Panini-Album für Stuttgart „Wer ein Tütchen aufreißt, ist verloren“

Von Uwe Bogen 

Alexander Böker (links) und Oliver Wurm lieben den Spaß mit Klebebildern. Der Sitz ihrer Medienagentur ist in  Hamburg. Foto: Juststickit
Alexander Böker (links) und Oliver Wurm lieben den Spaß mit Klebebildern. Der Sitz ihrer Medienagentur ist in Hamburg. Foto: Juststickit

Das Sammelfieber steckt an. Oliver Wurm und Alexander Böker haben die Panini-Alben für Städte erfunden. „Stuttgart sammelt Stuttgart“ geht nun an den Start. Im Interview sprechen sie über den Sticker-Erfolg und über mögliche Klebe-Hits in Stuttgart.

Stuttgart - Das Sammelfieber steckt an. Das wissen auch Alexander Böker und Oliver Wurm nur zu gut. Ein Gespräch über Sammelleidenschaft und die Besonderheiten des Stuttgart-Albums.

Herr Böker, Herr Wurm, alle Welt klickt unendliche Bildergalerien bei Facebook oder sonst wo im Netz – warum sollten sich die Stuttgarter nun kleine Bilder in Tütchen kaufen und ganz real, also nicht virtuell, einkleben?
Wurm: Weil das echte Leben immer aufregender, lustiger und – ja – auch echter ist als das in virtuellen Welten. Ich kommuniziere viel und gern im Netz, ob bei Facebook, Twitter oder Instagram. Aber wenn ich auf den Tauschbörsen zu unseren Panini-Alben sehe, wie eine Elfjährige mit einem 79-Jährigen Sticker tauscht, wenn Menschen aus drei oder sogar vier Generationen dabei ins Gespräch kommen, freut mich das immer wieder sehr. Unsere Alben machen Spaß, sie vermitteln auf spielerische Weise Wissen – und sie bringen Menschen zusammen.
Sind die gedruckten Klebebilder womöglich ein Gegentrend zur virtuellen Bilderflut?
Böker: Wir werden mit den Stickern nicht die Digitalisierung aufhalten. Das wollen wir auch nicht. Aber ein Sammeltütchen aufreißen und das haptische Vergnügen erfahren, wenn man die Bildchen ins Album klebt, dazu der Geruch von frisch Gedrucktem – das hat einen Erlebniswert. Unsere Serien werden überwiegend von Erwachsenen gesammelt. Wenn Mama, Papa, Oma und Opa plötzlich am Tisch sitzen und stickern, legen die Kinder das Handy mal beiseite und setzen sich dazu. Und wenn sie erst einmal das erste Sammeltütchen aufgerissen haben, sind sie quasi verloren (lacht).
Wie kamen Sie auf die Idee, Panini-Alben für Städte zu machen?
Wurm: Das war 2009 – es war eine echte Schnapsidee. Alex und ich haben uns überlegt, was wir in unserer Heimatstadt Hamburg machen könnten, um auf unser kleines Medienbüro aufmerksam zu machen. Wir dachten: Die Bürger lieben ihre Stadt. Die Stadt hat eine große Geschichte und viele Stars hervorgebracht. Als Kinder haben wir gern Fußball-Bildchen gesammelt. Da kam uns die Idee: ein Panini-Album für Hamburg! Den ersten Brief schrieben wir an Helmut Schmidt. Als er uns rasch begeistert zusagte, gab es kein Zurück mehr.
Hat die Premiere in Hamburg Ihre Erwartungen erfüllt?
Wurm: Mehr als das! Es war unglaublich! Innerhalb von sechs Monaten wurden fast 1,5 Millionen Tütchen verkauft. Das sind 7,5 Millionen Sticker! Danach war klar: Das bringen wir auch in andere Städte.
Warum hat es acht Jahre gedauert, bis Sie nach Stuttgart gekommen sind?
Wurm: Nach der Premiere haben wir eine Liste erstellt. Da standen zehn Städte drauf, von denen wir überzeugt waren, dass sie für unsere Idee prädestiniert sind. Auf dieser ersten Liste stand Stuttgart.
Stuttgart ist der Deutschland-Sitz von Panini.
Böker: Die Kollegen von Panini haben uns quasi alle drei Monate gefragt, wann es nach Stuttgart geht. Aber wir haben als zweite Stadt erst mal Köln besammelt. Damit war die Idee quasi auf der Nord-West-Achse verankert. Danach kam gleich die Anfrage aus Düsseldorf. Aber jetzt endlich ist Stuttgart dran! Nie zuvor haben wir eine größere Allianz für ein Album in einer Stadt geschmiedet als hier. Wir wurden von allen Seiten unglaublich unterstützt.
Wie sind Sie vorgegangen, um die Stuttgarter für Ihre Idee zu begeistern?
Wurm: Zuerst waren wir im Pressehaus. Schon die ersten Gespräche mit Ihrer Redaktion haben total Spaß gemacht. Dann wurden wir von einem „Big Player“ der Stadt zum nächsten weitergereicht. Klar, auf Cro und die Fantas kommen wir als Hamburger selbst – aber viele prägende Frauen und Männer der Kulturszene, regionale Sportgrößen und typische Stuttgarter Dinge hätten wir alleine nie entdeckt. Das Album ist eine echte Gemeinschaftsarbeit!
