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Oh, wie peinlich! Die Ausweitung der Intimzone

Tomo Pavlovic , vom 29.01.2012 07:29 Uhr
Eine der peinlichsten Figuren der Filmgeschichte: Sasha Cohen Baron als Borat im gleichnamigen Film.  Foto: 20 Century Fox
Eine der peinlichsten Figuren der Filmgeschichte: Sasha Cohen Baron als Borat im gleichnamigen Film. Foto: 20 Century Fox
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Stuttgart - Eigentlich ist es nicht die feine Art, über Nachbarn zu lästern. Doch in der Geschichte soll es um die Frage gehen, ob uns denn überhaupt nichts mehr peinlich ist. Und da kann man einfach nicht anders.

Der kommende Sommer wird grausam. Da sitzt man dann wieder auf dem Balkon im zweiten Stock und bekommt die Krise. Der Balkon schaut auf einen Hinterhof hinaus, der von eng stehenden Häusern gesäumt wird, die ihrerseits Balkone besitzen. Den Nachbarn kann man beinahe die Hand zum Frühstück reichen.

So weit geht die Freundlichkeit allerdings nicht. Zum Beispiel die junge Frau aus dem Altbau schräg gegenüber, 3. Stock, rechts. Sie hat die Angewohnheit, sich morgens in aller Öffentlichkeit die Zahnreihen zu bürsten, was gut für ihr Gebiss, aber schlecht für das Befinden des Betrachters ist. Weil der Hof einen Schalltrichter bildet, der jedes Mückenhusten in ein Elefantenrülpsen verwandelt. Und weil besagte Nachbarin ihre Körperhygiene - an schwülen Tagen - mit Vorliebe in Unterwäsche betreibt, im BH und Höschen (unspektakulär). Sie geht also aus dem Badezimmer extra auf den Balkon, um sich das Gebiss zu putzen, sich dabei sonst wo kratzend, in semierotischer Haltung für alle sicht- und hörbar.

Aufmerksamkeit um jeden Preis

Apropos Erotik. Das Miethaus nebenan hat zwar keine Balkone, dafür große Fenster, die meist sperrangelweit geöffnet sind. Ein unscheinbares Gebäude auf den ersten Blick. Doch am Wochenende kommt Stimmung in die Bude. Bisweilen fragt man sich, ob hier gerade ein Porno gedreht wird. Oder die Synchronisationsmeisterschaften in den Disziplinen brünftiger Hirsch und sterbende Elchkuh ausgetragen werden. Der einzige Trost: Das Paar wurde mittlerweile für seine Mühen mit Nachwuchs belohnt, das verraten inzwischen andere Schreie.

Vielleicht ist das aber auch eine Täuschung. Was eventuell am Lärm aus dem Erdgeschossbalkon linker Hand liegt. Der goldkettenbehängte Nachbar dort gibt kostenlosen Türkisch-Unterricht, brüllt stundenlang in sein Telefon, dazu gluckst er wie ein frischverliebter Sultan, während seine Frau wortlos Berge von Gurken und Tomaten schnippelt. Augenblicksweise kann Ruhe einkehren, wenn Pascha sein Sputum in hohem Bogen über die Brüstung spuckt, den schätzungsweise faustgroßen Raucherhustenrest der letzten Nacht. Schade nur, dass er niemals den Opel Kadett trifft, den der Typ von gegenüber minutenlang millimeterweise rangiert, so lang, bis alle Kohlenmonoxidvergiftung haben. Dass er Probleme beim Rückwärtsfahren hat, könnte schätzungsweise am parkbankgroßen Heckspoiler liegen.

Um es kurz zu machen: Heckspoiler und Goldketten sind peinlich - wie auch die meisten Mitmenschen. Sie sind rücksichtslos, körperlich aufdringlich, ja peinlich. Sie wollen Aufmerksamkeit erregen um jeden Preis. Sie stöhnen, brüllen, spucken und schäumen in Hinterhöfen.

Immer weniger Dinge peinlich

Und nicht nur das. Sie gehen in Castingshows wie "Deutschland sucht den Superstar", obwohl sie kein Talent haben, was sie nicht weiter stört, wo sie dann vor Millionen von Zuschauern von einem (peinlichen) Juror gedemütigt werden, was ihnen offensichtlich ebenfalls egal ist. Sie posten auf sozialen Netzwerken wie Facebook Fotos von ihrer letzten Party, wo sie im Erbrochenen liegen, auf dass ihre "Freunde" oder sonst wer sie bemerken. Wem vieles peinlich ist, der schafft es heute nicht mehr. Nicht im Fernsehen, nicht im Internet, nicht in der Politik. Nirgendwo.

Deswegen konnte man auch mit Verwunderung kürzlich einen Artikel in der "Zeit" lesen, der von der "Wiederkehr eines scheinbar verschwundenen Gefühls" handelte. "Kaum jemandem ist das Gefühl der Peinlichkeit fremd", schreibt Ulrich Greiner. "Man ist froh, wenn es vorübergeht." Sicher kennt jeder dieses Gefühl. Aber anders als Ulrich Greiner kann man auch der Auffassung sein, dass den Menschen, zumindest jenen in den westlichen Ländern, immer weniger Dinge peinlich sind. Mag sein, dass jemand einen roten Kopf bekommt, wenn er zu spät bemerkt, dass er im Bewerbungsgespräch gerade eben etwas Rucola zwischen den Zähnen hatte. Doch das ist keine persönliche Katastrophe. Denn auch diese Form des Peinlichkeitsgefühls, nennen wir es die situative, auf einem Missgeschick beruhende Peinlichkeit, ist am Verschwinden.

Die Regeln für das Miteinander sind längst nicht mehr so streng wie früher, vor 1968. Nur wo Etikette und Zwang herrschen, kann man als Tollpatsch unangenehm auffallen.

Kommentare (1)
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JAN
29
15:01 Uhr, geschrieben von lustig
nachverdichtung
die direkte folge des rückzuges aus der freien natur der frösche und juchtenkäfer in die hasenställe innenstädtischer szenequar-tiere, ein kollateralschaden der nachverdichtung.
Rüpel-Rapper ganz bürgerlich
Bushido gab Anna-Maria Lagerblom, der Schwester von Sarah Connor, in Berlin das Jawort.
Europas Fluten sind großteils sauber
Das sauberste Wasser findet man auf Zypern - hier haben über 99 Prozent der Badestellen 1a-Qualität.

 

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