Polizistenmord Friseurin unter rechten Glatzköpfen

Von Sven Ullenbruch 

Akten des NSU-Untersuchungsausschusses Foto: dpa
Akten des NSU-UntersuchungsausschussesFoto: dpa

Eine Friseurmeisterin soll 2007 das Krankenhaus ausgekundschaftet haben, in dem der verletzte Polizist Martin Arnold mit dem Tod kämpfte. Die Beschuldigung stammt von einem in Irland lebenden Verschwörungstheoretiker.

Stuttgart - Es muss im Mai oder Juni 2007 gewesen sein. In einer Spezialklinik in Neresheim versuchte Martin Arnold, ins Leben zurück zu finden. Eine Pistolenkugel hätte es am 25. April 2007 fast beendet. Uwe Böhnhardt von der mutmaßlichen rechtsextremen Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) soll das Projektil abgefeuert haben. Sagt zumindest die Bundesanwaltschaft. Bei dem Angriff auf der Theresienwiese in Heilbronn starb Arnolds Kollegin Michèle Kiesewetter – bis heute ist das Motiv für die Bluttat unklar.

Während Arnold sich im Krankenhaus auf der Ostalb Stück für Stück erholte, saß die Krankenschwester Lilli R. an zwei oder drei Tagen in einem Friseurstudio in Wolpertshausen bei Schwäbisch Hall. Sie erzählte der Friseurin mit den grünen Strähnchen von ihrer anstrengenden Arbeit auf Station 2 des Klinikums Neresheim. Die beiden Frauen verstanden sich, plauderten mal auf russisch mal auf deutsch. Lilli R. erwähnte wohl auch den wenige Wochen zuvor in Heilbronn angeschossenen Polizisten. Der lag im selben Krankenhaus, in dem sie ihren Dienst verrichtete.

Eine harmlose, zufällige Begegnung – die doch Fragen aufwirft. Beide Frauen werden deshalb am Montag im NSU-Untersuchungsausschuss des Stuttgarter Landtags aussagen. Dabei wird es vor allem um Friseurmeisterin Nelly R. gehen. Die 35-Jährige ist seit Ende der 1990er Jahre als Rechtsextremistin polizeibekannt. Sowohl bei bundesweiten NPD-Treffen als auch bei Neonazi-Veranstaltungen ist die in Kasachstan geborene Frau den Behörden bereits aufgefallen. Bei Landtags- und Bundestagswahlen trat sie außerdem für die NPD in Schwäbisch Hall als Kandidatin auf.

Der Untersuchungsausschuss geht dem Treffen im Schönheitssalon auch aufgrund von Hinweisen einer ehemaligen V-Frau des Landesamts für Verfassungsschutz nach. „Krokus“ soll unter anderem Friseurin Nelly R. bespitzelt haben. Dabei soll sie erfahren haben, dass R. sich mittels einer Krankenschwester über den Gesundheitszustand des verletzten Arnold informierte. „Krokus“ und ihr heutiger Lebensgefährte Alexander G. verbreiten zudem wilde Thesen über die Tat in Heilbronn. Seit dem Auffliegen des NSU im November 2011 verschickte vor allem G. Mails an Behörden, Politiker und Journalisten. So sollen auf der Theresienwiese nicht Mundlos und Böhnhardt geschossen haben, sondern Neonazis aus Baden-Württemberg. Auch die Friseurin Nelly R. soll verwickelt sein, ihre Kundin Lilli R. eine Tipp-Geberin mit rechter Gesinnung.

Bisher deutet aber nichts darauf hin, dass der Tod von Kiesewetter ein Komplott von Neonazis aus der schwäbischen Provinz gewesen sein könnte.

„Ich habe ihn nicht ein einziges Mal gesehen“ sagte Krankenschwester Lilli R. im Februar 2013 Ermittlern des Landeskriminalamts (LKA), als sie nach dem angeschossenen Polizisten gefragt wurde. Der habe auf einer anderen Station gelegen. Sie habe „keine politische Einstellung“. Das LKA stuft sie als „unverdächtig“ ein. Nelly R. war am Tag des Kiesewetter-Mordes zwar in Heilbronn. Im LKA-Protokoll gab sie aber an, bis 14 Uhr Unterricht in der Friseurschule gehabt und die Stadt dann mit einer Kollegin verlassen zu haben. Um diese Uhrzeit fielen die Schüsse auf der Theresienwiese.

Bleibt die Frage, warum die ehemalige Spitzel-Frau „Krokus“ und ihr Lebensgefährte die rechte Friseurin so beharrlich beschuldigen. Dazu wollen die Parlamentarier am Montag auch Rainer Oettinger befragen. Der war V-Frau-Führer von „Krokus“ beim Verfassungsschutz. Auch sein Auftritt wird mit Spannung erwartet.

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