Österreich Tirol: Eigenheim im Eis

Monika Hippe aus Maurach, 04.12.2012 05:00 Uhr
In einem Iglu übernachten kann jeder. Aber wie ist es, wenn man bei minus fünf Grad eine Schneehöhle selbst baut und darin übernachtet?

Maurach  - Der Himmel leuchtet postkartenblau, und die Eiskristalle glitzern in der Sonne wie Millionen Diamanten. Bei jedem Schritt bergauf knarzen die Schneeschuhe. Die Riemen des Rucksacks drücken in die Schultern. An diesem Tag wiegt er besonders viel. Darin befinden sich nicht nur Proviant und Wechsel­wäsche, sondern auch Kochgeschirr, Schlafsack, Taschenlampe und eine Schaufel. Tourenmitglied Sonya hat obendrein eine Flasche Glühwein dabei. Zwei Skitourengeher kreuzen den Weg und schauen den schwer beladenen Wanderern halb mitleidig, halb bewundernd hinterher. Die Bepackten wollen die Nacht im verschneiten Rofangebirge in Österreich in einer selbst gebauten Schneehöhle - einem Winterbiwak - verbringen. „Richtig gebaut, friert man darin nicht“, verspricht Christian, der Gruppenleiter.

Bei ihm ist der Bau einer Schneehöhle kein Notfall, sondern Programm. Seit knapp 30 Jahren bietet er über den Alpenverein Gebirgstouren an. Daran nehmen Menschen aller Altersgruppen teil, die Freude an der winterlichen Natur und Sportsgeist haben und für eine Nacht auf jeglichen Komfort verzichten können. Mal baut er mit ihnen ein Iglu, mal eine Schneehöhle, oder man übernachtet im Zelt - je weiter von der Zivilisation weg, desto besser. Von ihm lernen die Schnupper-Biwakierer nicht nur, wo man in freier Natur nächtigen kann, sondern auch, wie man die Lawinengefahr einschätzt und welche Wolken einen Wetterwechsel verheißen. „Das Schönste am Biwakieren ist der Sonnenaufgang“, meint Christian, der im normalen Leben gelernter Vermessungsingenieur ist und im Büro einer Bank arbeitet. Die Pause gebührt der Lawinenkunde. Christian erklärt die Lawinenverschüttetensuchgeräte (LVS) und prüft deren Funktionen. Jeder trägt ein Gerät um den Bauch. Es ermöglicht, Lawinenopfer durch eine spezielle Signalsuche zu orten. Im Gänsemarsch geht es weiter bergauf. Eine windgeschützte Scharte lockt zu einer weiteren Pause.

Ein Kaugummi dient als Ersatz fürs Zähneputzen

Aus der Thermoskanne dampft Tee, die mitgebrachten Butterbrote schmecken mit jedem Höhenmeter köstlicher. Darius, ein Biwakfan, hat besonders Appetit. Er kramt ein Alu­päckchen hervor, wickelt eine gebratene Schweinshaxe aus und beißt unter neckenden Zurufen der anderen genüsslich hinein. Das letzte Stück zum 2259 Meter hohen Gipfel führt an einem steilen Hang entlang. Oben rüttelt der Wind am Gipfelkreuz. Am Horizont ragen der Großglockner und seine Nachbarn empor. In einer Senke soll das Nachtlager entstehen. Dort malt Christian mit seinem Skistock den Grundriss in den Schnee und erklärt die Bauweise. „Die Schlafzimmer dürfen gerade so groß sein, dass ihr mit eurem Gepäck hineinpasst, sonst wird es zu kalt“, sagt er und testet sorgfältig mit einer zwei Meter langen Sonde die Höhe einer Schneewehe.

In drei Stunden entstehen aus den anfänglichen Löchern richtige Höhlen. Immer wieder wechseln die Schaufeln den Nutzer, denn der Schnee ist hart wie Stein, und schon nach wenigen Minuten rinnt vor Anstrengung der Schweiß. „Jetzt nur noch die Wände glatt streichen, damit sich nachts durch die Atmung keine Tautropfen bilden“ rät Christian. Als die Sonne hinter die Bergkuppen sinkt, sind die Eigenheime aus Eis endlich bezugsfertig. Darius hat eine eigene Luxusvariante mit einer Wand als Küchenzeile geschaufelt. In der Dunkelheit hocken alle vor den Höhlen auf selbst gezimmerten Bänken aus Schnee. Bewaffnet mit Daunenjacken und Fäustlingen schlürfen sie Glühwein und erzählen sich dabei von ähnlichen Outdoor-Erlebnissen. Im Kerzenlicht tanzen die Schatten der Mützen im Schnee. Am Himmel funkelt der Große Wagen. Jeder hat sein Abendessen dabei: Tütensuppe, Bergkäse und Kaminwurzen. Auf einem Gaskocher brodelt vorgekochtes Chili. Einen Glühwein später kommt die unangenehmste Übung. Das „Örtchen“ ist frei wählbar, irgendwo da draußen abseits des heimeligen Kerzenscheins. Irgendwann nagt der Frost an den Gliedern, und der erste krabbelt in sein Schlafabteil, kleiner als eine Doppelbetthälfte. Statt Pyjama zieht man einen zusätzlichen Pullover an und setzt eine zweite Mütze auf. Ein Kaugummi dient als Ersatz fürs Zähneputzen.

Schließlich liegt man wie ein dick verpacktes Michelinmännchen eng an den Nachbarn gekuschelt, damit die Wärme nicht entweicht. Nachdem der Letzte die Taschenlampe ausgeknipst hat, ist es dunkel wie in einer Tiefkühltruhe - und mucksmäuschenstill. Der Schnee isoliert jedes Geräusch. Mitten in der Nacht weht plötzlich ein Schleier aus Eiskristallen herab. Jemand hat sich umgedreht und die Wanddecke berührt. Die Gedanken an „einstürzende Neubauten“ verschwinden zum Glück schnell wieder. Schließlich hat Schneeheim-Architekt Christian große Erfahrung mit dem Bau solcher Konstruktionen. Als nach einem erholsamen Schlaf der Morgen dämmert, frisst sich die Kälte langsam durch die Isomatte. Das Aufstehen kostet die größte Überwindung. Alles außerhalb des Schlafsacks ist kalt und feucht. Hier gibt es niemanden, der einem heißen Preiselbeersaft ans Bett bringt, wie es in komfortablen Eishotels üblich ist. Glücklich ist, wer seine Bergstiefel mit zu sich „ins Bett“ genommen hat und nun in einigermaßen warme Schuhe schlüpfen kann.

Dichter Nebel hüllt die Berge ein. Die Stimmung ist trotz mangelnder Sicht fröhlich. Bald ist alles wieder in die Rucksäcke gepackt, ein letzter Blick fällt auf die vergänglichen Schlafzimmer. In ein paar Wochen sind sie womöglich dahingeschmolzen.

 
 
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