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Neue Bibliothek Das Buch auf großer Bühne

Nikolai B. Forstbauer, vom 21.10.2011 13:22 Uhr
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Raum der Stille: Klicken Sie sich durch die Architektur der neuen Stadtbibliothek am Mailänder Platz in Stuttgart. Foto: dpa
Raum der Stille: Klicken Sie sich durch die Architektur der neuen Stadtbibliothek am Mailänder Platz in Stuttgart. Foto: dpa
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Stuttgart - Dieser Bau hat zwei Realitäten.Tagsüber ein hoch aufragender Kubus, in der Dunkelheit eine überdimensionale Lichtskulptur. Stuttgarts neue Stadtbibliothek ist ein ausdrucksstarkes Gebäude in schwierigem Umfeld.

Kein Buch, nirgends. Nur ein Raumquadrat von 14 Meter Höhe, Breite und Tiefe. Ist etwa auch Eun Young Yi in der Konzeption seines Neubaus der Stadtbibliothek Stuttgart den Irrweg mancher Kulturbauten, Kunstmuseen vor allem, gegangen, gegen die eigentliche Funktion zu bauen? Ein klares Nein ist zu formulieren. Yi schafft vielmehr inmitten eines betont offenen Innenraumgeflechts einen Gegenraum der Leere. Von "Entschleunigung" spricht Ingrid Bussmann, Direktorin der Stadtbibliothek - und verweist damit zugleich auf eine zentrale Voraussetzung, die Schätze einer Bibliothek wahrnehmen und nutzen zu können. Das Hereinkommen also soll ein Ankommen sein - und dieses Ziel hat der in Köln lebende Koreaner Eun Young Yi fraglos erreicht.

1999 ist die Entscheidung für seinen Entwurf gefallen, doch statt die Eröffnung wie geplant 2003 feiern zu können, versammeln sich die Festgäste an diesem Freitag - acht Jahre später. Yi selbst erinnerte erste Kritiker an seiner kompromisslos geometrischen Formensprache daran, dass sein Entwurf gerade deshalb ausgewählt worden sei, "weil die Bibliothek durch ihre klare Form und die ungewöhnliche Materialgebung aus Sichtbeton und Glasbaustein selbstbewusst zutage tritt und dadurch einen Ruhepol in dem heterogenen Stadtviertel bildet".

Lichtkonzept setzt Maßstäbe

Diese Qualität aber ist aktuell auch das Problem des Baus. Allein steht er auf dem zur Wolframstraße hin offenen Baufeld des ehemaligen Güterbahnhofs. Allein gelassen auch. Dies kehrt die Voraussetzungen auf diesem Areal - anders als die Flächen des Verkehrs- und Städtebauprojekts Stuttgart 21 nicht in städtischem Besitz, sondern von der Bahn verwertet - um. Die Bibliothek Eun Young Yis ist nicht mehr mögliches Korrektiv einer eiligen Handels- und Dienstleistungsbebauung, sondern ist nun Maßstab der weiteren Entwicklung.

35 Meter hoch ist der Bau. Von außen durch die Fassadenrhythmisierung von Sichtbeton und Glasbausteinen bestimmt, sind in der Innenentwicklung vor allem drei Punkte wichtig: Faszinierend der von Oberlicht erfüllte Bibliothekskern, ein sich über fünf Ebenen entwickelnder Atriumraum mit Galerien aus Bücherwänden. Darunter der eingangs erwähnte Gegenraum. Der Purismus dieses sich über vier Ebenen erstreckenden Kubus im Kubus ist nicht aufgesetzt, sondern radikale Einlösung des Selbstversprechens, sich mit dem Betreten der Bibliothek an einen anderen Ort zu begeben. Als eigentliche Basis und Ausgangspunkt des sich nach oben zylindrisch öffnenden Atriumraums erweist sich das Veranstaltungsforum im Untergeschoss. Stufenweise ist der Saal eingesenkt, und auch hier überzeugt die Detailqualität des insgesamt 76 Millionen Euro teuren Bibliotheksneubaus. So setzt etwa auch das Lichtkonzept Maßstäbe. Lichtbänder statt der Missverständnisse punktueller Erleuchtung - solche Klarheit überzeugt.

Ist der Gastronomiebereich zu klein?

Wie das Kunstmuseum am Schlossplatz im November 1997 als Kulturbauprojekt der Stadt Stuttgart präsentiert, verbindet auch eine funktionale Logik die Bibliothek Eun Young Yis mit dem 2005 eröffneten Kunstmuseum von Sebastian Hascher und Rainer Jehle. Zwischen der Doppelfassade findet sich ein begehbarer Raum. Man bewegt sich draußen im Inneren - und erlebt dies in den Höhen der Bibliothek noch intensiver als im Kunstmuseum.

Finden sich die Nutzer in dem neuen Haus zurecht? Absolut. Das "Herz" ist in den ersten Ebenen von Kinderbücherei und Musikbücherei umgeben, der offene Bibliothekskern von Themenarealen, in denen man auch schnell Ruhezonen findet. All dies erschließt sich vertikal eilends über die Fahrstühle. Wer kann, sollte aber unbedingt die Treppen nutzen. Sie bilden vor allem im Bibliothekskern eine eigene Figuration.

Dem (Tages-)Licht folgend nach oben - so kommt man zuletzt in die Dachebene mit dem Gastronomiebereich. Ist er zu klein bemessen? Darüber wird diskutiert werden. Mehr wohl bald, als über die Außengestalt dieser großen Bühne für das Buch und mehr. Yis Bibliothek ist in ihrer Konsequenz von eigener, zwingender Selbstverständlichkeit.

