Pflegeheime im Ausland Streit um Omas weite Reise

Jürgen Bock, 27.12.2012 19:00 Uhr
Heime in Osteuropa pflegen deutsche Senioren für wenig Geld. Doch jetzt schreiten in einigen Fällen Gerichte ein.

Stuttgart/Zlatna na Ostrove - Eine kerzengerade Straße, gesäumt von jungen Bäumen, führt durch die Donau-Ebene auf das Dorf zu. Die Ortsnamen sind hier im Südwesten der Slowakei auf Slowakisch und Ungarisch angeschrieben. Zwei kleine Kirchen, viele alte Bauernhäuser, ein Supermarkt. Am Straßenrand grast ein Pony. Mitten in dem kleinen Ort Zlatná na Ostrove weist ein Schild zu einem dreigeschossigen Haus. Mit der nagelneuen Fassade und dem gepflegten Park drum herum wirkt es beinahe etwas deplatziert in dieser ländlichen Gegend. Gut 2000 Menschen leben im Ort. Einige davon sind Deutsche. Sie wohnen in dem großen Haus. Es ist ein Altenheim.

126 Plätze gibt es hier. Die Zimmer sind schlicht, aber ordentlich: Bett, Tisch, Schrank, ein Fenster mit Aussicht aufs Dorf. Manche der Mitarbeiter sprechen Deutsch. Pflegebedürftige bezahlen pro Monat 1052 Euro. Das ist der Grund, warum auch einige deutsche Rentner hier untergebracht sind. In Deutschland kostet ein Platz in der Regel zwischen 3000 und 3500 Euro. Der Staat schießt selbst im Maximalfall nur den kleineren Teil zu. Den Rest müssen die Betroffenen selbst aufbringen – oder, wenn die Rente nicht reicht, die Angehörigen.

Immer mehr Deutsche entscheiden sich deshalb bewusst für einen Alterssitz im Ausland. Wer allerdings ins Pflegeheim muss, der kann die Entscheidung oftmals nicht mehr selbst treffen. Die Bewohner der Häuser in Tschechien, Ungarn oder der Slowakei werden deshalb meist von ihrer Familie dort untergebracht. Sie können oder wollen die teure Zeche in der Heimat nicht bezahlen. Also gehen Oma oder Opa auf die weite Reise. Oft trennen sie anschließend mehr als 1000 Kilometer von den Angehörigen. Die fremde Sprache spricht keiner von ihnen. Das Heim kennen die Familien meist nur aus dem Prospekt. „Meine Mutter ist ohnehin dement. Sie weiß gar nicht, wo sie ist“, sagt der Sohn einer Betroffenen. Da spiele nicht der Ort die größte Rolle, sondern die Frage, wie gut man sich um sie kümmere.

Die Qualität der Pflege entspricht gehobenen Ansprüchen

Besser als in Deutschland, wenn man Artur Frank fragt. Der Ulmer lebt seit einigen Jahren in der Slowakei und betreibt die Firma Seniorpalace, die deutsche Pflegebedürftige nach Osteuropa vermittelt. Er wertet verschiedene Fälle als „Erfolgsstory, wie gut Pflege hier funktionieren kann“. Der Hintergrund ist einfach: In der Slowakei bekommen die Heime für einen Bewohner immer gleich viel Geld – egal, wie pflegebedürftig er ist. Deshalb haben sie ein Interesse daran, die Leute möglichst fit und selbstständig zu halten. „Zeitorientierungswerte“ wie in Deutschland gibt es nicht. 20 bis 25 Minuten festgelegte Zeit etwa für die Ganzkörperwäsche? Undenkbar.

Und doch bleibt der Vorwurf, die alten Leute würden abgeschoben. Die Distanzen sind groß, die Familien weit verstreut. „Wir leben im Zeitalter der Mobilität, und auch in Deutschland sind die Entfernungen manchmal groß“, kontert Frank. Nicht selten komme man auch im Inland auf 700 oder 800 Kilometer, etwa wenn die Kinder im Norden und die Eltern im Süden der Republik lebten. Frank betont, er betrachte jeden Fall vor der Vermittlung individuell, suche gezielt das passende Haus mit dem richtigen Angebot aus. „Eine Übersiedlung ist kein Allheilmittel“, sagt er. „Sie sollte mit Bedacht angegangen werden und kann für eine bestimmte Seniorengruppe eine über-legenswerte Alternative sein.“

