Nicht barrierefrei Bibliothek hat die Blinden vergessen

Lisa Philippen, 13.08.2012 16:45 Uhr
Unser Test offenbart Mängel im Neubau. Hochbauamt verspricht Nachbesserungen.

Stuttgart - Martin Stürner hört gerne ­Bücher. Isabel Allende ist seine Lieblingsautorin. Aber auch Biografien interessieren ihn. Das Hören ist Martin Stürners Sehen. Denn der 48-Jährige ist seit seinem 15. Lebensjahr blind. Lediglich starke Kontraste kann er noch erkennen.

Die Stadtbibliothek am Mailänder Platz führt knapp 5000 Hörbücher. „Für eine städtische Bibliothek ist das ein beachtliches Angebot“, sagt Stürner. Genutzt hat er es bisher noch nicht. Bis zur Ausleihe würde er es ohne Hilfe auch nicht schaffen. Gemeinsam mit unserer Zeitung war Stürner, Sprecher der Bezirksgruppe Böblingen des Blinden- und Sehbehindertenverbands Baden-Württemberg, in der neuen Stadtbibliothek.

Zu den Aufzügen findet Stürner nur mit Hilfe

Viel Betrieb ist an diesem Abend am ­Mailänder Platz. Die großen Glastüren schwingen auf und zu. Martin Stürner steht im Eingangsbereich der Bibliothek. In der Hand hält er einen weißen langen Stock. Die Infotheke liegt zu seiner Linken. Martin Stürner kann das nicht sehen. „Ich würde nach Hilfe fragen. Doch ohne Orientierungspunkte habe ich keine Chance.“

Am 24. Oktober 2011 wurde das Gebäude eröffnet. Barrierefrei nach der DIN-Norm soll es sein. Das sind die verbindlichen Bauvorschriften für öffentliche Gebäude wie Schulen, Museen und eben auch Bibliotheken. Knapp 76 Millionen Euro hat der Bibliothekswürfel gekostet, zu dem die Planungen schon 1999 begonnen hatten. Vor der Bauphase habe man sich mit dem Dachverband Integratives Planen und Bauen e. V. zusammengesetzt, um die Vorschriften zum barrierefreien Bauen zu beachten, betont Gregor Gölz vom Hochbauamt. Rollstuhlgerechte Zugänge, automatische Türöffner und niedrige Ausleihapparate wurden eingeplant. Mittlerweile funktionieren sie auch. An anderer Stelle gab es allerdings Versäumnisse.„Barrierefrei ist eben nicht gleich barrierefrei“, sagt Stürner. „Ein Rollstuhlfahrer hat andere Bedürfnisse als wir Sehbehinderten.“

Nur mit Hilfe gelangt er zu den Aufzügen. Dazu muss er vom Haupteingang einmal durch den quaderförmigen Raum der Stille. Eun Young Yi, der Architekt der Bibliothek, hatte ihn als einen Ort der Entschleunigung konzipiert. Ein flacher Brunnen ist in den Boden des Raums eingelassen. Stürner ertastet die Kanten mit seinem Stock. „Eine Stolperfalle ist das trotzdem“, sagt er und weicht dem blauen Nass aus.

Problematischer wird es an den Aufzügen. Zwei Fahrstühle waren zunächst eingebaut. Auf einen dritten mussten die Benutzer aus finanziellen Gründen verzichten. Es wurde nachgerüstet. Seit Ende Juni ist nun der dritte Fahrstuhl in Betrieb. Die Kosten betrugen 400 000 Euro. Behindertengerecht sind die Aufzüge dennoch nicht, stellt der blinde Stürner fest. Er möchte in den 6. Stock. Dort gibt es Hörbücher, Hörspiele und ein Lesegerät, das Buchseiten 104-fach vergrößert.