Kommentare (13)
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JAN
01
10:34 Uhr, geschrieben von Bücherfreund
Genial
Architektur ist etwas, das ich nicht nach Ersteindruck bewerten möchte. Und schon gar nicht, wenn die "öffentliche" Debatte mit den sattsam bekannten Stereotypen abläuft: die, die immer schon gegen alles Neue sind, besonders, wenn es Architektur ist, gegen die, die in jedem einigermaßen ansehnlichen Neubau eine Offenbarung sehen. Beide reflexartige Reaktionsmuster mag ich nicht, so wenig wie die ebenfalls sattsam bekannten "Zu-wenig-Toiletten-Nörgler", die auch sofort auftreten, sobald die letzte Einweihungsrede verklungen ist. Aber inzwischen ist die Zeit über diese klischeebetonte Begleitmusik jeder wichtigen neuen Architektur hinweggezogen - und ich kann sagen: ein geniales Gebäude. Innen und außen, ja auch außen! Eindrucksvoll bei Tag und bei Nacht, ja auch bei Tag! Eun Young Yi war mutig, der postmodernen Poliformität und Aufgeregtheit etwas von monumental einfacher Ruhe entgegen zu setzen. Und das ist einer Bibliothek eben angemessen: schaut, hier ist ein Ruhepol für Lesen und Studieren inmitten der hektischen Großstadt! Und innen wirkt diese ruhige Monumentalität weiter, schafft Raum zur Begegnung mit Buch und Wissen, Schönheit und Hässlichkeit in Wort und Bild. Wieder ist Eun Young Yi zu beglückwünschen, sozusagen eine helle, unaufgeregte Projektionsfläche geschaffen zu haben, für das, worum es in einer Bibliothek wirklich geht: das Erleben von Literatur durchs innere Bild-Erleben durch Lesen und Betrachten. Die neue Bibliothek ist ein echter Gewinn für Stuttgart und es freut mich als Stuttgarter, dass sie international bereits mehr beachtet wird als je gedacht wurde. Übrigens finde ich es gut, dass das Viertel um die neue Bibliothek noch nicht steht, so können wir den klaren Ausdruck des Kubus noch eine Weile solo genießen, bis er inmitten von Standard-Architektur ganz andere Wirkungen entfalten wird.
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NOV
06
20:57 Uhr, geschrieben von Gott sei Dank kein Stuttgarter
Herausgeschmissenes Geld. Verkaufen
Diese Bibliothek ist ein Musterbeispiel für herausgeschmissene Steuergelder. Statt eine grosse gemütliche praktische Bibliothek für die Bürger zu bauen, hat man lieber ein völlig unpraktisches, dafür auf den ersten Blick für manche imposantes Gebäude entschieden. Nicht nur, dass man, wenn man das Imponiergehabe mit riesigen freien Räumen in einem Gebäude satt hat, den meisten Raum kaum nutzen kann, da keine Böden vorhanden sind. Statt Balkonen auf denen man im Sommer vielleicht in der Sonne lesen könnte, läuft nur ein scmaler Metallrost um das Gebäude. Anstatt viele gemütliche Leseecken einzurichten, muss man die Medien an vielen Stellen wie auf dem Präsentierteller betrachten, und fühlt sich eher wie eine Performancekünstler. Die Aufzüge sind zu wenig, und zu langsam. Wer im 7. Stock mal dringend muss, muss erst mal 5 Minuten warten, bis der Aufzug das erste mal kommt, und dann noch mal 5 Minuten bis beim 2. Mal vielleicht sogar ein Platz frei ist, und er er in das 1. Ug kommt wo die einzigen Toiletten sind. Dann wieder 10 Minuten bis man wieder oben ist, oder man läuft die 8 Stockwerke. Mein Tip an die Stadt: Verkauft das Gebäude an eine Bank, die mögen Imponiergehabe, und baut dann eine Bibliothek für die Nutzer.
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OKT
28
10:00 Uhr, geschrieben von Frau Mukke
Dysfunktion
Habe mich gestern in die neue "tolle" Bibliothek gewagt und muss sagen daß es ein ziemlicher Horrortrip war... So viel Raum für Luft... Ich dachte da sollten mehr Bücher/Medien 'rein?! Für Architekturstudenten ist der Bau bestimmt einen Ausflug wert, aber wenn man ganz einfach in CD's und Büchern stöbern will kommt man sich eher vor wie eine kleine Figur in einem Architekten-Entwurf... Der Mensch und die Bücher sind in diesem Bau völlig unwichtig, es geht nur um den "Turm von Babel"... Rein vom praktischen: Romane befinden sich im OG Nr. 7. Es gibt 2 kleine Fahrstühle (nebeneinander) von denen gestern nur einer ging.(klassisch) Ha! 1 Kinderwagen und 4 Menschen passen grad 'rein... Wie soll das auf Dauer funktionieren? Alte Menschen, Behinderte, Mütter mit Kindern... die schaffen es nich zu Fuß ins 7. OG.... Und wenn das Haus voll ist... ähm... t'schuldigung... Da geht's im Kaufhof oder Karstadt sogar am Samstag schneller mit den Aufzügen (die sind meist immerhin größer)... tz tz Nun denn, dieser Bau in dem anscheinend Menschen hinein sollen, sich eventuell kurz wohl fühlen und die Zeit mit stöbern, lesen, lernen verbringen sollen ist absolut dysfunktional, ein Schlag ins Gesicht eines normalen "Users" ... Ich werde mir eine kleinere Stadtteilbücherei aussuchen um mir etwas auzuleihen und so gut es geht die teure Neue boykottieren... Schade, war immer schön in der alten Bücherei, staubig und alt aber Wohlfühlfaktor 10
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