Philharmonia Chor Wo die Minne, da ist Gott

Von Verena Großkreutz 

Der Philharmonia Chor präsentierte Walter Braunfels’ Passionskantate op. 54 für Bariton und Orchester im Betthovensaal der Liederhalle Stuttgart.  Foto: Chor
Der Philharmonia Chor präsentierte Walter Braunfels’ Passionskantate op. 54 für Bariton und Orchester im Betthovensaal der Liederhalle Stuttgart. Foto: Chor

In der Liederhalle konnte man im Beethovensaal erstmals in Stuttgart Walter Braunfels’ Passionskantate op. 54 für Bariton und Orchester hören – präsentiert durch den Philharmonia Chor.

Stuttgart - In der Karwoche stürmen die Stuttgarter stets die Kirchen, um sich in die dort aufgeführten Bach’schen Passionen zu versenken. Andere der unzähligen Vertonungen des Leidens Christi, die die Musikgeschichte zu bieten hat, hört man dort nur selten. Bequemlichkeit? Tradition? Fehlende Risikobereitschaft der Veranstalter?

Am vergangenen Karfreitag konnte man nun im Beethovensaal erstmals in Stuttgart Walter Braunfels’ Passionskantate op. 54 für Bariton und Orchester hören, die nicht das Passionsgeschehen nacherzählt, sondern dieses reflektiert. Ihre zentrale Botschaft: „Wo die Minne da ist Gott“. Der deutsche Komponist – unter den Nazis verfemt und nach 1945 vergessen – schrieb sie zwischen 1936 und 1943 in künstlerischer Isolation. Sie wurde erst 1957, drei Jahre nach seinem Tod, uraufgeführt.

Johannes Knecht, sonst Chordirektor der Oper Stuttgart, führte die Kantate mit seinem Philharmonia Chor Stuttgart, einem sehr guten Laienensemble, und der Württembergischen Philharmonie Reutlingen auf. Schnell zog man das Publikum in Hör-Bann, nahm es ein für dieses Werk, das in den Chorpassagen oft spätromantisch-monumental auftrumpft und an Bruckner gemahnt, dabei Dissonanzen nicht scheut, in den dialogischen Passagen zwischen kommentierendem Chor und Jesus dagegen mal kontemplativ, mal dramatisch argumentiert.

Knecht forderte vom engagiert gestaltenden, intonationssicheren Chor präzise Linienführung, dynamische Feinarbeit, Homogenität ein. Besonders beeindruckend: schillernde Piano-Farbigkeit etwa in „Heil’ger Gott, heil’ger Starker“. Für die Jesus-Partie hatte man mit Eric Ander und seiner schlanken, charismatischen Bass-Stimme eine gute Wahl getroffen. Dass der Beethovensaal nur zu einem Viertel gefüllt war, lag vermutlich nicht am Stück, denn es folgte dann noch das sehr populäre Deutsche Requiem von Brahms.

Auch hier überzeugte das Reutlinger Orchester durch sinfonische und fein abgestufte dynamische Modellierung, der Chor durch Homogenität, Gestaltungsfreude und gute Textverständlichkeit. Inspiriert und höhensicher sang Sopranistin Irena Bespalovaite ihr Solo „Ihr habt nun Traurigkeit“, und Ronan Collett erfreute durch seine intensiv und dramatisch artikulierende Baritonstimme.

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