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Neues Gesetz zur Pflegeausbildung Das Beste aus allen Pflegeberufen

Von Carolin Klinger 

Die Pflegerinnen Olivia Appiah (links) und Jennifer Huber am Krankenbett. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Die Pflegerinnen Olivia Appiah (links) und Jennifer Huber am Krankenbett.Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Während der Gesetzentwurf für eine neue, generalistische Pflegeausbildung noch diskutiert wird, praktizieren Auszubildende am Robert-Bosch-Krankenhaus diese bereits seit vielen Jahren

Stuttgart - Olivia Appiah ist in der Pflege am Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) tätig. Anders als bisher in Deutschland üblich, ist sie sowohl als Kranken- als auch als Altenpflegerin ausgebildet. „Für mich ist es wertvoll, dass ich während meiner Ausbildung auch im Altersheim war. Ich gehe dort heute noch hin, um Patienten zu besuchen“, sagt die 25-Jährige. Auch in ihrem Klinikalltag hat sie viel mit älteren, oft auch demenzkranken Patienten zu tun. „Es geht nicht nur darum, die akute Krankheit zu behandeln, sondern auch, ein ganzheitliches Konzept für den Patienten zu erstellen“, sagt Appiah. Den richtigen Umgang mit ihnen habe sie bereits während der Ausbildung gelernt. Von den älteren Patienten wird die zierliche Pflegerin oft liebevoll „Schwesterle“ genannt. „Manche Patienten trauen sich nicht, den Arzt zu fragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Meine Aufgabe ist es deshalb auch, offene Fragen zu beantworten und Ängste abzubauen“, sagt Appiah. Im Krankenhaus versorgt sie sowohl 16-jährige als auch 100-jährige Patienten. „Da macht es Sinn, die ganze Bandbreite bereits während der Ausbildung gelernt zu haben.“

Die Grünen sehen Gefahr für die Alten- und Kinderkrankenpflege

Altenpflege, Krankenpflege und Kinderkrankenpflege waren bisher in der Ausbildung getrennt. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) und Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) ­haben einen Gesetzentwurf zur Vereinheitlichung der Pflegeausbildung vorgelegt, den das Kabinett bereits gebilligt hat. Er wird nun im Bundestag beraten. Auch der ­Bundesrat muss zustimmen.Von 2018 an soll die neue, dreijährige Ausbildung zur Pflegefachfrau beziehungsweise zum Pflegefachmann mit dem generalistischen Ansatz ­starten. Die drei Pflegeberufe sollen dann in einer gemeinsamen Ausbildung gelehrt werden. Dies steht jedoch bei einigen Berufsverbänden in der Kritik, da sie einen Einheitsbrei statt einer spezialisierten befürchten. Auch die Grünen sehen in der Vereinheitlichung der Pflegeausbildung eine Gefahr für die Alten- und Kinderkrankenpflege.

Im Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus kann man diese Kritik nicht nachvollziehen. Dort können die Auszubildenden ­bereits seit dem Jahr 2002 eine sogenannte integrative Ausbildung absolvieren. Dabei wählen sie zwischen der Kombination aus Krankenpflege und Altenpflege oder Krankenpflege und Kinderkrankenpflege. „Wir haben die Ausbildung integrativ statt generalistisch genannt, um den Eindruck zu vermeiden, dass es sich um einen Einheitsbrei handelt“, sagt die Pflegedirektorin Ursula Matzke. Denn spezialisieren können sich die Auszubildenden dennoch, sie profitieren ­jedoch auch von dem breiter angelegten Spektrum der Ausbildung.

Vor 15 Jahren entwickelte sich die neue Pflegeausbildung in Stuttgart

Ursula Matzke war an dem Projekt beteiligt, mit dem von 1998 bis 2000 die Basis für die neue Ausbildung geschaffen wurde. „Unser Stuttgarter Modell hat auch politisch einiges ins Rollen gebracht“, sagt Matzke nicht ohne Stolz. Auch andere Kliniken übernahmen das Konzept. „In der aktuellen Diskussion entsteht der Eindruck, das neue Gesetz ist vom Himmel gefallen. Dabei hat der Prozess bereits vor über 15 Jahren begonnen“, wundert sich Matzke. In Stuttgart entstand aus dem Modellprojekt ein Kooperationsverbund mit dem Olgahospital und verschiedenen Altenzentren, der bis heute besteht. Während momentan gerade Berufsverbände der Altenpflege Kritik an der Generalisierung äußern, ist dies laut Matzke in Stuttgart kein Problem gewesen. „Das liegt aber auch daran, dass die Altenheime von Anfang an mit einbezogen wurden und mitgestalten konnten“, sagt sie.

Das Klinikum Stuttgart gehört ebenfalls zu den großen Ausbildungsstätten für Pflegeberufe. Hier sieht man dem neuen Gesetz mit gemischten Gefühlen entgegen. „Es ist wichtig und richtig, dass es künftig eine generalistische Ausbildung geben soll“, sagt Oliver Hommel, Pflegerischer Zentrumsleiter am Olgahospital und der Frauenklinik. Er sieht jedoch noch kritische Punkte in dem Gesetzentwurf: „Es ist vorgesehen, dass die Auszubildenden die bisherigen Ausbildungsschwerpunkte nur in Vertiefungs­einsätzen absolvieren können. Für mein Empfinden ist das zu wenig, es müsste eine ausgeprägte Schwerpunktsetzung erfolgen.“ Wenn sich in Zukunft die Zahl der Auszubildenden durch die Zusammenführung der drei Ausbildungen erhöht, seien auch mehr Praxisanleiter nötig. „Diese Praxisanleiter müssten geschult und freigestellt werden. Wie das finanziert wird, ist noch nicht geklärt“, sagt Hommel. Ebenfalls sei ihm noch unklar, wie die vielen Auszubildenden beispielsweise in der Pädiatrie eingesetzt werden sollen, wo die Plätze auch heute schon knapp bemessen sind.

Im RBK will man die Pflegeausbildung nicht einfach nur vereinheitlichen

„Die Umsetzung des Gesetzes wird sicherlich zunächst eine Herausforderung darstellen“, räumt auch Ursula Matzke ein. Im Irmgard-Bosch-Bildungszentrum des RBK geht es jedoch nicht nur darum, alle Pflegeberufe zu vereinheitlichen, sondern „das Beste aus allen drei Berufen zu vereinbaren“, betont Annette Lauber, Direktorin des Irmgard-Bosch-Bildungszentrums. Statt auf Frontalunterricht setzen die Lehrer hier auf Lernbegleitung der Auszubildenden auf Augenhöhe. „Es ist uns von Anfang an in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir unsere Handlungen begründen müssen“, sagt Olivia Appiah. An konkreten Fällen aus der Praxis lernen die Auszubildenden, wie sie auch später mit den Patienten umgehen sollen. „Es geht nicht nur um die Krankheit, sondern um den ganzen Menschen mit seinem Umfeld“, sagt Appiah. Skepsis herrscht am RBK noch bei der Frage, wie man die bisher dreieinhalb Jahre dauernde Ausbildung auf drei Jahre verkürzen soll. „Das wird ein enges Zeitfenster“, sagt Lauber.

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