Pflegenotstand Olgahospital wird selbst zum Notfall

Klaus Eichmüller, 09.02.2013 10:00 Uhr

Stuttgart - Vor dem Sitzungssaal im Rathaus haben sich am Freitagmorgen über hundert Schwestern aus dem Kinderkrankenhaus Olgahospital versammelt. Sie wollen auf ihre Situation aufmerksam machen, die sich seit mindestens zwei Jahren immer mehr verschlechtert und wegen der enormen Arbeitsüberlastung inzwischen sogar in Einzelfällen zu „Gefährdungssituationen“ für die kleinen Patienten geführt habe. „Wir Beschäftigten in der Pflege arbeiten wie in einem Hamsterrad“, heißt es warnend auf einem Flugblatt. Überstunden und Arbeitshetze würden die Mitarbeiter krank machen und in einen „Teufelskreis“ münden.

Wie der Arbeitsalltag der Schwestern im Olgahospital inzwischen aussieht, schildert Anita Schmid, stellvertretende Stationsleiterin in der Kinderonkologie, vor den Stadträten unverblümt: „Der Personalengpass führt zu einer unzureichenden Pflegequalität.“ Säuglinge würden zu spät ihr Fläschchen bekommen, Schmerzmittel und Antibiotika zu spät verabreicht. „Die tägliche Arbeit bringt die Mitarbeiter an die psychische und physische Leistungsgrenze.“ Und: „Das System ist am Kollabieren.“ Um in dieser Situation die Versorgung der Patienten zu gewährleisten, hätten immer wieder Betten geschlossen werden müssen.

Seit Jahresbeginn 53 Kinder abgewiesen

„Von den 109 Betten sind 19 geschlossen“, sagt Oberarzt Eberhard Maaß. Teilweise sei die Lage sogar schlimmer, ergänzt Professor Stefan Bielack. Nach seiner Rechnung mussten in der jüngsten Vergangenheit zeitweise bis zu 38 Betten geschlossen werden.

Eberhard Maaß erinnert daran, dass die Berufsgruppe der Oberärzte die Klinikleitung und die Geschäftsführung seit Monaten auf die sich verschärfende Situation hingewiesen habe. Geschehen ist kaum etwas: „Das Olgäle verliert für alle Berufsgruppen den Ruf eines attraktiven Arbeitsplatzes.“

Die Folgen des Personalengpasses haben die kleinen Patienten und deren Eltern zu tragen. Seit Jahresbeginn mussten mangels verfügbarer Betten 53 kranke Kinder abgewiesen werden, sagt Bielack. Zudem müssten oft fest geplante Operationen verschoben werden. „Ein Junge konnte erst beim vierten Termin operiert werden“, sagt Maaß.

Die Folgen der misslichen Situation bekommt das Olgahospital bereits zu spüren. Die niedergelassenen Kinderärzte in Stuttgart überweisen ihre Patienten inzwischen vermehrt an Fachkliniken der Region, zum Beispiel nach Esslingen, Ludwigsburg, Böblingen, Waiblingen oder an die Filderklinik.

Auch den groß angekündigten Patientenbegleitdienst „gibt es nicht“

„Nach einer Umfrage haben 43 Prozent der Kollegen ihre Einweisungspraxis geändert“, sagte Dr. Thomas Jansen, Sprecher der Stuttgarter Kinderärzte, im Ausschuss. Akutfälle, die keine Maximalversorgung benötigten, würden „vermehrt in andere Kliniken überwiesen“. Und: „Die aktuellen Pro­bleme am Olgahospital lassen sich nur lösen, wenn sich die Stadt und die Klinikleitung hinter das Personal stellen“, sagt Jansen.

Einig sind sich der verantwortliche Krankenhausbürgermeister Werner Wölfle, die Stadträte, die Mitarbeiter im Olgahospital und die Kinderärzte darin, dass die unzureichende Finanzierung der Kinderkliniken durch die Kassen das Hauptproblem ist. Hinzu kommt, dass der Arbeitsmarkt für Kinderpflegekräfte sehr ausgedünnt ist.

Jürgen Lux, Vorsitzender Personalvertretung im städtischen Klinikum, weist auch auf hausgemachte Probleme hin. So seien zehn Pflegestellen mit dem Hinweis gestrichen worden, als Ersatz einen Springerpool für Schwestern zu schaffen. „Dieser Pool ist aber ein Nirwana, um das sich niemand kümmert.“ Auch den groß angekündigten Patientenbegleitdienst „gibt es nicht“. Dadurch würde die Pflege zusätzlich belastet.

„Wir wollen weniger Ressourcenvergeudung durch alltägliche Mangelverwaltung“, fasst Chefarzt Bielack die Lage zusammen.

