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Nicht barrierefrei Bibliothek hat die Blinden vergessen

Von Lisa Philippen 

Unser Test offenbart Mängel im Neubau. Hochbauamt verspricht Nachbesserungen.

Stuttgart - Martin Stürner hört gerne ­Bücher. Isabel Allende ist seine Lieblingsautorin. Aber auch Biografien interessieren ihn. Das Hören ist Martin Stürners Sehen. Denn der 48-Jährige ist seit seinem 15. Lebensjahr blind. Lediglich starke Kontraste kann er noch erkennen.

Die Stadtbibliothek am Mailänder Platz führt knapp 5000 Hörbücher. „Für eine städtische Bibliothek ist das ein beachtliches Angebot“, sagt Stürner. Genutzt hat er es bisher noch nicht. Bis zur Ausleihe würde er es ohne Hilfe auch nicht schaffen. Gemeinsam mit unserer Zeitung war Stürner, Sprecher der Bezirksgruppe Böblingen des Blinden- und Sehbehindertenverbands Baden-Württemberg, in der neuen Stadtbibliothek.

Zu den Aufzügen findet Stürner nur mit Hilfe

Viel Betrieb ist an diesem Abend am ­Mailänder Platz. Die großen Glastüren schwingen auf und zu. Martin Stürner steht im Eingangsbereich der Bibliothek. In der Hand hält er einen weißen langen Stock. Die Infotheke liegt zu seiner Linken. Martin Stürner kann das nicht sehen. „Ich würde nach Hilfe fragen. Doch ohne Orientierungspunkte habe ich keine Chance.“

Am 24. Oktober 2011 wurde das Gebäude eröffnet. Barrierefrei nach der DIN-Norm soll es sein. Das sind die verbindlichen Bauvorschriften für öffentliche Gebäude wie Schulen, Museen und eben auch Bibliotheken. Knapp 76 Millionen Euro hat der Bibliothekswürfel gekostet, zu dem die Planungen schon 1999 begonnen hatten. Vor der Bauphase habe man sich mit dem Dachverband Integratives Planen und Bauen e. V. zusammengesetzt, um die Vorschriften zum barrierefreien Bauen zu beachten, betont Gregor Gölz vom Hochbauamt. Rollstuhlgerechte Zugänge, automatische Türöffner und niedrige Ausleihapparate wurden eingeplant. Mittlerweile funktionieren sie auch. An anderer Stelle gab es allerdings Versäumnisse.„Barrierefrei ist eben nicht gleich barrierefrei“, sagt Stürner. „Ein Rollstuhlfahrer hat andere Bedürfnisse als wir Sehbehinderten.“

Nur mit Hilfe gelangt er zu den Aufzügen. Dazu muss er vom Haupteingang einmal durch den quaderförmigen Raum der Stille. Eun Young Yi, der Architekt der Bibliothek, hatte ihn als einen Ort der Entschleunigung konzipiert. Ein flacher Brunnen ist in den Boden des Raums eingelassen. Stürner ertastet die Kanten mit seinem Stock. „Eine Stolperfalle ist das trotzdem“, sagt er und weicht dem blauen Nass aus.

Problematischer wird es an den Aufzügen. Zwei Fahrstühle waren zunächst eingebaut. Auf einen dritten mussten die Benutzer aus finanziellen Gründen verzichten. Es wurde nachgerüstet. Seit Ende Juni ist nun der dritte Fahrstuhl in Betrieb. Die Kosten betrugen 400 000 Euro. Behindertengerecht sind die Aufzüge dennoch nicht, stellt der blinde Stürner fest. Er möchte in den 6. Stock. Dort gibt es Hörbücher, Hörspiele und ein Lesegerät, das Buchseiten 104-fach vergrößert.

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