 
 
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Kommentare (27)
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Liane Ist schon länger als 1 Jahr her
Bildungsnotstandsland Dt.: Warum sollte jemand die davon ausgehen, dass es Menschen mit Behinderungen gibt, wenn Planer, Politiker etc. von sich selbst das BIld von fit und mobil zeichnen? Es müsste einen unregelmässigen zufallsgenerierten (in filderdialog geübt) 1 monatigen Aufenthalt im Rollstuhl geben, um den Oberen den Bildungszugang zu ermöglichen, dass Barrierefrei irgendwie schon gut ist, für Familie, alte, behinderte, kranke, kinder und und.... für die Mehrheit halt! Dann würden vielleicht die Kefers, Schusters, Eun Young Yis und Gölzs anders planen! Das es in Stuttgart Stäffeles gibt ist der Natur geschuldet, das wir in der Technik-Hochburg unfähig sind menschengerecht zu bauen und zu planen ist der kollektiven Verblödung von Verantwortlichen anzulasten!
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Mitbürger Ist schon länger als 1 Jahr her
Da haben sich die Bürger von Stuttgart wohl zuviel erwartet. behindertengerecht? Was ist von einer Stadt zu erwarten, die ihre Stadthalle nach dem SS-Offizier Schleyer benennt. Die nach der Verurteilung wegen Beihilfe zur Misshandlung Minderjähriger in mehreren Fällen, einen für das Amt nich ausreichend qualifizierten Herrn Föll zum Finanzbürgermeister ernennt? Die mehr als zehn bereits überführte NS-Kriegsverbrecher aus Großraum Stuttgart einfach in Ruhe lässt. Ja, was soll man von so einer Stadt erwarten? In dieser Stadt regiert eine Gesinnung, die man vor 60 Jahren glaubt, besiegt zu haben.
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Hupsing Ist schon länger als 1 Jahr her
...wie traurig ist denn die Ihre Aussage „Wir können über eine Nachrüstung nachdenken. Allerdings muss man dann auch überlegen, ob sich die übrigen Bibliotheksnutzer nicht gestört fühlen“ Dies zeigt den Stellenwert von behinderten Bürgern bei der Stadt. Die Bibliothek ist ein kleiner, sehr kleiner Vorgeschmack auf den neuen Betontrog-Bahnhof. .....viel später fertig, viel teurer, unkomfortabel, kapazitiv am Anschlag, optisch ein Schandfleck in Beton, nicht für Menschen mit Handicaps gemacht...... Schuster! Hau endlich ab!
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cwilcke Ist schon länger als 1 Jahr her
Sie schreiben: 'Zurückhaltend war der Architekt Yi allerdings auch mit kontrastreichen Hinweisen.' Ist es nicht so, dass die gesamte Benutzerfreundlichkeit der neuen Stadtbibliothek so zurückhaltend gestaltet ist, dass man als Nutzerautomatisch zurückgesetzt wird? Beispielsweise die neue Theke, die mit nur noch zwei statt wie früher vier Servicepoints zum Anstehen zwingt. Beispielsweise die halbhoch angebrachten Bildschirme für die Mediensuche vor denen man weder ordentlich stehen noch ordentlich sitzen kann. Beispielsweise die außerordentlich schmalen Aufzugskabinen, die das Betreten und Verlassen des Aufzugs immer zu einem Gruppenerlebnis machen. Beispielsweise die viel zu schmalen Eingangsbereiche, die nun mit Sperrgittern gegen Abkürzer geschützt werden müssen. Die neue Stadtbibliothek ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich ein Architekt mit einem Konzept selbst verwirklicht, dann von den Fachleute dafür Beifall bekommt und der Nutzer diese geballte 'Innovation' schlussendlich und für lange lange Zeit ausbaden darf. Aber immerhin sind die Tauben mit dem Klotz rundum glücklich!
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Andrea Ist schon länger als 1 Jahr her
Gesetze werden nicht eingehalten, in diesem Fall das Allgemeine Gleichstellungsgesetz. Umweltschutz: Fehlanzeige, die Cafeteria hat keine Spülküche und muss auf Pappteller ausweichen. Menschen? Unerwünscht, sonst gäbe es ja mehr Toiletten. Die Aufzüge wurden auch nur wegen der lauten Kritik nachgerüstet. Aber ein wunderbarer Ort für Tauben, die sogar den Mitarbeitern uneingeschränkt auf die Tische plattern dürfen. Funktionieren eigentlich die Türen inzwischen? ich habe nichts davon gehört. Ja, liebe Bürger, so sehen sie aus, die zukunftsweisenden Projekte in Stuttgart! Oben bleiben :-)
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