Österreich Schwesterlich mit Herz und Hand

Von Christian Ignatzi 

Die Österreicher singen künftig gleichberechtigt Foto: dpa
Die Österreicher singen künftig gleichberechtigt Foto: dpa

Österreich ändert seine Nationalhymne – Vom 1. Januar an werden Frauen im Text erwähnt.

Wien - Vom 1. Januar an erlebt Österreich eine musikalische Revolution. Das Parlament hat entschieden, das Land in der Nationalhymne nicht mehr als „Heimat großer Söhne“, sondern als „Heimat großer Töchter, Söhne“ zu besingen. Auch aus den „Bruderchören“ werden künftig „Jubelchöre“.

Dabei war es sogar eine Frau, deren Text 1947 zur österreichischen Bundeshymne wurde. Ein Jahr zuvor hatte Paula Preradovic an einem entsprechenden Wettbewerb teilgenommen und ihr Gedicht „Land der Berge, Land am Strome“ eingereicht. Freiwillig hat sie allerdings nicht von Brüderchören gesprochen.

Die Juroren waren mit dem Ursprungstext nicht ganz zufrieden und änderten ihn. Im Originaltext von 1946 schreibt Preradovic noch von brüderlichen Chören. Ein entscheidender Unterschied, wie die Sozialpsychologin Dagmar Stahlberg von der Universität Mannheim erklärt: „Brüderlich ist ein Adjektiv und deshalb etwas anderes, weil es keine bestimmte Person beschreibt.“ Eine Gefahr, dass auch die deutsche Nationalhymne („brüderlich mit Herz und Hand“) einer Änderung unterzogen wird, besteht also nicht.

Dass unsere österreichischen Nachbarn ihre Hymne ändern, war laut Dagmar Stahlberg höchste Zeit. Sie setzt sich in der Gender-Forschung mit der Benachteiligung der weiblichen Formen in der deutschen Sprache auseinander. „Beim generischen Maskulin, also wenn in der Hymne nur von Söhnen die Rede ist, fühlen sich Frauen nicht angesprochen, und das ist dann keine geschlechtergerechte Sprache“, sagt sie. Weil Frauen noch immer viel zu selten in Texten sichtbar seien, sei es sinnvoll, sogar eine Hymne zu ändern. Stahlberg erklärt das Problem, das sie sieht, anhand eines Experiments: „Wir haben in einem Fragebogen nach einem Politiker gefragt“, sagt sie „und am häufigsten wurde Jürgen Trittin genannt.“ In einer zweiten Testphase fragte die Professorin nach „Politiker/in“. Das Ergebnis: „Nun war plötzlich Angela Merkel das häufigste Ergebnis“, sagt Stahlberg.

Vor nicht einmal 100 Jahren sei es Frauen nicht möglich gewesen zu promovieren, weil in den Ausschreibungen nur von Studenten die Rede war, nicht aber von Studentinnen. Allgemein sei es so, dass sich weibliche Formen in Wort und Schrift in den letzten Jahren immer mehr häufen. „Heute ist es gesetzlich geregelt, dass man keine Stellen mehr ausschreiben darf, in denen man nach Mitarbeitern sucht und nicht nach Mitarbeiter/innen“, sagt Stahlberg. Ob Österreich eine Vorbildfunktion für andere Nationen haben wird, darüber will die Psychologin nicht spekulieren. Hymnen wie die Irlands, Frankreichs und der USA sind immerhin alte Soldatenlieder aus der Zeit, in der nur Männer dienten. Das Lied der Spanier hat ohnehin keinen Text. Die Nachbarn aus der Schweiz singen weder von Söhnen noch von Töchtern.

In Österreich ist die Ehre der Töchter des Landes – wie etwa Maria Theresia – nun wieder hergestellt. Eine Änderung wird es aber auch dort nicht geben. Das Vaterland bleibt das Vaterland.

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