Optimismus im Land Südwesten peilt Vollbeschäftigung an

Von Stefanie Köhler 

Auch in der Informatik sind die Beschäftigungsaussichten derzeit gut Foto: dpa
Auch in der Informatik sind die Beschäftigungsaussichten derzeit gutFoto: dpa

Experten halten eine Vollbeschäftigung in Baden-Württemberg für möglich. Dazu müssen aus ihrer Sicht aber mehr Menschen besser qualifiziert werden. Bei Vollbeschäftigung haben aber nicht alle Arbeitssuchenden einen Job.

Experten halten eine Vollbeschäftigung in Baden-Württemberg für möglich. Dazu müssen aus ihrer Sicht aber mehr Menschen besser qualifiziert werden. Bei Vollbeschäftigung haben aber nicht alle Arbeitssuchenden einen Job.

Stuttgart - Biberach muss sich zumindest im Juni Platz eins teilen: Der Landkreis ist zwar weiter unverändert die Region mit der niedrigsten Arbeitslosenquote im Land. Doch im vergangenen Monat gelang das auch dem Bodenseekreis: In beiden Kreisen lag die Arbeitslosenquote bei 2,5 Prozent. Im Mai betrug sie im Bodenseekreis noch 2,6 Prozent. Insgesamt waren im Südwesten 3,8 Prozent der Menschen arbeitslos.

Die niedrige Arbeitslosenquote erklärt Hubert Keckeisen, bei der Agentur für Arbeit Ulm zuständig für Biberach, mit der vielfältigen Wirtschaftsstruktur aus kleinen und mittelständischen Firmen sowie Weltmarktführern aus verschiedenen Branchen. Viele sind familiengeführt. „Die Chance auf Beschäftigung ist sehr gut. Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben oft eine gute Beziehung. In Krisenzeiten wird nicht so schnell entlassen“, sagt Keckeisen. Bei den 2651 Arbeitslosen handle es sich um Menschen, deren Qualifikation nicht passt oder die zu wenig mobil sind. „Unser Landkreis ist groß. Er reicht von Riedlingen bis zur Iller.“ Wegen der wenigen Arbeitslosen konzentriert sich die Arbeitsagentur auf die Suche nach Fachkräften für die regionalen Firmen. „Wir haben den Fokus verändert. Wir versuchen, gekündigten Mitarbeitern einen Job zu vermitteln, bevor sie arbeitslos werden“, sagt Keckeisen mit Blick auf das regionale Bündnis für die Gewinnung von Fachkräften.

Schwierige Lage für Langzeitarbeitslose

Von solchen Arbeitslosenquoten träumen andere Kreise. Denn sie bedeuten Vollbeschäftigung. „Bei einer Arbeitslosenquote von zwei bis drei Prozent spricht man von Vollbeschäftigung“, sagt Werner Eichhorst, Direktor für Arbeitsmarkt Europa beim Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA). Theoretisch findet dann jeder Arbeitsuchende einen Job. In der Praxis gibt es aber immer Arbeitslose, denn es gibt immer Menschen, die den Arbeitsplatz wechseln. Absolventen haben nach der Lehre oder dem Studium nicht sofort einen Job. Und manche wollen nicht den, der ihnen angeboten wird. Schwierig wird es dagegen bei Langzeitarbeitslosen, deren Integration Eichhorst für „sehr schwer“ hält. „Hier muss der größte Aufwand betrieben werden.“

Auch Experten im Land halten Vollbeschäftigung in ganz Baden-Württemberg für möglich. Doch gerade in Metropolregionen, die viele Menschen anziehen, herrschen vergleichsweise hohe Arbeitslosenquoten: In Stuttgart etwa liegt sie bei 5,6 Prozent, in der Universitätsstadt Mannheim sogar bei sechs Prozent. Ballungsräume haben anders als ländliche Regionen auch mehr Zuwanderer. Allerdings sind Migranten öfter als Nichtmi­granten von Arbeitslosigkeit betroffen. Landesweit war die Quote im Juni bei 8,4 Prozent. Die Ballungsräume machen dafür Biberach zu schaffen. „Bei der überregionalen Rekrutierung muss sich das ländliche Biberach gegen Metropolregionen wie Stuttgart oder München behaupten — nicht leicht“, sagt der Hauptgeschäftsführer der IHK Ulm, Otto Sälzle.

