Papst zu Erziehungsmaßnahmen Würdevoll schlagen

Von Markus Brauer 

Das heiße Thema kennt jeder, der Kinder hat: Ist ein Klaps hie und da okay? Papst Franziskus meint, unter gewissen Umständen schon. Foto: dpa
Das heiße Thema kennt jeder, der Kinder hat: Ist ein Klaps hie und da okay? Papst Franziskus meint, unter gewissen Umständen schon. Foto: dpa

Franziskus gilt als Familienmensch: kinderlieb, offen und warmherzig. Doch jetzt lobt er einen Vater, weil der seine Kinder schlägt. Zwar nur „ein bisschen“, aber Zucht und Ordnung müssten sein.

Rom - Jeder Mann an der Spitze der Katholischen Kirche hat seinen persönlichen Stil. Johannes XXIII. galt als bescheidener, volksnahe, „il Papa buono“ (der gute Papst). Johannes Paul II. war der große Kommunikator und strenge Moralist, Benedikt XVI. wird als der große Denker in die Analen eingehen. Und Franziskus? Er ist der Anekdoten-Erzähler auf dem Stuhle Petri.

Jorge Mario Bergoglio gibt sich öffentlich am liebsten lebensnah. Geht es um Grundsätzliches wie künstliche Verhütung, Meinungsfreiheit oder die Armut in der Welt kleidet er seine Überzeugungen gerne in Anekdoten. Kleine, scheinbar beiläufige Erzählungen, die Kurioses, Ungewöhnliches oder Komisches schildern. In der Kunst der bildhaften Umschreibung komplexer Sachverhalte hat es der 266. Bischof von Rom zur Meisterschaft gebracht.

Die pontifikale Stilblütensammlung hat der 78-Jährige am Mittwoch um ein spannendes Thema erweitert: die Kindererziehung. Dass Franziskus, der am 13. März sein zweijähriges Amtsjubiläum feiert, genau weiß, was er sagt, davon darf man ganz sicher ausgehen.

Ist das Schlagen von Kindern in Ordnung?

Doch nun zum „Corpus delicti“ – dem Gegenstand der Kontroverse: Ist das Schlagen von Kindern in Ordnung? Bei seiner letzten Generalaudienz, die sich um eines seiner Lieblingsthemen – die Familie und die Rolle des Vaters – drehte, hat er folgende Anekdote erzählt: „Einmal habe ich einen Vater bei einem Treffen mit Ehepaaren sagen hören: ‚Ich muss manchmal meine Kinder ein bisschen schlagen, aber nie ins Gesicht, um sie nicht zu erniedrigen.‘“ Und Franziskus fährt fort: „Wie schön! Er weiß um den Sinn der Würde. Er muss sie bestrafen, aber er tut es gerecht und geht dann weiter.“

Hört man recht? Der Papst, der sonst reihenweise Kinder herzt, küsst und umarmt, spricht sich für körperliche Übergriffe als adäquate Erziehungsmaßnahme aus?

Im Vatikan ist man um Schadensbegrenzung bemüht. Papst Franziskus rechtfertige keine Prügelstrafen als Erziehungsmaßnahme. Das Kirchenoberhaupt habe Eltern keineswegs aufgefordert, ihre Kinder zu schlagen, sagt Vatikansprecher Federico Lombardi im Radio Vatikan. Vielmehr habe er sie dazu ermuntert, „zu korrigieren, ohne zu erniedrigen“.

Nie um einen flotten Spruch verlegen

Also ist die Äußerung eher als Plädoyer für ein sanftes Stupsen und nicht für richtiges Hauen zu verstehen? Alles nur ein dummes Missverständnis? Franziskus ist ein lebenslustiger, fröhlicher Mensch, der nie um einen flotten Spruch verlegen ist. Nicht jeden gefällt diese lockere Art. Mancher hält sie für eines Papstes unwürdig. Erst die Bereitschaft, die Faust einzusetzen, wenn jemand seine Mutter beleidigt. Dann der Karnickel-Vergleich mit den Katholiken. Und jetzt das schlagende Argument des Mannes aus Rom.

m Bundesfamilienministerium ist man über diese Äußerung gelinde gesagt irritiert. Es gebe kein „würdevolles Schlagen“. Jegliche Gewalt gegen Kinder sei vollkommen inakzeptabel, betont eine Sprecherin. Kinder hätten in Deutschland laut Gesetz ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Auch Rainer Becker, Vorsitzender der Deutschen Kinderhilfe, ist fassungslos. „Es gibt kein würdevolles Schlagen eines anderen Menschen.“

Im Internet und in den sozialen Netzwerken ist die Empörung groß – auch auf der Facebook-Seite unserer Zeitung. „Völlig daneben: Ein ‚Klaps‘ für Kinder sei in Ordnung, der #Papst. Alltägliche Gewalt gegen Kinder darf so nicht verharmlost werden“, twitterte Grünen-Chefin Simone Peter. Andere Nutzer auf Twitter schreiben: „Wer Kinder schlägt, ist armselig.“ – „Ganz so modern ist er doch nicht.“ – „Reaktionärer Armleuchter“.