 
 
Lokale Favoriten - stuttgarter-nachrichten.de
Kommentare (4)
  • Kommentare anzeigen
  • Kommentar schreiben
Anzeigen
MRZ
27
Schmidt, 07:57 Uhr

Ablehnung der Aufnahme eines kranken Kleinkindes

Unsere Familie lebt seit Jahrzehnten in Stuttgart.Wir leben gerne hier,auch weil es hier so eine gute Infrastruktur gibt. Das Olgahospital,in seiner Qualität, war hier ein wesentliches Zentrum für unsere Kinder und jetzt auch Enkelkinder.Zum 2. Mal wollten wir die Dienste wegen einer schweren spastischen Bronchitis bei meinem 1 jährigen Enkelsohn in Anspruch nehmen und wurden abgewiesen.(sogar als Privatpatient). Nun begann eine quälende Zeit des Wartens,was meinen Enkelsohn in großen Stress brachte ( und die Eltern natürlich auch). Nach stundenlangem Warten und Untersuchungen, (ohne Sauerstoff,obwohl er ihn dringend gebraucht hätte) wurde er dann nach Ludwigsburg verlegt. Er war mittlerweile extrem blass und wirkte schwer krank. In Ludwigsburg begann die gleiche Prozedur. Er wurde nochmals untersucht ( insgesamt 3 mal) und ist jetzt in einem kalten 'Kellerzimmer ' untergebracht. Wie können wir es uns leisten als reiche Stadt so mit unseren Kindern umzugehen ? Hier sehe ich auch das Kindeswohl gefährdet.Die Kinder kommen in starken Stress,da sie sich nicht anders wehren können als durch schreien. Ich bin empört,daß eine falsche Finanzpolitik sich auf die Schwächsten auswirkt. Wo setzen wir unsere Prioritäten ? sollten wir nicht bei der bestmöglichen Versorgung der Kinder ( auch für unsere Zukunft) die erste Priorität setzen.? Ich werde als nächstes die verantwortlichen politischen Stellen kontaktieren.

FEB
10
auch Krankenschwester, 13:47 Uhr

unhaltbare Zustände

Im Klinikum Schillerhöhe wird an Seife gespart. Patienten müssen länger in der Klinik bleiben, weil das Personal fehlt, um notwendige Einweisungen in die Versorgung von Drainagen, zur weitergehenden häuslichen Behandlung zu geben. ..... Im Klinikum Esslingen wird an der Hygiene gespart, demolierte Toilettenbrillen in Patientenzimmern werden nicht repariert, es fehlt an Urinflaschenhalterungen für Krankenbetten, d.h. die Urinflaschen werden auf dem keimverseuchten Boden abgestellt und wandern danach in das Patientenbett (kein Wunder, dass MRSA-Infektionen immer weiter zunehmen). Das Pflegepersonal ist so ausgedünnt, dass Patienten nicht ordentlich versorgt werden können. Aus Einsparungsgründen wird dort auf Sichtschutz an Fenstern in Patientenzimmern verzichtet, somit Fremde Einblick in die intimste Privatsphäre von Patienten erhalten. ..... In Stuttgarter Altenheimen wird so sehr am Pflegepersonal gespart, dass Pflegehilfsmittel (z.B.) Lifter (um rückenschonendes Heben zu ermöglichen) aus Zeitgründen nicht benutzt werden können, was vermehrte Bandscheibenschäden der Pfleger/ innen zur Folge hat. ..... In der Versorgung von Kranken und Alten steht der Zeiger schon lange nicht mehr auf '5 vor 12' er steht weit dahinter!

FEB
10
Krankenschwester, 08:27 Uhr

In einem stuttgarter Pflegeheim

darf jeden Tag nur ein Handtuch und zwei Waschlappen für jeden Patienten verbraucht werden. Sollte er sich öfters einstuhlen oder extrem schwitzen, müssen wir die Waschlappen auswaschen oder Kopfkissenbezüge als Waschlappen nehmen. Einmalhandschuhe wurden rationiert, weil das Personal zu viel verbraucht. Jetzt kaufen wir sie selber. Besetzung am Wochendende für 43 pfegebedürftige Bewohner:2 Schwester und eine Küchenkraft. Sorry, das ist keine Pfege, das ist Aufbewahrung. Umfragen unter den Mitarbeiten haben die Jahre immer wieder gezeigt, wie unzufrieden und demotiviert diese sind. Daraufhin hat der Chef ein Sommerfest organisiert, Ausreichend Pflegeartikel wären besser gewesen, aber so legen wir weiterhin getragene Inkoninenzhosen zum trocken auf die Heizung um sie noch einmal benutzen zu können. Dienstanweisung: Nur eine Inkontinenzeinlage pro Schicht!

Kommentar-Seite 1  von  2
  1. (Logout)
  2. Die Redaktion veröffentlicht ausgewählte Kommentare auch in der gedruckten Ausgabe der Stuttgarter Nachrichten. Voraussetzung ist, dass der Beitrag mit Namen, Postanschrift und E-Mail (Adressen werden nicht veröffentlicht) vorliegt.
Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich.

Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben.

Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt. Alternativ können Sie sich mit Ihrem Facebook-Account anmelden.