Was ist im Stuttgart-Sammelalbum anders als in den Städten, in denen Sie bisher waren?
Böker: Das Album hat deutlich mehr Seiten und Sticker als unsere sonstigen Alben – es gibt hier irre viel zu erzählen. Wir haben den Umfang im Laufe des Produktionsprozesses zweimal erweitert. Am Ende wurde es 324 Sticker-Motive, verteilt auf 25 Sammelwelten und 52 Albumseiten. Ganz Stuttgart scheint bereits vorm Start im Sammelfieber!
Haben sich bei Ihrer Recherche die Vorurteile bestätigt, die man für gewöhnlich in Hamburg über uns Schwaben hat?
Böker: Ja, in Hamburg halten sich hartnäckig beide klassischen Vorurteile. Erstens: Schwaben sind geizig. Zweitens: Man kann sie schlecht verstehen. Die Kunde, dass beides nicht stimmt, verbreiten wir ab sofort in Hamburg! Wir wurden vom ersten Tag an mit großer Herzlichkeit aufgenommen, und sogar Bücher bekamen wir geschenkt. Wir haben sogar jedes Wort, das in unseren Sitzungen gesprochen wurde, verstanden. Auf die Insider-Bilder hat uns Ihre Redaktion gebracht. Danke für die tolle Zusammenarbeit! Hat echt Spaß gemacht.
Was sind aus Ihrer Sicht die größten Pluspunkte von „Stuttgart sammelt Stuttgart“
Wurm: Ganz klar die Persönlichkeiten – in Stuttgart haben viele tolle Menschen ihre Wurzeln. Man hätte beinahe ein ganzes Album nur mit aktuellen Stars und verstorbenen Legenden machen können! Dass der VfB jetzt wieder erstklassig spielt, macht die VfB-Seite spannend, auf der wir die Meilensteine der Vereinsgeschichte der Roten zeigen. Die Kickers haben auch eine eigene Sammelwelt! Großen Spaß hat die Geschichts-Seite gemacht. Die war aber auch die schwierigste. Versuchen Sie mal, die wechselvolle Geschichte Stuttgarts in zwölf bis bis 14 Sammelbildchen abzubilden.
Welche Sticker haben das Zeug, hoch gehandelt zu werden?
Böker: Wir haben einige Sticker mit typischen schwäbischen Sprüchen eingebaut – die sind auch für uns Hamburger total klasse. Die werden bestimmt auf dem einen oder anderen Kühlschrank oder Federmäppchen ein neues Zuhause finden. Und dann gibt es in jeder Kollektion 24 Glitzersticker. Die sind bei Kunden besonders begehrt.
Wenn Sticker auf Kühlschränken und Federmäppchen kleben, fehlen diese in den Alben.
Wurm: Genau, deshalb entsteht mitunter der Eindruck, dass Panini bei den Stückzahlen der Sticker variiert. In Italien haben wir uns davon überzeugt, dass in jeder Kollektion die Motive gleich häufig gedruckt werden. Bei einer WM-Serie sind oft Superstars wie Ronaldo oder Messi rar – in Stuttgart werden es vielleicht das Stadtwappen, Cro, Äffle & Pferdle oder einer der Sprüche-Sticker sein. Das liegt daran, dass die besonders beliebten Sticker zum einen nicht gern eins zu eins eingetauscht werden, zum anderen aber auch, wie gesagt, zum Album noch woanders hingeklebt werden. Auf den Tauschbörsen oder in den Stickerforen im Netz tauchen diese Motive dann seltener auf – und erscheinen einem daher künstlich verknappt. Das ist aber definitiv nicht der Fall.
Sie waren für Recherchen oft in Stuttgart. Was hat Sie hier am meisten überrascht?
Böker: Die Stäffele. So viele Stufen! Wenn man mit dem Zug ankommt und beim Einfahren in den Bahnhof ein Car2Go reserviert, das nur 500 Meter entfernt steht, lernt man, was der Unterschied zwischen Luftlinie und Fußweg ist. Schwupps hat man 200 Höhenmeter und 300 Stufen in den Beinen. Das bringt spätabends besonders Spaß! Gleichzeitig macht das natürlich auch den Charme der Stadt aus. Stuttgart ist ein bisschen wie San Francisco, bloß ohne Meer. Ständig geht’s bergauf und bergab – das ist total spannend, weil man immer wieder neue Perspektiven auf die Stadt erhält. Von allen Städten, in denen wir bisher ein Album gemacht haben, ist Stuttgart schon jetzt unsere Nummer zwei – nach Hamburg, so viel Lokalpatriotismus muss erlaubt sein.
Na gut, ausnahmsweise. Wo gefällt es Ihnen in Stuttgart nach Hamburg am besten?
Wurm: Wir haben tolle Abende am Marienplatz verbracht. Man kann da entspannt sitzen, ein Bier trinken und Leute beobachten. Außerdem ist es zu unserem Ritual geworden, bei jedem Besuch ein Pinguin-Eis zu essen und auf die Stadt zu blicken.

Lesen Sie jetzt