Aus Sicht von Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) hat das Land trotz teils hoher Arbeitslosenquoten gute Chancen auf Vollbeschäftigung. Die Vorteile gegenüber anderen Bundesländern sieht er in den „wettbewerbsfähigen Unternehmen und den innovativen Beschäftigten“. Um Vollbeschäftigung zu erreichen, steht für ihn im Mittelpunkt, die Qualifikation von Arbeitslosen und weniger gut Ausgebildeten zu verbessern. „Ohne eine Qualifizierungsoffensive haben wir auf Dauer ein Nebeneinander von arbeitslosen Geringqualifizierten und Fachkräftemangel“, betont Schmid vor dem Arbeitsmarktkongress an diesem Freitag in Stuttgart. Qualifizierung müsse für die jungen Jahrgänge über die gesamte Bildungskette erfolgen – angefangen beim Kita-Besuch, dem ein Schulabschluss und dann ein Berufs- oder Studienabschluss folgt. „Ältere Jahrgänge ohne Berufsabschluss müssen nachqualifiziert werden“, sagt Schmid, der auch der Fachkräfteallianz des Landes eine wichtige Rolle zuschreibt, um das Angebot an gut Ausgebildeten zu sichern. Der Allianz gehören unter anderen Arbeitsagenturen, Industrie- und Handelskammern, Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände an.

Nachholbedarf im Musterland

Hier gibt es in der Tat auch im Musterland Nachholbedarf: 20 Prozent der Beschäftigten haben keinen Berufsabschluss. Bei den Arbeitslosen sind es sogar 50 Prozent. Bei den jungen Leuten schaut es ähnlich aus: 15 Prozent der 25- bis 35-Jährigen sind ohne Berufsabschluss. Fast jeder Zweite von ihnen ist arbeitslos. „Gleichzeitig suchen Betriebe aber in 90 Prozent der Fälle qualifiziertes Personal“, sagt Schmid.

Peer-Michael Dick, Hauptgeschäftsführer der Landesvereinigung Baden-Württembergischer Arbeitgeber, befürchtet aber, dass der Mindestlohn junge Leute und vor allem Migranten von einer Ausbildung abhält. „Wenn man in einem Helferjob doppelt so viel verdienen kann wie in einer Lehre, ist das kontraproduktiv“, sagt Dick. Grundsätzlich müsse man Jugendlichen die Wertigkeit einer Ausbildung vermitteln.

Der Bezirksleiter der IG Metall im Land, Roman Zitzelsberger, hält den Mindestlohn für einen notwendigen Schritt für eine gerechtere Einkommensverteilung. „Bei Vollzeit muss Arbeit existenzsichernd sein. Arbeitnehmer brauchen Wertschätzung und Aufstiegsmöglichkeiten.“ Um die Zahl der atypischen Beschäftigungsverhältnisse wie Leiharbeit, Teilzeit oder Minijobs einzudämmen, fordert Zitzelsberger neben Qualifizierung einen „industriellen Kern“ im Land. „Hier muss es Arbeit geben. Unternehmen lagern wieder öfter Arbeit ins Ausland aus oder vergeben Aufträge an Firmen, die noch billiger produzieren“, kritisiert er. Im September 2013 arbeiteten 24 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit. 11,4 Prozent hatten trotz Haupt- noch einen Minijob.

In Biberach tun Firmen in gewisser Weise schon viele Jahre das, was Zitzelsberger für das ganze Land fordert. „Großfirmen vergeben regelmäßig Aufträge an ortsansässige Handwerksbetriebe und Dienstleister, was zu einer hohen Wertschöpfung innerhalb der Region beiträgt“, nennt Biberachs Erster Bürgermeister Roland Wersch (CDU) als weiteren Grund für die Vollbeschäftigung.

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Von 27. Mai 2016 - 18:36 Uhr

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