Nord-Süd-Konflikt im Beachvolleyball Stuttgart ist viel schöner als Hamburg

Von Jochen Klingovsky 

Starkes Duo: Julia Sude (links) und Chantal Laboureur Foto: dpa
Starkes Duo: Julia Sude (links) und Chantal Laboureur Foto: dpa

Freiheit statt Zentralisierung: Die Stuttgarter Beachvolleyball-Teams Chantal Laboureur/Julia Sude und Karla Borger/Margareta Kozuch wollen nicht in den Norden umsiedeln, wie der Verband es sich vorstellt.

Stuttgart - Vor dem Start einer Saison wissen Athleten nie, wo genau sie stehen. Umso wichtiger ist der erste Einsatz, der erste Vergleich mit der Konkurrenz, der erste Erfolg. Weil er Rückenwind gibt für die nächsten Aufgaben. Und, zumindest im Fall von Chantal Laboureur (MTV Stuttgart) und Julia Sude (VfB Friedrichshafen), für die Verhandlungen mit dem Deutschen Volleyball-Verband (DVV).

Das Duo, das in Stuttgart trainiert, belegte kürzlich beim erstklassig besetzten Major-Turnier in Fort Lauderdale den starken dritten Platz – und bestätigte damit die Ergebnisse von 2016. Damals hatten Laboureur/Sude zwar die Olympischen Spiele in Rio verpasst, aber am Ende Rang drei in der Weltrangliste belegt. „Unser Ziel war, daran anzuknüpfen“, sagt Julia Sude, „das hat ganz gut geklappt.“ Und Chantal Laboureur meint: „Wir haben sehr gut gespielt. Und ein Zeichen gesetzt.“ Dass ihr Weg so falsch nicht sein kann.

Es zählen offenbar nicht nur sportliche Argumente

Laboureur (27) und Sude (29) organisieren sich selbst. Sie finanzieren nicht nur ihre Reisen weitgehend aus der eigenen Tasche, sondern auch ihr Trainerteam um Chefcoach Vento, einen Brasilianer, der schon mehrere Teams zu Olympischen Spielen geführt hat. Das ist teuer – und auch ein Risiko. Weshalb die beiden sagen: „Wir glauben, dass wir nach den vergangenen Erfolgen und durch unsere Position in der Weltspitze die Unterstützung des DVV verdient haben.“

In der vergangenen Saison gab es drei Nationalteams: die Olympiasiegerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst, die Stuttgarterinnen Karla Borger und Britta Büthe (die ihre Karriere beendet hat) sowie die ebenfalls zurückgetretenen Katrin Holtwick und Ilka Semmler. Laboureur und Sude? Zeigten zwar Topleistungen, kamen aber nicht in den Genuss eines Reisekostenbudgets oder eines Zuschusses für ihre Trainer, erhielten bei Turnieren keine Unterstützung durch die Physiotherapeuten und Scouts des Verbandes. Sportlich, keine Frage, hätten Laboureur und Sude den Status eines Nationalteams verdient. Doch offenbar kommt es nicht nur auf sportliche Argumente an.

Sonderrechte für die Olympiasiegerinnen

Hamburg hat sich nach den Spielen in Rio zum Ziel gesetzt, das deutsche Zentrum für Beachvolleyball zu werden. Die Infrastruktur mit acht Hallen- und zehn Außenplätzen war bereits perfekt, zudem erklärten der Senat und der Hamburger SV, sich an der Finanzierung von Trainerstellen beteiligen zu wollen. Ein Angebot, das der klamme DVV dankend annahm. Womit der Verband nicht gerechnet hatte: Nicht alle Athleten sind begeistert davon, dass sämtliche Aktivitäten im hohen Norden gebündelt werden sollen. Ludwig und Walkenhorst wohnen zwar in Hamburg, bekamen aber vom DVV die Erlaubnis, mit ihrem bisherigen Trainerteam außerhalb der Verbandsstrukturen weiterzumachen – obwohl Ludwigs Lebensgefährte Imornefe Bowes, ein Schotte, zum neuen Chefbundestrainer ernannt wurde.

Er soll nun die Konkurrentinnen seiner Freundin stärker machen, eine glückliche Lösung sieht sicher anders aus. Doch das ist nicht der Hauptgrund, weshalb Laboureur/Sude eine ähnliche Konstellation anstreben, wie sie Ludwig/Walkenhorst genehmigt wurde. Laboureur studiert nicht nur im sechsten Semester Medizin in Tübingen (ein sinnvoller Wechsel nach Hamburg wäre nicht möglich), sondern sie will mit Sude bis zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio so weitermachen wie bisher: mit eigenem Trainer, in Stuttgart, erfolgreich. Allerdings als ­­ Nationalteam. „Sollten wir das nicht werden“, sagt Laboureur, „dann wäre das eindeutig eine politische Entscheidung, die auf dem Rücken der Athleten ausgetragen wird.“

DVV-Vizepräsident Andreas Künkler antwortet nur schriftlich

Auch Karla Borger (Stuttgart) liebt es, ihre eigenen Wege zu gehen. Sie spielt nun mit Margareta Kozuch, bisher Kapitänin des Hallen-Nationalteams. Experten trauen dem neuen Team zu, sich schnell in der Weltspitze zu etablieren, das erste Turnier in Fort Lauderdale endete nach starken Leistungen erst in der K.-o.-Phase. Bisher haben Borger und Kozuch, die in Mailand lebt, hauptsächlich auf Teneriffa trainiert, und so planen sie es auch in nächster Zeit. Hamburg? „Ist eine schöne Stadt“, meint Borger, „doch bisher haben wir wichtige Fragen mit dem Verband nicht klären können.“ Auch Laboureur und Sude bemängeln, dass es zwar Gespräche mit dem DVV gibt, aber noch keine Entscheidung. Stattdessen hat der Verband auf seiner Homepage verkündet, dass Laboureur/Sude und Borger/Kozuch bereits am Stützpunkt in Hamburg trainieren – ohne dass die beiden Duos auch nur einmal dort aufgeschlagen haben. Mittlerweile wurde die Nachricht gelöscht.

Der für Beachvolleyball zuständige DVV-Vizepräsident Andreas Künkler wollte sich gegenüber unserer Zeitung zu den Stuttgarter Duos zunächst nicht äußern, dann beantwortete er Fragen wenigstens schriftlich. „In Hamburg gibt es für die Frauen einen Cheftrainer und einen Bundestrainer, die wir nach rein qualitativen Gesichtspunkten eingestellt haben. Die Infrastruktur mit erstklassigen Trainingsstätten, Physiotherapie, Sportpsychologie und trainingswissenschaftlicher Begleitung ist herausragend. Zudem ist es ein immenser Vorteil, wenn die besten deutschen Teams sich täglich messen können. Um die Qualität mittelfristig zu sichern, ist die Zentralisierung der einzig gangbare Weg“, teilte Künkler mit. Und obwohl „sich die Kommunikation mit den Teams schwierig darstellt“, stünde der Prozess kurz vor dem Abschluss.

Hört sich ganz danach an, als wüssten Laboureur/Sude und Borger/Kozuch nach dem gelungenen Auftakt in den USA bald auch organisatorisch, wo sie stehen. Endlich.

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