellschaften in Deutschland, die ihre Billigtarife jetzt eingestellt haben . . .

. . .die Central und die DKV . . .
. . . die beide jetzt einen Strategiewechsel vollziehen und sich von Billigtarifen verabschieden.

In manchen Billigtarifen sind Reha-Behand­lungen oder ambulante Psychotherapie ausgeschlossen. Ist das nicht riskant?
Immer mehr Menschen leiden heute an psychischen Erkrankungen. Gerade in diesem Bereich sind Einschränkungen des Versicherungsschutzes außerordentlich problematisch. Aber es ist klar: Weil psychische Erkrankungen immer größere Ausgaben ver­ursachen, kann der Versicherer durch Leistungseinschränkungen in dem Bereich einen Tarif günstiger kalkulieren.

An welche Klientel richten sich solche Tarife?
Billigtarife richten sich in erster Linie an junge Selbstständige, weil diese in aller Regel eine angespannte finanzielle Situation haben. Der junge Unternehmer malt sich alles aus, nur nicht, dass er krank wird.

Ist es immer schwerer, Kunden von den Vorteilen der privaten Krankenversicherung zu überzeugen? Braucht es deshalb solche Lockvogelangebote?
Im Augenblick beobachten wir eher, dass die Billigtarife auf dem Rückzug sind. Aber es ist schwerer geworden, Neukunden zu gewinnen. Die Personen, die für eine Krankenvollversicherung infrage kommen, werden immer weniger. Das hat mit der Demografie und der Einkommenssituation zu tun. Wir haben etwas Rückenwind bekommen, weil seit diesem Jahr wieder die verkürzte Wartefrist zum Ende des laufenden Jahres gilt für diejenigen, die ein Einkommen erreichen, ab dem sie in die private Krankenversicherung wechseln dürfen. Wer durch einen Arbeitgeberwechsel genug verdient, darf sich sofort privat versichern. Um die wenigen Vollversicherungskunden findet ein harter Wettbewerb statt.

Von April 2012 an werden die Provisionen auf neun Monatsbeiträge begrenzt. Und die Stornohaftung für Vermittler wird auf fünf Jahre verlängert. Was bewirkt das?
Das Geschäftsmodell von Vermittlern, die daran verdienten, ihre Kunden zu einem häufigen Wechsel der Versicherung zu überreden, ist nicht mehr so attraktiv. Denn sie müssen bei einem Wechsel in den ersten fünf Jahren ihre Provision anteilig zurückzahlen.

Wie hoch waren bei Ihnen die Provisionen?
Wir haben mit der Neuregelung von maximal neun Monatsbeiträgen insgesamt kein Pro­blem, weil wir uns bisher schon in diesem Rahmen bewegen. Wir begrüßen das. Es gab die Kombination: Billigversicherung und hohe Provisionen. Da waren wir als Versicherer, der auf Qualität setzt und damit mehr kostet und der geringere Abschlussprovision zahlt, doppelt gekniffen im Wettbewerb. Die Neuregelung ist auch im Interesse des Kunden, denn die Abschlussprovision zahlt schließlich er.

Wo sehen Sie Wachstumschancen in den nächsten Jahren?
Wir erwarten hohes Wachstum auf dem Gebiet der Zusatzversicherungen – im Bereich Pflege zum Beispiel. Wir wollen unser Geschäft mit Firmenkundenverträgen forcieren. Firmeninhaber können mit uns einen Rahmenvertrag schließen, damit ihre Mitarbeiter einen preisgünstigen Gruppenvertrag erhalten. Unternehmen können damit im Wettbewerb um Arbeitskräfte punkten. Das stößt auf große Nachfrage bei mittelständischen Betrieben ab 50 Mitarbeitern.

Sie erhöhen nächstes Jahr die Beiträge, aber nur sehr gering. Was machen Sie besser als andere?
Wir erhöhen unsere Beiträge in der Vollversicherung im Schnitt um 1,2 Prozent zum Januar 2012. Das ist im Branchenvergleich fast unschlagbar gering. Die Zusatzversicherungen erhöhen sich im Schnitt um 3,6 Prozent. Bei den Beiträgen zahlt sich aus, dass wir in den letzten Jahren die Sonderprüfgruppen eingerichtet haben, die Rechnungen der Ärzte und Krankenhäuser überprüfen. Wir haben auf diese Weise 2,7 Millionen Euro zurückgeholt. So etwas spricht sich rum: Achtung, die SDK sieht genauer hin.

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