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Notlagen Stuttgart bekommt Messie-Kompetenzzentrum

Von Wenke Böhm 

Ist das Chaos erstmal groß, wird das Aufräumen immer schwerer. Mit einem neuen Zentrum in Stuttgart soll jetzt die Hilfe für Messies ausgebaut werden. Foto: Gottfried Stoppel
Ist das Chaos erstmal groß, wird das Aufräumen immer schwerer. Mit einem neuen Zentrum in Stuttgart soll jetzt die Hilfe für Messies ausgebaut werden.Foto: Gottfried Stoppel

Expertin Veronika Schröter möchte ihre Angebote für Menschen mit Ordnungsstörungen in der Landeshauptstadt bündeln und ein landesweites Hilfe-Netz aufbauen. Bislang sind die Ansprechpartner noch eher rar.

Stuttgart - Räume, die nicht mehr begehbar sind, unerträgliche Gerüche und Schädlinge, die nur so wimmeln - Berichte über Messies sind oft schonungslos und stellen die Betroffenen in eine Ecke. Doch nicht jeder Mensch mit Ordnungsstörung ist gleich, sagt Expertin Veronika Schröter. Mit einem neuen Messie-Kompetenzzentrum möchte die Heilpraktikerin für Psychotherapie und Gestalttherapeutin ab Juli in Bad Cannstatt Helfer, Vereine und Institutionen schulen und so mehr Betroffenen helfen.

„Das vorherrschende Bild ist, dass bei Messies prinzipiell eine psychische Störung vorliegt. Doch das stimmt so nicht. Es gibt etliche, die ausschließlich horten und sammeln“, sagt die 54 Jahre alte Fachfrau. Eine wissenschaftlichen Studie, welche die Universität Freiburg mit ihrer Unterstützung durchführt, habe bei einer Zwischenbilanz gezeigt, dass dies sogar auf knapp ein Viertel der Betroffenen zutreffe. Hintergrund sei nicht die Sammelleidenschaft, sondern eine Unfähigkeit zur Entscheidung. „Wertbeimessungsstörung“ ist das Wort, dass Schröter verwendet.

„Pionierarbeit“ und „Lebenswerk“

Seit 15 Jahren bietet die Fachfrau Betroffenen Hilfe an, zuletzt etwa in Stuttgart und Freiburg. Zudem gibt sie seit zwölf Jahren Fortbildungen und schult Verbände und Institutionen im Umgang mit Messies, etwa an der Evangelischen Akademie in Bad Boll. Jetzt will sie einen Großteil ihrer Angebote in dem geplanten Stuttgarter Zentrum konzentrieren und damit zugleich in ihre Heimatstadt umziehen.

Sehe man von Selbsthilfegruppen ab, sei Unterstützung für Messies bislang rar. Auch ein vergleichbares Angebot wie ihr geplantes Kompetenzzentrum sei ihr im Land nicht bekannt, sagt sie. „Es ist eine Pionierarbeit, die es ganz dringend braucht. Für mich ist es ein Lebenswerk.“ Mit ihren zwei Mitarbeitern will sie die Schulung ausbauen. Es fehle an Menschen, die Betroffene beraten und Wohnraumarbeit mit ihnen machen könnten. Es sei neben Aufarbeitung möglicher Ursachen wichtig, auch mit Betroffenen in der Wohnung zu trainieren, wie man mit dem Aufräumen anfangen und zum Erfolg kommen kann.

Wichtige Anlaufstelle für Therapien

Schröters Ziel ist durchaus ambitioniert: Bis 2018 möchte sie erreichen, dass es landesweit in den Institutionen wie Sozialämtern und Jugendämtern sowie in verschiedenen sozialen Organisationen mindestens einen Menschen gibt, der sich mit der Thematik auskennt und schon mal als Berater tätig sein kann. Je nachdem, wie gut sie vorankomme, könne sie sich auch vorstellen, ab 2019 in die Ausbildung von Therapeuten einzusteigen.

Parallel bietet sie schon jetzt Therapien für Betroffene an, und ist damit eine wichtige Anlaufstelle in Stuttgart. Das macht Jürgen Thomas deutlich. Als Sozialarbeiter bei der Hera-Wohnungsnothilfe der Caritas sucht er in der Landeshauptstadt Menschen mit Ordnungsstörungen auf und versucht, mit Ihnen in Ihrer Wohnung das Problem anzugehen. „Die Ursache liegt meist tiefer, deshalb ist eine therapeutische Anbindung wichtig“, sagt er.

Syndrom als „Fehlform von Trauerarbeit“

Oft handele es sich um eine „Fehlform von Trauerarbeit“, ausgelöst durch den Auszug der Kinder, die Scheidung vom Ehepartner oder den Tod der Eltern, führt Thomas weiter aus. Mit der richtigen Begleitung und Nachbetreuung könne erfahrungsgemäß mehr als der Hälfte der Betroffenen geholfen werden. Schröter sei in Stuttgart ihre einzige Anlaufstation für Therapien. „Auf dem psychiatrischen Sektor wüsste ich niemanden.“

Thomas hat seit 2002 bei Hera schon heftige Dinge gesehen - bis hin zu einem Mann, der seine Fäkalien gehortet habe. Doch dramatische Verwahrlosungen wie diese seien eher selten, ähnlich selten wie das andere Extrem: Menschen, die ihre Sammelgegenstände wie CDs, Schrauben, Schuhe oder Nippes penibelst in Boxen sortieren und beschriften - um sich mit diesen Boxen nach und nach die Wohnung zuzubauen. „Von außen erkennt man es manchmal daran, dass die Fenster zugestellt sind. Die Fensterbänke waren dann die letzten freien Plätze.“ Mischformen seien am gängigsten - in breiter Palette.

Oft schlagen Nachbarn oder Vermieter Alarm

Häufig sind es Nachbarn, Vermieter oder Verwandte, die Alarm schlagen. Eine Gefahr könnten nicht nur Schimmel und Ungeziefer darstellen. „Es kann auch statische Probleme geben, vor allem im Altbau.“ Hera - kurz für Helfen und Räumen - besteht seit 1998. In den vergangenen sieben Jahren konnten rund 140 Fälle abgeschlossen werden, für die Zeit seit der Gründung spricht Thomas von rund 400 Klienten. Die Begleitung dauert meist etwa ein Jahr. Finanziert wird Hera von der Stadt.

Nicht immer stehen die Türen offen. Im Gegenteil. Bis zu acht Mal muss das Team manchmal anklopfen, bevor es mit den Betroffenen in der Wohnung das Aufräumen üben kann. Manchmal klappt es auch gar nicht und Zwangsräumung ist im schlimmsten Fall die Folge. Geduld ist angebracht, weiß Thomas: „Manchmal muss die Tür erst freigeräumt werden.“

Das Hera Team kann nur Stuttgarter Betroffenen helfen. Zu erreichen ist die Wohnungsnothilfe unter der Telefonnummer 21 65 92 25. Weitere Informationen unter www.caritas-Stuttgart.de.

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