Das Lachen von Diego klingt durch die Wohnung. Der Sechsjährige spielt mit Laura, seiner älteren Schwester. Diego geht es gut. Er ist froh, dass er nicht im Krankenhaus sein muss, sondern daheim sein kann; und dass er eine neue Chance bekommt. Seit einigen Tage steht fest, dass ein Stammzellspender für den an Leukämie erkrankten Jungen aus Schmiden gefunden wurde. "Viel wissen wir nicht über seinen genetischen Zwilling, nur, dass er männlich ist und aus Deutschland kommt", sagt Diegos Mutter Maria del Carmen Nunez Ortiz. In ein paar Jahren werden sie mehr über den unbekannten Mann erfahren, der eine solch wichtige Rolle in ihrem Leben spielt. Im Moment ist nur wichtig, dass es ihn gibt.
Noch keine vier Wochen ist es her, dass sich bei der Typisierungsaktion in der Schmidener Festhalle fast 2600 Freiwillige Blut abnehmen ließen (wir haben berichtet). Zu einer anderen Aktion der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) irgendwo in Deutschland kam nun auch derjenige, der sich als der Lebensretter für Diego erweisen könnte.
Maria del Carmen Nunez Ortiz erzählt von dem Anruf in der vergangenen Woche. "Der Mitarbeiter der DKMS sagte, sie hätten möglicherweise einen Spender für Diego, aber es müssten noch einige abschließende Untersuchungen gemacht werden." Im ersten Moment sei sie einfach nur froh gewesen, dann seien die Zweifel und Sorgen gekommen. "Mir wäre es lieber gewesen, sie hätten mich erst angerufen, wenn alles fix ist." So aber vergingen bange Tage, bis die erlösende Nachricht kam.
Die Freude bei Diegos Familie, Freunden und Bekannten ist riesig. Dass für den kleinen Schmidener ein Spender gefunden werden konnte, ist ein großes Glück. Für eine erfolgreiche Transplantation müssen die Gewebemerkmale des Stammzellspenders nahezu vollständig mit denen des Patienten übereinstimmen. Die Wahrscheinlichkeit, einen geeigneten Stammzellspender zu finden, liegt zwischen 1 zu 20 000 und 1 zu mehreren Millionen, sagt Martina Wanner von der DKMS. Doch noch liegen schwere Wochen vor Diego und seinen Eltern. Am 24. Oktober fahren sie nach Tübingen. "Dann beginnen auch bald die Vorbereitungen auf den Tag Null mit einer Hochdosis-Chemo, durch die sein Immunsystem so weit heruntergefahren wird, dass sein Knochenmark komplett zerstört wird." Es ist eine kritische Zeit, in der Diego isoliert wird. Seine Welt wird ein keimfreier Raum sein, der nur über Schleusen zugänglich ist. Die Eltern werden ihrem Sohn zur Seite stehen. Das Ehepaar bezieht eine Elternwohnung nur wenige Gehminuten von der Uni-Klinik entfernt. "Und einer von uns wird immer bei Diego sein, auch nachts", sagt seine Mutter. Laura wird so lange bei den Großeltern in Schmiden bleiben. "Und jedes Wochenende holen wir sie nach Tübingen, sie kann zwar nicht zu Diego, aber einer von uns kann bei ihr sein." Am Nachmittag des 3. November, dem mit Sehnsucht erwarteten Tag Null, wird Diego die gesunden Stammzellen des Spenders bekommen, der am selben Tag operiert wird. Zwei Wochen braucht es, bis Körper und Stammzellen zusammenfinden und miteinander arbeiten. Danach, so hoffen die Eltern, können sie mit ihrem Sohn nach Hause.
Die Familie von Diego hat viel mitgemacht, seitdem die Krankheit vor rund zweieinhalb Jahren in dem kleinen Körper ausbrach. Und Maria del Carmen Nunez Ortiz weiß, dass die Zeit des Hoffens und Bangens noch nicht zu Ende ist. "Bis zu Tag 100 besteht die Gefahr, dass die neuen Stammzellen wieder abgestoßen werden, und die Möglichkeit eines Rückfalls gibt es immer." Die Angst werde immer da sein, sagt sie, doch sie will sie so gut es geht verdrängen. Diego denkt auch nicht daran. Der Bub strahlt. Er weiß um seine Chance.