Pilotprojekt Bildungstest soll Flüchtlingen helfen

Von Maria Wetzel 

In der Vorbereitungsklasse lernen junge Einwanderer und Flüchtlinge Foto: dpa
In der Vorbereitungsklasse lernen junge Einwanderer und FlüchtlingeFoto: dpa

Die Landesregierung sucht weiterhin Lehrer für Flüchtlingsklassen. Auf eine Anfrage des Kultus-ministeriums haben bisher 515 Pensionäre reagiert, 65 haben einen Vertrag unterzeichnet.

Stuttgart - Rund 600 Vollzeitstellen für Lehrer könnte das Kultusministerium besetzen, doch dafür muss es weiter die Werbetrommel rühren. Nach einem Brief des Kultusministers an rund 30 000 Pensionäre meldeten sich bis Dezember 515 Interessierte, 65 von ihnen haben mittlerweile einen befristeten Vertrag mit dem Land abgeschlossen. Im Schnitt wollen sie sieben Stunden pro Woche unterrichten. Um alle Stellen zu besetzen, wären damit 2000 Lehrer nötig.

Möglicherweise habe sich noch nicht herumgesprochen, dass die Landesregierung die Zuverdienstmöglichkeiten verbessert habe, sagte Kultusminister Andreas Stoch (SPD) am Montag bei einer Fachtagung in Stuttgart. Auch wer mehr als sieben Stunden unterrichtet und mehr verdient, muss seit Dezember nicht mehr mit Abzügen bei der Pension rechnen. Angesprochen werden sollen jetzt auch angehende Lehrer, die das Studium beendet haben und auf den Vorbereitungsdienst warten.

Die zusätzlichen Lehrer werden dringend gebraucht, um junge Flüchtlinge möglichst schnell in das Bildungssystem zu integrieren. Zwar beginnt die Schulpflicht erst ein halbes Jahr nach der Ankunft, ein Recht auf den Schulbesuch haben Flüchtlinge im schulpflichtigen Alter aber schon vom ersten Tag an. Im Schnitt dauert es derzeit drei bis vier Monate, bis sie mit der Schule starten, meist in einer Vorbereitungsklasse.

Diesen Prozess will das Kultusministerium beschleunigen. Um die Suche nach einer passenden Schule zu erleichtern, sollen junge Flüchtlinge nun schon bei der Registrierung angeben, mit welcher Vorbildung sie kommen. Im November wurde dieses Verfahren in Meßstetten erprobt, nächste Woche startet das Registrierungszentrum in Heidelberg, sagte Staatssekretärin Marion von Wartenberg (SPD). Dafür stellt das Ministerium bis zu zehn Stellen zur Verfügung. Zudem sollen in den Vorbereitungsklassen die sprachlichen und mathematischen Kompetenzen getestet werden, damit die Schüler dann an eine Regelschule vermittelt werden kann, die ihrem Niveau entspricht. Das bundesweit einmalige Pilotprojekt fördert der Bund mit zwei Millionen Euro bis 2018.

Kultusminister informiert durch Brief an Eltern

Bei der Registrierung erhalten die Eltern auch einen Brief des Kultusministers, der sie über das Bildungssystem informiert. In dem Schreiben, das auch ins Englische, Französische, Arabische und Persische übersetzt ist, wird Eltern empfohlen, ihre Kinder zügig in den Kindergarten oder in die Schule zu schicken, damit sie möglichst rasch Deutsch lernen. Das Interesse an Kindergärten sei größer als erwartet, sagte von Wartenberg. Auch dort werde zusätzliches Personal gebraucht.

Viele Lehrer in Vorbereitungsklassen klagen, dass die Unterschiede in den Gruppen zu groß sind – teilweise lernen Schüler zwischen zehn und 16 Jahren gemeinsam, manche bringen eine gute Bildung mit, andere haben kaum die Schule besucht. Die maximale Gruppengröße von 24 Schülern ist ausSicht der Pädagogen viel zu groß.

Wie wichtig die Bildung ist, betonen auch die Vertreter der Wirtschaft. Ihre anfängliche Hoffnung, dass mit den Flüchtlingen der Fachkräftebedarf zügig gedeckt werden könnte, habe sich nicht erfüllt, sagt Thomas Löffler von ZF Friedrichshafen. Von fast 194 000 syrischen Asylbewerbern hätten 2015 gerade einmal 69 beantragt, dass ihre Ausbildung in der Heimat auch in Deutschland anerkannt werde, bedauerte Peter Jany, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben.

Bosch bietet Praktikumsplätze

Christian Rauch, Baden-Württemberg-Chef der Bundesagentur für Arbeit, geht davon aus, dass junge Flüchtlinge etwa fünf bis sieben Jahre benötigen, bis sie eine Ausbildung absolviert haben. Neben dem Spracherwerb sei vor Ausbildungsbeginn häufig noch eine schulische Qualifizierung und Berufsvorbereitung nötig, sagte er. Teilweise seien Unternehmen aber auch nicht bereit, informelle Qualifikationen anzuerkennen.

Die Firma Bosch stellt jungen Flüchtlingen in diesem Jahr 200 Praktikumsplätze zur Verfügung, die Teilnehmer sollen individuell betreut werden. Dabei sei aber auch staatliche Unterstützung nötig, sagt Ausbildungsleiter Siegfried Czock. Psychologische Betreuung etwa bei Traumata könnten Unternehmen nicht leisten.

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Diskussion über Kopftuch Rülke: Gesetz zum Kopftuch an Schulen muss kommen

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