Stuttgart - Phileas Fogg schaffte es in 80 Tagen. Aber er musste auch hetzen, um seine Wette zu gewinnen. Joachim van der Linde ließ es gemächlich angehen. Drei Jahre, drei Monate, drei Tage reiste er um die Welt. Mit Schiff und Eisenbahn. Jetzt plant er die nächste Tour. Durch Russland und China nach Südostasien.
Seine Geschichte beginnt mit einem Pfiff. Just als Joachim van der Linde 1954 in Rheine in Westfalen seinen ersten Schrei tat, tutete eine vorbeistampfende Lokomotive. Er wurde nämlich neben den Schienen der Tecklenburger Nordbahn geboren. Eine schöne Geschichte. Die der Wahl-Stuttgarter van der Linde uns in einem Kaffee am Marienplatz erzählt. Zu schön, um wahr zu sein? Egal. Zu jedem Entdecker gehört eine Legende. Und seine besagt, dass ihn dieser Anpfiff hinaustrieb in die Welt. Zumal seine Großeltern an der Emslandstrecke Rheine-Emden wohnten, und er dort den Dampfloks nachschaute. Nicht nur, dass sie seine Sehnsucht nährten, sie füllten seine Taschen. "Ich habe die Kohlen gesammelt, die von den Zügen gefallen waren und habe sie meiner Mutter verkauft", erinnert er sich. Mit zwölf Jahren kaufte er sich vom Kohlengeld eine Fahrkarte und ließ sich von der Eisenbahn nach Holland bringen.
Sein erste Reise. Ein Katzensprung. Mittlerweile treibt es ihn weiter hinaus. Nächstes Jahr will er von Berlin nach Wladirostock fahren, dann weiter nach Peking und Thailand. Natürlich mit der Eisenbahn. "Der Geruch von Öl und Dampf hängt mir heute noch in der Nase", sagt er. Nicht nur das. Er möchte ihn immer noch riechen. Und weil der ICE das nicht bieten kann, muss er der Nase nach, hinaus in die Welt.
1992 macht er seine erste große Reise. Von Thailand nach Singapur. Dabei findet er ein Buch. "Jupiters Reise" von Ted Simon. Der Journalist beschreibt darin, wie er auf seinem Motorrad, einer Triumph Tiger 500, in vier Jahren über 125.000 Kilometer durch 45 Länder fuhr. "Ein sensationelles Buch", sagt van der Linde, "Ich dachte mir, das versuche ich mit der Eisenbahn." Bis dahin sollte es aber noch dauern. Denn um die Welt zu erobern, braucht es Zeit und Geld. Also entsann er sich der Tugenden seiner schwäbischen Wahlheimat und sparte, sparte, sparte.
Van der Lindes Traum, Schaffner zu werden, war nicht in Erfüllung gegangen. Warum auch immer, ein Schaffner muss Rot und Grün sehen können. Das kann van der Linde nicht unterscheiden. Zöllner durfte er aber werden, obwohl er farbuntüchtig ist. Er teilte sein Leben mit einem schwarzen Labrador, gemeinsam spürten sie Rauschgift in Lindau am Bodensee auf. 1988 kam er dann nach Stuttgart zur mittlerweile verblichenen Gewerkschaft ÖTV. Schaffte viel. Gab wenig aus. Sparte Zeit und Geld an.
Und ging schließlich im August 2000 auf Reisen. In Istanbul verlässt er Europa. Und schreibt in seinem Buch "Einsteigen bitte!" über das erste Kapitel seiner Reise: "Es ist 8Uhr, und der Toros-Express von Istanbul nach Gaziantep wird bereitgestellt. Es herrscht hektische Betriebsamkeit. Zwölf Waggons sind frisch gewaschen, ihr tiefes Blau glänzt in der Morgensonne. Selbst von der Lokomotive perlt Seifenschaum. Sie wird die zwölf Waggons in 27 Stunden bis nach Gaziantep nahe der syrischen Grenze bringen." Und weiter: "Pünktlich um 8.55 Uhr ertönt ein schriller Pfiff, der Mann mit der roten Mütze gibt das Signal zur Abfahrt, der Toros-Express rollt an zu seiner 1550 Kilometer langen Reise auf den Gleisen der berühmten Bagdadbahn."