Stuttgart - Chris Rea bleibt solide – und seine Fans bleiben aus. Genau zwei Jahre sind vergangen, seitdem der Superstar der 1980er Jahre zuletzt nach Stuttgart kam – um lange den elektrischen Blues zu spielen. 3500 Besucher lauschten damals seinem Konzert begeistert. Am Montag verließ sich Rea stark auf sein Hitrepertoire – und nur knapp 2500 wollten das hören. Eine kleine Porsche-Arena war es, die die Fans empfing, an diesem Abend: mit der nach vorne gezogenen Bühne bot sie eine geradezu intime Kulisse für Reas Musik. Der Musiker musste sich im Jahr 2000 mit der Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs auseinandersetzen und sich einer riskanten Operation unterziehen. Während seiner Genesung begann er zu malen, und die Gemälde, die so entstanden, bilden seither den Bühnenhintergrund seiner Shows: schwimmende Formen, Seerosen vielleicht, der Korpus einer Gitarre, von blauer Farbe durchflossen – denn der Blues, auch dies eine Rekonvaleszenzentdeckung, ist Chris Reas Lieblingsmusik, ihn wollte er immer schon spielen.
Nicht jeder Fan seines gewohnten Mainstream-Pops mit rauer Stimme begrüßte diese Wendung – und auch nicht jeder Fan des Blues, der seinen Weltschmerz so echt wie möglich liebt und ohne Zucker. Aber der Brite, dessen Wurzeln nach Italien und Irland reichen und der in diesem Jahr 61 wird, ist eben auch ein Könner auf der Gitarre. So steht er nun also auf der Bühne der Porsche-Arena und spielt – kühl, handwerklich perfekt – die alten Songs, den neuen Blues, die schweren und die leichten Lieder.
Mit „Santo Spirito Blues“ hat Rea im Herbst 2011 eine neue CD veröffentlicht, die von den Fans gemischt aufgenommen wurde und die er nun meidet: Nur mit dem ersten Stück des Abends, „Last Open Road“, bringt er sie ins Spiel. Das restliche Konzert besteht vor allem aus Rea-Hits, die er nahtlos seinem Blues-Konzept angleicht: „Josephine“ und „Easy Rider“, „Morning Sun“, „Looking For The Summer“ und „Julia“ stehen früh schon auf dem Programm. In gewohnter Manier erweitert Chris Rea die Stücke, baut sie aus, fügt Soli ein. Begleitet wird er von seiner fünfköpfigen Band – zwei Keyboarder, Bass, Gitarre und Schlagzeug –, die ihm einen trockenen, vorantreibenden Hintergrund liefert. Manchmal schichten die Keyboards kühle Klangflächen auf, aber die Drumcomputer, mit denen Rea auf „Santo Spirito Blues“ seine Fans aufschreckte, hört man nicht – statt dessen: je später der Abend, desto blauer die Noten.
Unterschiede zum Auftritt von 2010 kann man nur schwerlich ausmachen. Der Mann im schwarzen T-Shirt steht mit seiner Gitarre im Schnittpunkt der metallisch gedämpften Lichtstrahlen, versunken die Töne auf der Slide-Guitar ziehend, ganz hohe Klänge aus seinem Instrument herauskitzelnd. Und je mehr Chris Rea sich seiner Gitarre widmet, desto lauter erklingt auch der Applaus.
Alle Farben wirken gedämpft und intensiv an diesem Abend – das kräftige Rot, das samtige Grün, das kühle Blau. „Still So Far To Go“ und „Highway 61-49“ bieten Rea die Gelegenheit, sein Faible für den Blues ganz auszuleben, „Satinsby Girls“ lässt das Publikum auf seinen Stühlen im Takt klatschen. Dann, natürlich: sein größter Hit. Bei „The Road To Hell“, Chris Reas Weltuntergangsvision von 1989, kreisen höllenrote Scheinwerfer im Saal. Genau 80 Minuten nach Konzertbeginn verlässt der Musiker die Bühne.
Er kehrt zurück, natürlich – dazu ist kein langer Jubel nötig, nur zehn Sekunden vergehen, bis die Band wieder am Platz ist und Chris Rea sein Publikum am Strand spazieren führt. Bewegte Bilder, dieses Mal: die Sonne und das Wasser. Ein gelber Strahler sticht hinaus in den Saal, die Musik selbst wirkt zurückgenommen. Rea lässt nun seinen Begleitern Raum für Soli – Rhythmusgitarre und Keyboard mischen sich nach und nach ein in die Sommermelodie. Dann zieht das Tempo an, die Farben klaren auf: Doch der Devise „Let’s Dance“ folgt keiner. Der letzte Titel, den Chris Rea spielt, ist hoffentlich weder Programm noch Prognose: Er heißt „It’s All Gone“. Der Saal wird dunkel, auf der Leinwand leuchten Sternenwelten, Planeten, Asteroiden. Die vertraute Stimme raunt immer noch ein sanftes Lied – aber Chris Rea ist schon fort.
Ort lebendiger Kultur: Die Wagenhallen-Macher bespielen die ehemalige Stadtbücherei in Stuttgart.