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Pflegeheime im Ausland Streit um Omas weite Reise

Von Jürgen Bock 

Pflege im Ausland ist wesentlich billiger als in Deutschland Foto: Bock
Pflege im Ausland ist wesentlich billiger als in DeutschlandFoto: Bock

Heime in Osteuropa pflegen deutsche Senioren für wenig Geld. Doch jetzt schreiten in einigen Fällen Gerichte ein.

Stuttgart/Zlatna na Ostrove - Eine kerzengerade Straße, gesäumt von jungen Bäumen, führt durch die Donau-Ebene auf das Dorf zu. Die Ortsnamen sind hier im Südwesten der Slowakei auf Slowakisch und Ungarisch angeschrieben. Zwei kleine Kirchen, viele alte Bauernhäuser, ein Supermarkt. Am Straßenrand grast ein Pony. Mitten in dem kleinen Ort Zlatná na Ostrove weist ein Schild zu einem dreigeschossigen Haus. Mit der nagelneuen Fassade und dem gepflegten Park drum herum wirkt es beinahe etwas deplatziert in dieser ländlichen Gegend. Gut 2000 Menschen leben im Ort. Einige davon sind Deutsche. Sie wohnen in dem großen Haus. Es ist ein Altenheim.

126 Plätze gibt es hier. Die Zimmer sind schlicht, aber ordentlich: Bett, Tisch, Schrank, ein Fenster mit Aussicht aufs Dorf. Manche der Mitarbeiter sprechen Deutsch. Pflegebedürftige bezahlen pro Monat 1052 Euro. Das ist der Grund, warum auch einige deutsche Rentner hier untergebracht sind. In Deutschland kostet ein Platz in der Regel zwischen 3000 und 3500 Euro. Der Staat schießt selbst im Maximalfall nur den kleineren Teil zu. Den Rest müssen die Betroffenen selbst aufbringen – oder, wenn die Rente nicht reicht, die Angehörigen.

Immer mehr Deutsche entscheiden sich deshalb bewusst für einen Alterssitz im Ausland. Wer allerdings ins Pflegeheim muss, der kann die Entscheidung oftmals nicht mehr selbst treffen. Die Bewohner der Häuser in Tschechien, Ungarn oder der Slowakei werden deshalb meist von ihrer Familie dort untergebracht. Sie können oder wollen die teure Zeche in der Heimat nicht bezahlen. Also gehen Oma oder Opa auf die weite Reise. Oft trennen sie anschließend mehr als 1000 Kilometer von den Angehörigen. Die fremde Sprache spricht keiner von ihnen. Das Heim kennen die Familien meist nur aus dem Prospekt. „Meine Mutter ist ohnehin dement. Sie weiß gar nicht, wo sie ist“, sagt der Sohn einer Betroffenen. Da spiele nicht der Ort die größte Rolle, sondern die Frage, wie gut man sich um sie kümmere.

Die Qualität der Pflege entspricht gehobenen Ansprüchen

Besser als in Deutschland, wenn man Artur Frank fragt. Der Ulmer lebt seit einigen Jahren in der Slowakei und betreibt die Firma Seniorpalace, die deutsche Pflegebedürftige nach Osteuropa vermittelt. Er wertet verschiedene Fälle als „Erfolgsstory, wie gut Pflege hier funktionieren kann“. Der Hintergrund ist einfach: In der Slowakei bekommen die Heime für einen Bewohner immer gleich viel Geld – egal, wie pflegebedürftig er ist. Deshalb haben sie ein Interesse daran, die Leute möglichst fit und selbstständig zu halten. „Zeitorientierungswerte“ wie in Deutschland gibt es nicht. 20 bis 25 Minuten festgelegte Zeit etwa für die Ganzkörperwäsche? Undenkbar.

