„Pique Dame“ an der Stuttgarter Oper Straßenbahnbeichtstuhl ins Nirwana

Von Susanne Benda 

Der Lack ist ab, in der Liebe und überhaupt: German (Erin Caves) und Lisa (Rebecca von Lipinski Foto: A. T. Schaefer
Der Lack ist ab, in der Liebe und überhaupt: German (Erin Caves) und Lisa (Rebecca von Lipinski Foto: A. T. Schaefer

Als letzte Musiktheater-Premiere dieser Spielzeit hat das Stuttgarter Publikum am Sonntagabend Tschaikowskys Oper über einen zwischen Liebe und Spielsucht zerrissenen Mann bejubelt. Der Intendant und sein Chefdramaturg setzten dabei auf präzisen psychologischen Realismus.

Stuttgart - Lisa springt. Unendlich oft sind die mit abblätternder Farbe und bröckelndem Stuck gezierten Wände um sich selbst gekreist, die Anna Viebrock auf ihrer Bühne an- und gegeneinander montierte, unendlich oft sind Sänger auf engen Stufen und steilen Leitern auf Balkone gestiegen und durch Fensteröffnungen geklettert, und unendlich oft ist German (Hermann) durch dunkle Hofeinfahrten oder Hinterhöfe hindurch und über Stiegen und Sprossen gehuscht, ein Mann auf ewiger Flucht. Jetzt ist er wieder weg, und Lisa, allein gelassen, steigt eine Feuerleiter hoch. Ein lauter Schrei, dann stirbt sie dort, wo Modest Tschaikowsky die enttäuschte Liebende in seinem Libretto für die Oper seines Bruders Pjotr Iljitsch Tschaikowsky sterben lässt: in der Newa.

Alexander Puschkin, auf dessen Novelle „Pique Dame“ Tschaikowskys Oper fußt, hat das noch anders gesehen. Bei ihm geht Lisa am Ende eine Vernunftehe ein. In der Oper geht es viel emotionaler zu, und den Realismus der Prosavorlage haben die Tschaikowskys spätestens in dem Moment aufgegeben, in dem sie sich für eine Verlagerung des Stücks ins späte 18. Jahrhundert entschieden. Seither hängt das 1890 uraufgeführte Stück ziemlich unschlüssig herum zwischen Nachwehen der Französischen und Vorboten der Russischen Revolution. Seine nunmehr historisch unverankerten Figuren sind zurückgeworfen allein auf ihre Empfindungen – und, wie wenn das noch nicht genug wäre, stellt das Textbuch auch noch einen Dämon in ihre Mitte: Die geheimnisvolle Gräfin ist das dunkle Herz des Stücks, sein magisches Zentrum.

Frauen prostituieren sich, Männer üben Gewalt

Allerdings nicht bei Jossi Wieler und Sergio Morabito. Sie haben seit jeher zuallererst herausgearbeitet, welche inneren Antriebe Menschen im Theater dazu bringen, zu lieben, zu leiden, zu töten oder zu sterben. Mit diesem Blick haben sie jetzt auch „Pique ­Dame“ einer feinen, analytischen Untersuchung unterzogen – mit dem feinen Nebeneffekt, dass Puschkins Realismus in der Spielart der psychologischen Logik gleichsam durch eine Hintertür nachträglich die Opernbühne betreten darf. Und das Erwartete tritt ein: Die Dämonen wohnen in Stuttgart nur noch in dem Mann selbst, den sie beherrschen. German, der Unbedingte, Getriebene, gerät so ins Zentrum des Interesses, und Erin Caven singt ihn auch so: mit schönem Timbre, aber auch manchem Überdruck vor allem im Forte, der sich auch in einer gelegentlich leicht zu hohen Intonation niederschlägt.