"Jeder Schlag gegen ein Kind ist einer zu viel"

Auch die Reformbewegung Wir sind Kirche kann dem pädagogischen Bonmot aus Rom nicht sonderlich viel abgewinnen: „Jeder Schlag gegen ein Kind ist einer zu viel und zeugt oft von der Überforderung der Erwachsenen“, sagt Sprecherin Sigrid Grabmeier. Bei der Deutschen Bischofskonferenz gibt man sich gewohnt zugeknöpft: „Wir kommentieren den Papst nicht.“

Vatikan-Sprecher Thomas Rosica versucht derweil, die Wogen zu glätten: Wer habe nicht schon einmal sein Kind gezüchtigt oder sei selbst von seinen eigenen Eltern gezüchtigt worden, schreibt der Priester in einer E-Mail. Der Papst habe natürlich nicht über Gewalt oder Grausamkeit gegenüber Kindern sprechen wollen, sondern vielmehr darüber, jemandem zu Wachstum und Reife zu verhelfen.

„Schauen Sie sich an, wie der Papst auf Kinder zugeht, und lassen Sie die Bilder und Gesten für sich selbst sprechen.“ Daraus etwas anderes ableiten zu wollen, enthülle ein Problem bei jenen, die offenbar einen Papst nicht verstanden hätten, der eine Revolution der Normalität eingeläutet habe, was Sprache und Gesten anbelange. Womit wir wieder bei den Anekdoten sind.

Auch der Papst ist ein Kind seiner Zeit

Doch hier geht es nicht um netten Plaudereien eines leutseligen Pontifex, sondern um Fundamentales. Und es heißt im Grundgesetz und in weltweit 38 weiteren Verfassungen klar und deutlich: Die Prügelstrafe ist verboten, Gewalt in der Erziehung ist geächtet. Basta! „Kinder haben ein recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig“ (Paragraf 1631, Absatz 2 Bürgerliches Gesetzbuch).

Wie jeder ist auch der Papst ein Kind seiner Zeit. Der am 7. Dezember 1936 in Argentinien geborene Jorge Mario Bergoglio wuchs in einer katholischen Familie auf und trat 1958 in den Jesuitenorden ein. Ob er als Kind – und vielleicht auch im Ordensnoviziat – „gezüchtigt“ wurde?

Bis heute jedenfalls ist gewaltfreie Erziehung in den meisten Staaten der Erde ein Fremdwort. Eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen im Jahre 2010 ergab, dass gerade in kirchlichen Kreisen Schläge zur Tagesordnung gehören. „Je stärker die Eltern in ihrem Glauben verankert sind, umso mehr prügeln sie“, fasste damals Institutsleiter Christian Pfeifer das Ergebnis der Befragung von 45 000 Neuntklässlern zwischen 14 und 16 Jahren zusammen. Während demnach mehr als die Hälfte der deutschen Elternhäuser seinen Nachwuchs gewaltfrei erzieht, leiden speziell rund ein Viertel der Kinder von evangelisch-freikirchlichen Glaubensangehörigen unter massiver und jedes zweite Kind unter leichter Gewalt.

Noch immer strafen 40 Prozent der Mütter und Väter mit einem Klaps

Eine Forsa-Studie von 2012 bestätigte dies: Noch immer strafen 40 Prozent der Mütter und Väter ihre Kinder mit einem Klaps auf den Po, zehn Prozent verteilen Backpfeifen.

In der Bibel und im Christentum haben Prügel als Erziehungsmittel eine lange Tradition. „Wer Zucht liebt, der wird klug“, heißt es etwa im alttestamentlichen Buch der Sprüche (12,1). Nun kann man dererlei historisch, kulturell und ethnologisch erklären. Doch in der heutigen Gesellschaft seien Schläge absolut tabu, betont Sabine Pankofer, Psychologin und Professorin an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München. „Gewalt als legitime Strafe gibt es meiner Ansicht nach nicht. Manche Menschen, die selbst geschlagen wurden, legitimieren die eigene Biografien im Nachhinein, um sich selbst nicht als Opfer sehen zu müssen.“

Vatikan-Experten betonen, dass Franziskus keineswegs Gewalt gegen Kinder rechtfertige. „Meiner Einschätzung nach ging es hier um die Würde des Kindes, verpackt in eine echte Erzählung. Das ist keine Verteidigung von Gewalt gegen Kinder, sondern die Betonung ihrer Würde“, so Bernd Hagenkord, Chefredakteur der deutschen Ausgabe von Radio Vatikan.

Papst-Biograf Marco Politi erklärt: „Der Papst will nicht sagen: Ab Morgen haut man wieder!“ Vielmehr benutze er gerne eine „volkstümliche“ Sprache, „wie ein Pfarrer vor der Kirche auf dem Vorplatz“, um zum Nachdenken anzuregen. Der Papst ist aber kein gewöhnlicher Pfarrer, sondern Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken.

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