Stuttgart - Roman Herzog, der ehemalige Bundespräsident, muss prophetische Gaben besitzen. Es ist Januar im bitterkalten Hohenlohe. Die Südwest-CDU trifft sich zur Klausurtagung im Kloster Schöntal, um ein Jahr nach der schweren Landtagswahlniederlage über den Aufbruch in eine bessere Zukunft zu beraten. Da tritt das ehemalige Staatsoberhaupt vor die Führungsgremien und greift zum Mikrofon. Wenn die Grünen diskutieren und dabei die Fetzen fliegen, werde das als Basisdemokratie interpretiert. Wenn die CDU dies mache, spreche alle Welt sofort von Streit. „Lassen Sie sich davon nicht beirren“, sagt Herzog und fügt fast flehentlich hinzu: „Wichtig ist, dass am Ende alle an einem Strang ziehen.“ Ein Rat, der aktueller kaum sein könnte. In Stuttgart und Karlsruhe werden 2012 neue Oberbürgermeister gewählt. Wenn nicht alles täuscht, stehen der CDU turbulente Monate bevor.
Allen voran in Stuttgart, wo die CDU mit Werbe-Unternehmer Sebastian Turner und dem ehemaligen Sozialminister Andreas Renner zwei prominente Kandidaten hat und derzeit niemand weiß, ob noch weitere Interessenten ihren Hut in den Ring werfen. Zwar betont CDU-Landeschef Thomas Strobl, es sei doch „ein Glücksfall für die Partei“, dass man gleich mehrere „hochqualifizierte und interessante Bewerber“ habe. Aber in der Landes-CDU sehen nicht alle diese Entwicklung derart positiv.
Manch einer fürchtet, dass die alten Lager wieder zum Vorschein kommen. Hier der 52-jährige Renner, der sich der Fürsprache des früheren Ministerpräsidenten Günther Oettinger, des Stuttgarter CDU-Urgesteins Gerhard Mayer-Vorfelder und Stuttgarts Bürgermeisterin Susanne Eisenmann sicher sein, aber auch alte Weggefährten wie Strobl und Landtagsfraktionschef Peter Hauk für sich einordnen kann. Dort Turner, der für den früheren Ministerpräsidenten Erwin Teufel einst die Imagekampagne „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“ kreierte. Der 45-Jährige besitzt kein Parteibuch, ist von seinem Naturell eher dem Flügel um die stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende Annette Schavan zuzuordnen. Alte Geschäftspartner aus seiner Zeit bei der Agentur Scholz & Friends bescheinigen Turner, er sei „ein hochpolitischer Mensch und ein kommunikatives Genie“.
Die Angst der CDU vor Flügelkämpfen
Renner gegen Turner: Wer am Ende als CDU-Kandidat zur Wahl am 7. Oktober in Stuttgart antritt, dürfen die Mitglieder des CDU-Kreisverbandes Stuttgart bekanntlich am 17. März entscheiden. Eine spannende Konstellation, sagen die einen. Eine gefährliche Gemengelage, warnen andere. „Die baden-württembergische CDU kann jetzt alles gebrauchen, bloß keine Flügelkämpfe“, warnt ein ehemaliger Minister. Man habe die vergangenen Monate genug damit zu tun gehabt, die Schmach der Landtagswahl zu verdauen, deshalb sei nun Geschlossenheit gefragt. Darauf setzt auch Strobl, wenn er betont, das Amt des Stuttgarter Oberbürgermeisters habe „nicht nur kommunale und landespolitische, sondern auch bundespolitische Bedeutung“. Kein Zweifel: Die CDU will alles versuchen, um nach dem Verlust der Regierungsmacht nicht auch noch die Landeshauptstadt zu verlieren.
Womöglich würden sie bei der CDU den internen Wettstreit gelassener sehen, wäre da nicht dem Grünen Fritz Kuhn ein respektabler Gegenkandidat. Während Turner mitteilen lässt, er werde sich zu anderen Bewerbern nicht äußern, nennt Renner seinen Kontrahenten Kuhn „eine Hausnummer“. Oder wie es ein führender Fraktionär der Landtags-Grünen umschreibt: „Dass der Fritz antritt, ist für uns wie ein Sechser mit Zusatzzahl.“
In der Landes-CDU wird die Bewerbung des ehemaligen Landtagsabgeordneten und heutigen Vize-Fraktionschefs im Bundestag denn auch mit gemischten Gefühlen gesehen. „Fritz Kuhn hat gespürt, dass er auf Bundesebene wohl keine großen Perspektiven mehr hat. Da hat er die Chance Stuttgart sofort genutzt“, sagt ein CDU-Mann mit neidvollem Unterton. Nach Informationen unserer Zeitung war es vor allem Grünen-Staatssekretär Klaus-Peter Murawski – die rechte Hand von Ministerpräsident Winfried Kretschmann –, der Kuhn die Rückkehr nach Baden-Württemberg schmackhaft machte.
Wahlkampf auf hohem Niveau?
Wie aber reagiert die CDU? Für viele gilt Renner, der seit seinem Minister-Rücktritt 2006 Chef der EnBW-Repräsentanzen in Berlin und Brüssel ist, als Favorit im internen Ausscheidungsrennen. Anhänger von Turner bestreiten das. Der Stuttgarter CDU-Kreisparteichef Stefan Kaufmann, der Turner vorgeschlagen hatte, soll zwar auch Renner auf seinem Zettel möglicher Kandidaten gehabt haben. „Aber er hat sich gegen ihn entschieden, weil ihm dessen Chancen im Wahlkampf als nicht aussichtsreich genug erscheinen“, sagt einer. Der Grund? „Renner wird nicht das volle Potenzial der CDU-Wähler ausschöpfen können, weil er für den christlich-konservativen Teil der Union weiter nicht wählbar ist.“