Wirklich erklären können die Regisseure die merkwürdigen Handlungen dieses einsamen Mannes nicht. Wohl aber legen sie schonungslos offen, wie stark sämtliche Figuren von den sozialen Bedingungen und vor allem von den Geschlechterrollen des zaristischen Russlands geprägt sind. Männer kommunizieren nur über Akte der Gewalt, Frauen prostituieren sich, können nur durch günstige Heiraten von einem sozialen Aufstieg träumen – wie auch Lisa (Rebecca von Lipinski, die mit packender Identifikation, aber auch mit Momenten der Überforderung in der Höhe singt) in ihrer Bindung an den Fürsten Jeletzki (sehr gerade und textgenau gesungen von Shigeo Ishino). So nimmt sich German Lisa mit Gewalt (Lisa liebt ihn dennoch, denn sie kennt den Geschlechtsakt nicht anders), und so kommt es im zweiten Akt auch zwischen German und der alten Gräfin zum Sex. Einvernehmlich. Kommunikation mit Männern geht halt so. Macht über Frauen geht halt so.

Eingesperrt im Straßenbahnbeichtstuhl

Zwischendurch bemerkt man: Ironie. In der Inszenierung wird sie am deutlichsten bei jenem mozartesken Schäferspiel, das Tschaikowsky dem ersten Akt implantierte. Da hüpft und mäht der sehr genau und schlagkräftig singende Staatsopernchor im selbst gefalteten Papierdekor lustig einher, ein dekoratives Theater, das seine Theaterhaftigkeit ebenso ausstellt, wie es das Bühnenbild mit seiner Bühnenbildhaftigkeit tut. Nett, aber man müsste dieses Intermezzo nicht haben – wenn der Mummenschanz nicht den von Tschaikowsky vorgesehenen Auftritt der Zarin Katharina einschlösse, die auf diese Weise lustig verkleidet auftauchen darf: als Bikinischöne mit Marilyn-Frisur. Nach ihrer Entdämonisierung wird vor allem die Gräfin zu einer durch und durch ironischen Figur. Helene Schneiderman singt und spielt die Edelnutte und Straßenstricherin mit Hingabe, vielen vokalen Farben und sehr viel Witz. Der ist auch deshalb wichtig, weil man mit seiner Hilfe die Entwertung der Figur nicht ganz so schwer nimmt, die das Stück aus dem Gleichgewicht bringt.

Das kann man Wieler und Morabito ankreiden. Mit einem freundlichen Lächeln im Auge kann man es aber auch als theatralische Entsprechung zu der Instabilität einer eigentlich unmöglichen Stadt sehen, die nur existiert, weil ein Mann beschloss, Pfähle in den Sumpf zu schlagen. Peter der Große war ein Besessener, wie German.

Am Ende stehen alle stumm. Der Bariton Vladislav Sulimsky hat als Tomski ein ­glänzendes Hausdebüt gegeben, Stine Maria Fischer als Polina mit hoher Bühnenpräsenz und viel Stimmsamt Aufsehen erregt, und auch kleinere Rollen waren gut besetzt. ­Sylvain Cambreling hat das Staatsorchester zu einer sehr gut durchgearbeiteten ­Interpretation angeleitet, die schönste solistische Holzbläser-Passagen ebenso einschließt wie weite, mit viel Sinn für Atem und emotionale Aufladung geformte Streicherbögen. Nun aber gibt sich German den Tod. Oder nein: Er steigt hinein in eine ­kleine beleuchtete Zelle, die in ihrer Mischung aus Straßenbahnwagen und Beichtstuhl wohl Anna Viebrocks sprechendster Beitrag zur fantastischen, surrealen Rahmung des Abends ist.

In diesem Straßenbahnbeichtstuhl kreist der Gehetzte nun, auf ewig eingesperrt zwischen Holz und Milchglasscheiben, und man dürfte sich nicht wundern, wenn sich die Kabine plötzlich öffnete, und heraus käme, frei nach Dostojewski, ein Doppelgänger. Oder, frei nach Gogol, eine Nase, alleine unterwegs in einer Bühnenwelt, die nichts anderes mehr kann, als immer und immer nur um sich selbst zu kreisen.

Weitere Vorstellungen am 14., 24.,27. Juni, und am 1., 6., 24. Juli

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