Los Angeles - Van Halen waren nicht mehr das, was sie einmal waren, als 1985 der Sänger David Lee Roth die Band verließ. Doch jetzt beim gemeinsamen Comeback soll alles – so der Barde – anders und besser werden. Allein schon, weil die interne Chemie eine ganz andere sei und weil Kritiker wie Fans ihn inzwischen endlich zu schätzen wüssten. „Heutzutage werde ich für meine Unzulänglichkeit verehrt“, startet er seine Ausführungen, die sich immer zwischen wild wuchernder Egomanie und zarter Selbstironie bewegen. „Ich bin wie deine Lieblingsjeans, die halt nicht perfekt ist. Und meine Stimme klingt wie vier platte Reifen auf einer matschigen Straße. Also wie jeder Zentimeter, den ich spirituell zurückgelegt habe. Was auch für das gilt, was die Van Halens spielen.“
Das klingt dramatisch, trifft den Nagel aber auf den Kopf: 28 Jahre nach ihrem letzten gemeinsamen Werk „1984“ präsentieren sich Van Halen als Band, die an Erfahrung, Reife und handwerklichem Können kaum zu übertreffen ist. Die mit „A Different Kind Of Truth“ ein raues, kalifornisches Rock-Album vorlegt, das vor Energie strotzt und den Hunger der Anfangstage erkennen lässt. Das gilt für Sprechsänger Roth und sein kehliges, gut erhaltenes Organ, für die Wucht, mit der Alex Van Halen die Trommeln bearbeitet, vor allem aber für Eddie Van Halen, Vorbild für Generationen von Gitarristen: Er hat die Handbremse gelöst, spielt grandios unangestrengt wilde, kuriose Riffs und Soli wie einst – so nah bei sich waren Van Halen sehr lange nicht. „Ich war exakt 42-mal in Eddies Studio, um mit ihm und den anderen zu proben, damit wir wie eine neue Band klingen, die in einem winzigen Club ein Publikum erobern möchte. Sprich: Wir haben mehrere 100 Stunden investiert, bis es Shakespeare war – a whole lotta Shakespeare.“
Roth weiß, wer sein Publikum ist
Dass es in den Texten vor allem um Autos, Frauen, Partys und geballte Lebensfreude geht, tut dem keinen Abbruch. Im Gegenteil: Laut Roth sei er noch nie ein so versierter, sozialkritischer und bissiger Komponist gewesen wie heute, da er sich mit viel Ironie über die Scheckheft-Religion Kabbala amüsiert, den Quell der ewigen Jugend sucht oder die globale Mode-Erscheinung des Tätowierens unter die Lupe nimmt. „75 Prozent aller Leute, die sich in den USA tätowieren lassen, sind Frauen. Wie Sally, die im Supermarkt arbeitet.Indem sie sich ein Tattoo machen lässt, verwandelt sie sich von der grauen Maus zum heißen Feger. Was reine Psychologie ist: Zum ersten Mal zeigt sie ihr wahres Gesicht und versteckt sich nicht mehr.“
Roth weiß, wer sein Publikum ist: Der Durchschnittsamerikaner, der Musik als Fluchtpunkt und Ventil erachtet. Da ist der 56-Jährige der perfekte Dienstleister, der als „Diamond Dave“ von Statussymbolen, Models sowie dem süßen Leben als Rockstar singt – und es auch genießt. Schließlich ist der Frauenschwarm nach wie vor Single,er rühmt sich in seiner Autobiografie „Crazy From The Heat“, die schönsten Damen der Welt gebettet zu haben, und steht für ein weltberühmtes Zitat: „Die perfekte Frau hat einen IQ von 150, macht Liebe bis 4 Uhr morgens und verwandelt sich anschließend in eine Pizza.“ Was ihm anno 2012 dann doch ein bisschen peinlich ist. „Als ich noch ein Kind war, habe ich auch wie ein solches gedacht! Heute würde ich sagen, ihr IQ müsste bei 162 liegen. Und statt Pizza bevorzuge ich Thai Food. Aber Sex kann ich immer noch die ganze Nacht haben – daran ist nichts falsch. Ich bin nur ein bisschen anspruchsvoller.“
Kein Sprung vom Schlagzeugpodest
Van Halen touren auch wieder durch die größten Hallen in den USA. Allerdings ohne wilde Exzesse, ohne Spandex-Klamotten und ohne den Sprung vom Schlagzeugpodest, der einst Roths Markenzeichen war. „Das ist dieser halbwüchsige Blödsinn, an dem sich viele Rockbands festzuhalten scheinen. Was etwas Trauriges hat. Wie Witze, die vor 20 Jahren lustig waren – aber es nicht mehr sind. Oder Frisuren, bei denen du denkst: Wie konnte ich nur?“
Rock’n’Roll sei inzwischen zur Parodie seiner selbst geworden, findet Roth. „Das gibt uns und unseren Fans das Gefühl, dass wir das Original sind. Denn wir lassen uns von nichts und niemandem vereinnahmen. Nicht von der Rock’n’Roll Hall Of Fame, nicht vom ‚Rolling Stone‘, nicht von den Grammys und auch nicht vom Super Bowl. In einer Welt, in der sich selbst vermeintliche Rebellen verkaufen, sind wir wie eine Insel, die an Port Royal im 17. Jahrhundert erinnert. Ein richtig spannender Ort.“
Im Alter von 62 Jahren ist Robin Gibb, der Sänger der Bee Gees, in England gestorben.