Und doch bleibt der Vorwurf, die alten Leute würden abgeschoben. Die Distanzen sind groß, die Familien weit verstreut. „Wir leben im Zeitalter der Mobilität, und auch in Deutschland sind die Entfernungen manchmal groß“, kontert Frank. Nicht selten komme man auch im Inland auf 700 oder 800 Kilometer, etwa wenn die Kinder im Norden und die Eltern im Süden der Republik lebten. Frank betont, er betrachte jeden Fall vor der Vermittlung individuell, suche gezielt das passende Haus mit dem richtigen Angebot aus. „Eine Übersiedlung ist kein Allheilmittel“, sagt er. „Sie sollte mit Bedacht angegangen werden und kann für eine bestimmte Seniorengruppe eine über-legenswerte Alternative sein.“

2,3 Millionen Deutsche sind pflegebedürftig. Bis zum Jahr 2050 soll sich die Zahl verdoppeln. Der Zuwachs ist riesig – die finanziellen Schwierigkeiten sind es für viele heute schon. „Unser Angebot kann keinesfalls eine Lösung für das Problem der fehlenden bezahlbaren Seniorenheime in Deutschland und Österreich sein“, sagt Artur Frank. Er selbst hat nach eigenen Angaben bisher lediglich Senioren „im mittleren zweistelligen Bereich“ nach Tschechien, Ungarn und in die Slowakei vermittelt. Weil er dieses Angebot als Einziger habe und nur vereinzelt Senioren oder deren Familien auf eigene Faust Heime suchten, „sind keinesfalls Tausende deutsche Senioren in Osteuropa“. Ein Massenphänomen sieht anders aus.

Angehörige werden angefeindet

Mächtig hochgekocht ist das Thema zuletzt dennoch. Talkshows im Fernsehen haben sich ebenso damit beschäftigt wie ein großes Boulevardblatt. Danach ist einiges über Frank und die betroffenen Familien hereingebrochen, das sie nicht erwartet hatten. „Die Angehörigen sind Angriffen, Hohn und Spott ausgesetzt“, erzählt der Vermittler. Deshalb stellt er keine direkten Kontakte mehr zu Medien her. Doch auch in den osteuropäischen Ländern ist die Aufregung groß. Slowakische Zeitungen und Fernsehsender haben das Thema aufgegriffen und stellen die Frage, ob es denn in Ordnung sei, dass die Deutschen ihre Alten zum Sterben in die Slowakei schickten. Dort hat die Familie einen hohen Stellenwert. Das Entsetzen über die Entwicklung ist entsprechend groß.

Inzwischen befassen sich auch die Juristen mit dem Thema. Mindestens zwei der Senioren sind inzwischen wieder in Deutschland – per Gerichtsbeschluss. In beiden Fällen haben Richter den jeweiligen Angehörigen die Generalvollmacht entzogen und die Rückreise erwirkt. Einmal auf Betreiben der Enkelin, die ihren Eltern vorwarf, die Oma abgeschoben zu haben. Im anderen Fall rief das deutsche Pflegeheim, in dem die Betroffene zuvor gewohnt hatte, die Behörden zu Hilfe. Die warfen dem Sohn der alten Dame vor, er wolle sich bereichern. Seither entscheiden eigens eingesetzte Rechtsanwälte über das Wohl und Wehe der beiden Senioren.

Frank hält dieses Vorgehen für „sehr fragwürdig“, zumal es noch nicht einmal eine Anhörung der Angehörigen gegeben habe. Aufhören mit der Vermittlung will er freilich trotz des Gegenwinds nicht. Er hat eine ganz eigene Sicht auf die Dinge: „Es ist wie bei fast allen Innovationen. Erst werden sie belächelt, dann bekämpft, und wenn sie dann doch funktionieren, sagt jeder, er habe das schon immer gewusst.“ Die Zahl der Interessenten jedenfalls ist nicht kleiner geworden, seit das Thema in aller Munde ist.

Normalerweise ist der Weg zurück nicht vorgesehen

Die kerzengerade Allee führt aus Zlatná na Ostrove hinaus Richtung Bratislava. Nach Wien sind es 170 Kilometer, bis zur deutschen Grenze knapp 500. Dieser Weg zurück ist für die Senioren, die zur Pflege nach Osteuropa kommen, eigentlich nicht vorgesehen. Und doch beschreiten ihn nun einige. Die Gerichte haben entschieden.

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Kommentar zu Taxi-Rufsäulen Hirnlos

Von 1. Juli 2016 - 17:42 Uhr

Auch wenn Rufsäulen für Taxis und Notrufe weniger genutzt werden als früher, sind sie notwendig. Wer sie mutwillig zerstört, erweist der Allgemeinheit einen Bärendienst.