Orchesterfusion „Mittelmaß interessiert mich nicht“

Susanne Benda, 27.01.2013 18:00 Uhr

Stuttgart - 2016 soll aus den beiden großen Orchestern des Südwestrundfunks (SWR) ein einziges werden. Für die Organisation soll Johannes Bultmann sorgen. Der 52-jährige Kulturmanager arbeitete bis 2008 zehn Jahre am Festspielhaus Baden-Baden und wurde dann Intendant der Philharmonie Essen.


Herr Bultmann, ab September sind Sie beim SWR „künstlerischer Gesamtleiter Klangkörper und Festivals“? Was ist mit dieser Funktionsbeschreibung genau gemeint?
Ich glaube, ich brauche keine Funktionsbezeichnung. Ich werde einfach tun, was zu tun ist – und viel, sehr viel mit den betroffenen Menschen reden.


Wann endet Ihr Vertrag in Essen?
Ende Juli. In künstlerischen Berufen ist es aber so, dass man nicht erst dann zu denken beginnt, wenn die eine Intendanz ausläuft und die nächste beginnt. Ein paar Termine wird es also schon im Vorfeld geben. Ich werde in den nächsten Wochen schon mal in aller Ruhe die Orchestervorstände treffen.

Und dann? Wie wollen Sie die Schrumpfung von gut 200 auf gut 100 Musiker ohne betriebsbedingte Kündigungen hinbekommen ?
Schrumpfung ist ein unschöner Begriff, deshalb verwende ich ihn nicht. Natürlich gibt es vom SWR ganz klare Pläne und Planstellenüberlegungen. Unter anderem wurden die biografischen Daten durchgesehen, um herauszufinden, wann Musiker in den Ruhestand gehen. Außerdem hat man die Fluktuation genau angeschaut, die es ja in jedem Orchester gibt – aus künstlerischen oder aus privaten Gründen. Zu all dem kann ich im Detail jetzt noch nichts sagen. Kündigungen sind aber auf jeden Fall ausgeschlossen.

Ihre Arbeit wird es sein, die Übergangszeit in einer Weise zu gestalten, die beiden Standorten, Stuttgart und Freiburg, gerecht wird.
Genau. Wobei die Übergangszeit klar definiert ist als die Zeit bis August 2016. Die Spielzeiten vorher haben beide Orchester schon weitgehend durchgeplant. Wir werden aber die Jahre bis dahin nutzen, um unter Einbindung der Orchestervorstände und der Manager die Zeit ab 2016 mit einem in Stuttgart residierenden Orchester vorzubereiten. Das müssen wir in den nächsten Wochen dezent angehen und dann ab Herbst intensivieren – und erst einmal sehr viel ruhige, stille Innenarbeit machen.

Wie stellt sich für Sie der neue Klangkörper dar? Soll er wirklich ein Spitzenorchester der ARD sein und gleichzeitig eine Spezialistentruppe für Neue Musik?
Grundsätzlich ja. Ich habe vom Intendanten den Auftrag bekommen, das neue SWR-Orchester zu einem der besten in Deutschland zu entwickeln. Wenn dieses Ziel so nicht definiert worden wäre, hätte ich diese Aufgabe auch gar nicht übernommen. Mittelmaß interessiert mich nicht.

Wie lange soll es dauern, bis das neue Orchester das Ziel erreicht hat?
Ich denke, dass wir in ein, zwei Jahren, also relativ schnell oben an der Spitze ankommen werden. Das ist das Ziel. Wenn wir nur 90 Prozent erreichen, sind wir auch schon ziemlich gut, aber eigentlich will ich mehr. Dabei ist es mein Vorteil, dass ich einerseits beide Orchester kenne, andererseits aber in der vorgegebenen Konfliktsituation eine neutrale Person bin. Und ich weiß, dass jeder Instrumentalist in beiden Orchestern ein hervorragender Musiker ist und dass beide Orchestermanager Profis sind. Deshalb werden wir unser Ziel auch erreichen.

Wie wollen Sie aber, wenn viele junge Musiker um die ersten Positionen konkurrieren, eine für alle befriedigende Lösung finden?
Tja, leider gibt es kein Handbuch für Kulturmanagement, in dem auf Seite 3 das Thema Orchesterfusion abgehandelt würde . . . Ihre Frage betrifft einen der vielen wichtigen Punkte, an denen ich in den kommenden Monaten still, intensiv und vertrauensvoll arbeiten möchte. Diese Themen müssen gemeinsam gelöst werden. Es hat keinen Sinn, dass ich einfach sage, so wird’s gemacht, sondern die Musiker müssen selbst überzeugt sein, dass das auch ihr Weg ist. Wir müssen uns als Einheit verstehen. Ich habe eine Vision, aber zu ihr gehören Menschen, die für ihre große Leidenschaft Musik sehr viel geopfert haben, und jeder Mensch, der diese Leidenschaft hat, möchte sie aus höchstem Niveau ausleben. Kunst definiert sich auch dadurch, dass man immer das Beste erreichen will.

