Papst-Rücktritt Auf der Höhe

Christoph Reisinger, 11.02.2013 19:33 Uhr

Es war schon immer so, und so wird’s auch bleiben. Kritiker werfen der Katholischen Kirche häufig vor, sie verfahre genau nach diesem Muster. Papst Benedikt XVI. hat sie widerlegt. Sein Rücktritt, kirchenrechtlich heikel, historisch mit der schwer vergleichbaren Amtsniederlegung Coe­lestins V. allein auf weiter Flur, setzt neue Maßstäbe. Es sind die richtigen.

Als noch erstaunlich leistungsfähiger 85-Jähriger schaut dieser Papst voraus und handelt. Es ist der Moment seines Pontifikats, an dem sich Joseph Ratzinger am weitesten auf der Höhe seiner Zeit zeigt. Denn die Kirche braucht heute ein Oberhaupt, das enorme Anforderungen meistert. Schließlich bilden die Katholiken einen weltumspannenden Multikulti-Laden im besten Sinne. Entsprechend groß und vielfältig sind allerdings die Herausforderungen, Wünsche, Ansprüche der Gläubigen wie auch der Amtsträger, denen der Papst gerecht werden soll. Dem trägt Benedikt Rechnung. Er stellt seine Person und die Tradition hintan.

Das hat Größe. Das wird Geschichte machen. Das verweist zudem auf die Anfänge des Papsttums. Gemäß der biblischen Überlieferung hat Jesus Christus seine Kirche ja keinem weltentrückten Frömmler anvertraut, auch keinem hinfälligen Greis, sondern dem Fischer Petrus. Einem Mann voller Tatkraft, einem Praktiker, einem Draufgänger, der am Ende sogar ein extrem brutales Martyrium in Kauf nahm für seine Überzeugung, seinen Glauben, seinen Gott.

"Zu Benedikts überlegener Intelligenz gesellte sich leider nicht der Mut zum großen Wurf"

Die Darlegung seiner Überzeugung und seiner Sicht auf Gott – das ist es vor allem, was den rund 1,2 Milliarden Katholiken über das spektakuläre Amtsende hinaus von Benedikt XVI. bleiben wird. Sein Lehrschreiben über die Liebe ist dafür ein leuchtendes Beispiel. Mit seinen weltweit beachteten Büchern über Jesus ist der Papst als Großintellektueller in Erscheinung getreten. Auch deshalb, weil er sich mit seinen Ansichten ausdrücklich nicht hinter der Autorität seines Amtes verschanzt, sondern der wissenschaftlichen Auseinandersetzung gestellt hat.

Was den Deutschen und speziell den deutschen Katholiken von ihrem Landsmann bleiben wird, glänzt allerdings erheblich weniger. Denn zu Benedikts überlegener Intelligenz gesellte sich leider nicht der Mut zum großen Wurf. Zwei Folgen: Manches, was der Papst geleistet hat, wurde übersehen oder verkannt. Und keines der Probleme, die den Katholiken in Europa besonders stark zu schaffen machen, kam einer Lösung näher.

So ging in Deutschland ziemlich unter, wie stark Benedikts Werben um die fundamentalistischen Piusbrüder von seinem Streben nach Einheit getrieben war. Wie hätte es aber auch anders sein sollen? Zu anderen christlichen Glaubensgemeinschaften und Kirchen blieb derselbe Papst starr auf Distanz. Obwohl die Frage des Miteinanders für deutsche Christen seit 500 Jahren eine Schicksalsfrage ist.

Der Priestermangel, die Rolle der Frau in der Kirche, der Umgang mit Geschiedenen, die vielen starken Versuche, alles Religiöse an den Rand der Gesellschaft zu drängen – das sind für deutsche Katholiken herausragend wichtige Themen. Hier entsprangen die Antworten des Papstes aber meist dem Geist: Es war schon immer so, und so wird’s auch bleiben.

 

 

 
 
Kommentare (8)
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FEB
17
Albert Seitzer, 20:17 Uhr

Der Heilige Geist ist doch zu Gange!

Gestern zappte ich zufällig in das Wort zum Sonntag und da zählte der Redner alle überfälligen Reformen, die der Papst verhindert hat auf. Es gibt also offensichtlich viele Menschen und Priester, die den Geist Jesu spüren. Allerdings ist es wohl so, dass sich der Heilige Geist niemandem aufzwingt. Wem Macht und Karriere wichtiger sind dem kann der Heilige Geist nicht helfen.

FEB
16
Albert Seitzer, 15:57 Uhr

Es hat sich was geändert!

Papst Benedikt XVI hat zwei kleine Kerben in die Dogmenmauer geschlagen. Zum einen hat er die absolutistische Monarchie vorzeitig beendet, zum anderen hat er damit auch seine 'Unfehlbarkeit' beendet. Trotzdem klage ich: 'Heiliger Geist, war da nicht mehr möglich?' Wer wissen will, wie Jesus nicht war, der lese die Bücher des noch Unfehlbaren. Wer etwas über Jesus wissen will kann die 4 Evangelien lesen. Jesus hatte anscheinend Humor und Mitgefühl. Papst Benedikt XVI hat Intelligenz, da lacht der ganze Himmel.

FEB
14
jsmill, 20:42 Uhr

Es wird sich nichts ändern

'Zu Benedikts überlegener Intelligenz gesellte sich leider nicht der Mut zum großen Wurf' Ich denke nicht, dass es Herrn Ratzinger an Mut fehlte. Es fehlte an Willen. Er hatte durchaus den zweifelhaften Mut, die Piusbruderschaft zu rehabilitieren, deren Führungspersonal sich z.B. gegen Glaubens- und Meinungsfreiheit, gegen die parlamentarische Demokratie aber für die Todesstrafe und für die Verfolgung Homosexueller und nichtehelicher Lebensgemeinschaften ausspricht. Herr Ratzinger war und ist schlicht rückwärts gewandt und ja, er hatte den Mut und den Willen, mit strammem Schritt rückwärts in die Welt vor das 2. Vaticanum zu marschieren. Auch die naiven Hoffnungen, ein afrikanischer Papst werde es nun richten, teile ich nicht. Zur Personalpolitik des Herrn Ratzinger gehörte die Ernennung ultrakonservativer Hardliner zu Kardinälen, die seinen Kurs perpetuieren werden. Wer sich mal über den als papabile gehandelten Kardinal Turkson informiert, wird kaum auf diee Idee kommen, es könne sich hier um einen weltoffenen Liberalen handeln. Mitgliedschaft und Vorstand des Vereins RKK haben sich ohnehin entfremdet. Die meisten 'Schäflein' schätzen den Trachtenverein, der bei Hochzeiten oder Beerdigungen das Rahmenprogramm organisiert, aber das war es dann auch schon. Wenn ich für jeden Katholiken - Priester eingeschlossen - der sich an die lust- und leibfeindliche katholische Sexual'moral' hält einen Euro im Monat bekäme, ich fürchte, ich müsste dann aufstockende HartzIV-Leistungen beantragen, weil die keuschen Euros nicht zum Leben reichten. Meiner Meinung ist diese Organisation so tot wie der Verein der Veteranen der napoleonischen Kriege. Sie wird nur künstlich durch staatliche Geldtransfusionen am Leben erhalten, insbesondere in D, wo sie immer noch den Rang einer de facto Staatsreligion geniesst und vielfach, siehe z.B. Arbeitsrecht, ausserhalb und oberhalb der allgemeinen Gesetze steht.

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