2,3 Millionen Deutsche sind pflegebedürftig. Bis zum Jahr 2050 soll sich die Zahl verdoppeln. Der Zuwachs ist riesig – die finanziellen Schwierigkeiten sind es für viele heute schon. „Unser Angebot kann keinesfalls eine Lösung für das Problem der fehlenden bezahlbaren Seniorenheime in Deutschland und Österreich sein“, sagt Artur Frank. Er selbst hat nach eigenen Angaben bisher lediglich Senioren „im mittleren zweistelligen Bereich“ nach Tschechien, Ungarn und in die Slowakei vermittelt. Weil er dieses Angebot als Einziger habe und nur vereinzelt Senioren oder deren Familien auf eigene Faust Heime suchten, „sind keinesfalls Tausende deutsche Senioren in Osteuropa“. Ein Massenphänomen sieht anders aus.

Angehörige werden angefeindet

Mächtig hochgekocht ist das Thema zuletzt dennoch. Talkshows im Fernsehen haben sich ebenso damit beschäftigt wie ein großes Boulevardblatt. Danach ist einiges über Frank und die betroffenen Familien hereingebrochen, das sie nicht erwartet hatten. „Die Angehörigen sind Angriffen, Hohn und Spott ausgesetzt“, erzählt der Vermittler. Deshalb stellt er keine direkten Kontakte mehr zu Medien her. Doch auch in den osteuropäischen Ländern ist die Aufregung groß. Slowakische Zeitungen und Fernsehsender haben das Thema aufgegriffen und stellen die Frage, ob es denn in Ordnung sei, dass die Deutschen ihre Alten zum Sterben in die Slowakei schickten. Dort hat die Familie einen hohen Stellenwert. Das Entsetzen über die Entwicklung ist entsprechend groß.

Inzwischen befassen sich auch die Juristen mit dem Thema. Mindestens zwei der Senioren sind inzwischen wieder in Deutschland – per Gerichtsbeschluss. In beiden Fällen haben Richter den jeweiligen Angehörigen die Generalvollmacht entzogen und die Rückreise erwirkt. Einmal auf Betreiben der Enkelin, die ihren Eltern vorwarf, die Oma abgeschoben zu haben. Im anderen Fall rief das deutsche Pflegeheim, in dem die Betroffene zuvor gewohnt hatte, die Behörden zu Hilfe. Die warfen dem Sohn der alten Dame vor, er wolle sich bereichern. Seither entscheiden eigens eingesetzte Rechtsanwälte über das Wohl und Wehe der beiden Senioren.

Frank hält dieses Vorgehen für „sehr fragwürdig“, zumal es noch nicht einmal eine Anhörung der Angehörigen gegeben habe. Aufhören mit der Vermittlung will er freilich trotz des Gegenwinds nicht. Er hat eine ganz eigene Sicht auf die Dinge: „Es ist wie bei fast allen Innovationen. Erst werden sie belächelt, dann bekämpft, und wenn sie dann doch funktionieren, sagt jeder, er habe das schon immer gewusst.“ Die Zahl der Interessenten jedenfalls ist nicht kleiner geworden, seit das Thema in aller Munde ist.

Normalerweise ist der Weg zurück nicht vorgesehen

Die kerzengerade Allee führt aus Zlatná na Ostrove hinaus Richtung Bratislava. Nach Wien sind es 170 Kilometer, bis zur deutschen Grenze knapp 500. Dieser Weg zurück ist für die Senioren, die zur Pflege nach Osteuropa kommen, eigentlich nicht vorgesehen. Und doch beschreiten ihn nun einige. Die Gerichte haben entschieden.

 
 
Lokale Favoriten - stuttgarter-nachrichten.de
Kommentare (7)
  1. (Logout)
  2. Die Redaktion veröffentlicht ausgewählte Kommentare auch in der gedruckten Ausgabe der Stuttgarter Nachrichten. Voraussetzung ist, dass der Beitrag mit Namen, Postanschrift und E-Mail (Adressen werden nicht veröffentlicht) vorliegt.
Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich.

Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben.

Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt. Alternativ können Sie sich mit Ihrem Facebook-Account anmelden.
Schwarz Ist schon länger als 1 Jahr her
wir als Alte fürsorglich betreut werden und statt dessen Kommerzzentren unterstützen - oder größenwahnsinnige Bahnprojekte - dann wird es halt so kommen. Nur - schaut euch an, wie sie z.B. in Rumänien oder in Russland mit Waisenkindern umgehen und ihr werdet sehen - das wird kein Zuckerschlecken. Aber die Kommunalpolitiker interessiert das nicht. Ist ja weit weg!
Antworten
Der Ulmer Ist schon länger als 1 Jahr her
für die Angehörigen der Generation, die die Grundlage für unseren Wohlstand geschaffen haben? Nun, da sie in einen Lebensabschnitt eintreten, in dem sie eigentlich die Früchte ihrer Lebensleistung ernten sollten, stehlen sich die jetzt für sie Verantwortlichen aus der Verantwortung und reißen verdiente alte Menschen aus ihrer Jahrzehnte lang gewohnten Umgebung. Obwohl bewiesen ist, daß sich Veränderungen in der gewohnten Umgebung , dem Tagesablauf usw. sehr negativ auf den Kranheitsverlauf von Dementen auswirken. Nicht umsonst heißt es: Einen alten Baum verpflanzt man nicht. Dann doch lieber Pflegekräfte aus dem Osten im monatlichen Wechsel an den Wohnort der Pflegebedürftigen. Die finanzellen Aufwendungen wären sicher zu stemmen, nachdem man in der selben Ausgabe der Stuttgarter Nachrichten auf Seite vier lesen kann, daß Pro Asyl noch Aufnahmekapazität für Asylbewerber sieht. Es wäre allemal besser, wenn man anstatt unsere (Groß)-Eltern in den Osten zu verfrachten, unsere ganzen Asylbewerber dorthin verfrachtete und sie dort günstig unterbringen würde. Solange wir nicht genug finanzielle Mittel haben um alle unsere Pflegebedürftigen in ihrer gewohnten Umgebung ihren Lebensabend verbringen lassen zu können, so lange müssen wir nicht mehr für Flüchtlinge tun. Solange gilt es zunächst einmal für uns und die unseren zu Sorgen.
Antworten
Leser Ist schon länger als 1 Jahr her
Ich finde, Kommentator 'Auch wer' hat vollkommen recht. Als Angehöriger habe ich das natürliche Recht, mich um einen Angehörigen zu kümmern (es sei denn, dieser hat etwas anderes bestimmt). Kann oder will ich das nicht, muß es jemand anderes tun. Wenn hier aber ein Gericht sich anmaßt, den Angehörigen ihr natürliches Recht zu entziehen, dann hat es in einem Rechtsstaat zuerst die Angehörigen anzuhören, die sich wiederum durch einen Anwalt vertreten lassen können. Genau das ist hier unterblieben. Im vorliegenden Fall hat ein deutsches Pflegeheim eine strafrechtlich relevanten Vorwurf gemacht (ungerechtfertigte Bereicherung). Und das Gericht hört die so Beschuldigten nicht einmal an. Sie hatten keinerlei Möglichkeit, sich gegen die Vorwürfe zu wehren. Zumal das Pflegeheim selbst befangen ist, da sie es ja sind, denen Einnahmen verlorengeht, wenn die Oma ins Ausland geht. was hat das bitte mit einem rechtsstaatlichen Verfahren zu tun?
Antworten
Kai-Uwe Bevc Ist schon länger als 1 Jahr her
Sie vergessen da was. Die Angehörigen sind nicht auf der Anklagebank, sondern das Gericht hat die Betreuung an sich genommen oder einen Betreuer bestellt. Damit sind die Angehörigen draußen und werden logischerweise nicht gehört, sofern das Betreuungs-Gericht keinen Sinn darin sieht. Sieht es auch nicht, wenn es den Angehörigen ja die Betreuung gerade aus der Hand genommen hat, weil die aus der Sicht des Gerichts das nicht richtig machen. _ Mit dem Grundgesetz hat das nur insofern zu tun, als hier der Betreute vor seine Angehörigen geschützt wird. _ Ob man das im Einzelfall gut findet, ist eine andere Frage.
Antworten
Wen interessiert das Grundgesetz Ist schon länger als 1 Jahr her
'Frank hält dieses Vorgehen für „sehr fragwürdig“, zumal es noch nicht einmal eine Anhörung der Angehörigen gegeben habe.' Urteile ohne Anhörung des Angeklagten bzw. hier Verklagten? Ich frage mich gerade, aus welchen Ländern man so etwas eigentlich bisher nur kannte.
Antworten