Was ist mit dem Schwerpunkt Neue Musik?
Abgesehen von der Zeit am Festspielhaus Baden-Baden habe ich mein Berufsleben bisher vollständig in der Neuen Musik verbracht. In Essen habe ich vor zwei Jahren ein Festival für Neue Musik ins Leben gerufen. Neue Musik ist für mich selbstverständlich, weil sie Ausdruck unserer Zeit ist. Deshalb wird sie auch ein Teil des noch gemeinsam zu entwickelnden Profils des neuen SWR-Orchesters sein.

Ist das auch Ihre Aussage in Richtung der Donaueschinger Musiktage?
Absolut. Das neue Orchester ist nach wie vor ein Orchester des SWR, also bedient es dessen Festivals in Donaueschingen und in Schwetzingen und stellt dort einen Schwerpunkt dar.

Sie sind zukünftig auch für die genannten Festivals zuständig. Was werden sie da ändern?
Meine erste Aufgabe ist die Verschmelzung von zwei Orchestern zu einem hoch motivierten Spitzenorchester. Darauf muss ich mich bis August 2016 konzentrieren. Entsprechend haben wir verabredet, dass diejenigen, die bisher für Donaueschingen und Schwetzingen verantwortlich sind, bis 2016/17 die Verantwortung weiter haben, und da spucke ich auch keinem in die Suppe. Ob wir anschließend neue Positionierungen vornehmen oder Formate neu entwickeln, werden wir später sehen.

Sie müssen auch einen neuen Chefdirigenten finden. Welches Profil soll der haben?
Dazu kann ich jetzt noch nichts sagen. Wir machen das Schritt für Schritt: Wir reden über das Profil mit den Orchestermanagern und mit den Vorständen, und je nachdem, wie wir dieses Profil dann definieren, werden wir mit namhaften Dirigenten sprechen. Ich habe natürlich bestimmte Vorstellungen von Dirigenten und meine auch, dass sich diese mit den Vorstellungen der Orchestervorstände decken, aber das sind Themen, die ich nicht mit Dritten besprechen möchte.

Das Feld zwischen Lorin Maazel und einem hoch talentierten Nachwuchskünstler ist aber sehr weit.
Es ist ein Luxus, dass wir zurzeit sehr viele begabte Dirigenten neu auf dem Markt haben, die nicht nur einfach gut Takt schlagen, sondern auch musikalisch etwas zu sagen haben. Dazu kommen viele exzellente Instrumentalisten. In diesem Spektrum bewegen wir uns und dürfen das auch in Zukunft tun. Unabhängig von der Frage nach dem Chefdirigenten, der ja auch nur einen Teil der Konzerte dirigieren wird, möchte ich für das neue Orchester interessante Persönlichkeiten als Dirigenten gewinnen, um eine große Bandbreite der Interpretation zu pflegen – und um den Musikern eine spannende Proben- und Konzertarbeit zu ermöglichen.

Wird es noch Zeit für Vermittlungsprojekte geben?
Grundsätzlich haben wir den Auftrag, Kultur in eine soziale Breite hinein zu vermitteln, und wir müssen außerdem dafür sorgen, dass wir auch in Zukunft noch ein Publikum haben. Ich kann aber momentan noch nicht sagen, ob das neue Orchester hier mehr oder weniger leisten wird, als die beiden Orchester bisher geleistet haben.

Ihr Vertrag hat eine Laufzeit von fünf Jahren. Hat man Ihnen Zusicherungen gemacht – zum Beispiel beim Etat des neuen Orchesters?
Die Zahlen gibt es, und ich gehe davon aus, dass es sie auch bei den Diskussionen rund um die Fusion schon gab.

Gibt es eigentlich irgendwo Vorbilder für Orchesterfusionsprozesse?
Ich kenne keines. Aber ich weiß auch nicht alles. Ich glaube andererseits nicht, dass es für so etwas einen Masterplan geben kann. Entscheidend ist, dass jeder einzelne Musiker mit seiner Persönlichkeit, seinen Wünschen und Träumen ernst genommen wird, und mit jedem einzelnen müssen wir einen Weg finden, dass er sich auf die neuen künstlerischen Herausforderungen freuen kann. Wenn dies allerdings auf der anderen Seite nicht mitgetragen wird, sind auch meine Mittel begrenzt. Ich kann nur so gut sein, wie die anderen gut sein wollen. Und gerade in der Kunst kann nichts mit Zwang funktionieren. Da geht es nur mit Leidenschaft.

 
 
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