Schaurig hallt es durchs Treppenhaus des "Cube" in Feuerbach. Dabei ist gar nicht Walpurgisnacht. Noch nicht. Erst am 4. Juli dürfen Hexen, Elfen, Druiden und allerlei anderes Zaubervolk ohne Scheu ihr Unwesen treiben - zumindest musikalisch. An diesem Abend singt der Solitude-Chor unter Leitung von Klaus Breuninger "Die erste Walpurgisnacht" und den "Sommernachtstraum" von Felix Mendelssohn Bartholdy auf der Bühne des Freilichttheaters Killesberg. Unterstützt werden die etwa 45 Sängerinnen und Sänger dabei von Solisten und dem Solitude-Sinfonieorchester. Und der Schauspieler Rufus Beck erzählt in seinen eigenen Worten die Geschichte um das zauberhafte Irren und Wirren in einer lauen Sommernacht, das schon William Shakespeare vor über vierhundert Jahren so fasziniert hat.
Obwohl der Solitude-Chor ein Amateurchor ist, haben sie hohe Ansprüche an sich selbst. Sie bringen gerne Werke auf die Bühne, die nicht so häufig in gängigen Konzertprogrammen auftauchen. Und um beim "Sommernachtstraum" und der "Walpurgisnacht" nicht nur die Noten richtig zu singen sondern mit der Musik jene Atmosphäre zu erzeugen, die in ihr vom Komponisten angelegt ist, haben sie sich jetzt kurz vor dem Konzert zu einem Probenwochenende getroffen. Hochkonzentriert schauen sie abwechselnd in die Noten und auf den Dirigenten, dem es auf jedes Detail ankommt und der konsequent jede noch so kleine Passage so oft wiederholen lässt, bis er mit dem Ergebnis zufrieden ist.
Dennoch ist die Stimmung im Probensaal alles andere als verbissen oder angespannt: Klaus Breuninger sitzt am E-Piano, gibt Einsätze und dirigiert. Aber das ist noch lange nicht alles. Er demonstriert auch sehr anschaulich die gruselige Wirkung, die er haben möchte. "Kommt mit Zacken und mit Gabeln", zitiert er den Text mit großem Zwerchfelleinsatz. "Das muss richtig gehässig klingen!" Breuninger spart weder mit Mimik noch mit Gesten - und erntet damit große Heiterkeit. Die Sängerinnen und Sänger des Solitude-Chors sind mit ganzem Herzen und vollem Einsatz bei der Sache. In den Pausen wird geredet, gelacht - und auch entspannt. Karin de Beyer ist seit eineinhalb Jahren dabei. Für sie ist es ihr viertes Projekt mit dem Solitude-Chor. "Und jedes Mal ist es wieder eine Steigerung", findet sie. "Was mir am Chor gefällt ist, dass sich alle irgendwie einbringen. Ohne dieses Engagement würde es gar nicht funktionieren." Doris Dachtler ist ebenso lange dabei: Sie ist begeistert, wie bei den Proben die Atmosphäre der Stücke herausgearbeitet wird. "Mal müssen wir ganz zart wie die Elfen singen, dann wieder grimmig wie Druiden."
Marieluise Guthoff hat mehr Vergleichsmöglichkeiten. Sie singt schon seit mehr als 20 Jahren mit und kennt aus eigener Erfahrung die Zeit, als der Solitude-Chor noch ein kleiner Schulchor war. "Dank unseres Dirigenten werden wir immer besser. Die Entwicklung, die der Chor in den letzten zwanzig Jahren gemacht hat, ist enorm", lautet ihr Resümee. Das Konzert auf der Freilichtbühne Killesberg findet sie "gigantisch". "Ich freue mich riesig darauf auf einer Bühne, wo sonst die ganz Großen auftreten, mit unserem Laienchor das zeigen zu können, was wir in langjährigen Proben erworben haben." Gänsehaut macht der intensive Stimmenstrom schon jetzt, am hellen Mittag im lichtdurchfluteten Treppenhaus des Cube. Wenn das Ganze dann auf dem nächtlichen Killesberg erklingt, dürfte sich kaum einer dem Zauber dieses besonderen Chorkonzertes entziehen können ganz ohne Hexerei.