Netflix, Amazon Prime und Co. Diese Filme und Serien sind sehenswert

Von Thomas Klingenmaier 

Auch zu Meerschweinchen hat die  Titelheldin der Amazon-Serie „Fleabag“, gespielt von Phoebe Waller-Bridge, ein eher kompliziertes Verhältnis. Foto: Amazon
Auch zu Meerschweinchen hat die Titelheldin der Amazon-Serie „Fleabag“, gespielt von Phoebe Waller-Bridge, ein eher kompliziertes Verhältnis. Foto: Amazon

Wer Streamingkanäle abonniert, möchte meist eine angesagte Serie sehen. Aber im Wust des Restprogramms verbirgt sich viel Feines, das oft unentdeckt bleibt.

Stuttgart - Man kann wirklich eine Menge ­Unerwartetes entdecken, wenn man sich aus der Zone der gehypten Serien und Kinohits auf den Bezahlkanälen hinauswagt. Batman etwa ist unter der Maske gar nicht der Multimilliardär Bruce Wayne. Er ist der arme Schlucker Maxwell Allen, der sich den lieben langen Tag auf dem Hollywood Boulevard mit Touristen fotografieren lässt. Matt Ogens ­Dokumentarfilm Confessions of a Superhero (Amazon Prime) beobachtet vier Kostümträger bei der Arbeit, aber auch im Privatleben. Das erweist sich als nicht weniger irreal als die Kostüme, eine Mischung aus Illusionen, Trostlügen und Fantastereien.

Erstaunlich, dass sich das Böse, wenn es aus der Hölle kriecht, immer noch nach England wagt, wo es von respektlosem ­Humor erwartet wird. Die Serie Crazyhead (Netflix) ist ein fröhlich vulgäres Spektakel über zwei junge Frauen, die erkennen, wenn ein Dämon in einem Menschen steckt. Ihr improvisierter Kampf gegen die Vorhut der Hölle stellt die beiden Hauptfiguren, gespielt von Cara Theobold und ­Susan Wokoma, knuffig heraus und lässt dem üblichen Armageddon-Pathos mit Kleine-Leute-Derbheit die Luft ab.

Scherereien in Indien

Die junge Britin Ruth in That Girl in Yellow Boots (Netflix) verblüfft die Menschen in Mumbai mit ihren guten Hindi-Kenntnissen. „Ich liebe Indien“, erklärt sie den misstrauischen Beamten, mit denen sie ihrer fehlenden Arbeitserlaubnis wegen ständig Scherereien hat. Aber sie sucht auch ihren Vater, und ihr Job in einem Massagesalon trägt Züge einer Selbstbestrafung. Der indische Autorenfilmer Anurag Kashyap nutzt Ruths Geschichte für berückende Bilder vom Stadtleben, die zugleich Ekel und Faszination transportieren, wie einst Wong Kar-wais Bilder aus Hongkong.

Amerikas Krieg gegen den Terror hat haufenweise Dokumentarfilme jeder Güte und Gesinnung abgeworfen. Nur die Toten (Netflix) ist einer der unruhigsten. Der ehemalige „Time“-Korrespondent Michael Ware erzählt mit eigenen Wackelkamerabildern, wie er den Sturz des Saddam-Regimes im Irak erlebt hat, die kurze Zeit der Hoffnung, die Welle des Terrors und den Machtverlust der Besatzungstruppen. Interessant ist das auch als Selbsterkundung des Reporters, der weiß, dass sein Streben, in die Gefahrenzone zu kommen, mit mehr als journalistischem Ethos zu tun hat.

Eine Stadtneurotikerin 3.0

Nette Männer mit romantischer Überfunktion sind ihr zu langweilig, aber das ist nicht der einzige Krisenherd im Leben von Fleabag, einer smarten, witzigen und doch ein wenig dysfunktionalen jungen Londonerin. Die komplexe Titelheldin der Serie Fleabag (Amazon Prime) ist eine Stadtneurotikerin 3.0, eine zugleich überlegene und kaputte Figur. Die Hauptdarstellerin Phoebe Waller-Bridge nutzt das heikle Stilmittel des In-die-Kamera-Redens mit solcher Verve und Geschicklichkeit, dass man nicht mehr wegschauen kann. Diese witzige und leider ziemlich übersehene Serie der Extraklasse basiert auf einem Londoner Theatererfolg von Waller-Bridge.

Wird er etwa verrückt? Der Barista Dan findet im neuseeländischen Indie-Film Love and Time Travel (Amazon Prime) immer wieder Botschaften auf dem Badezimmerspiegel, die er möglicherweise schlafwandelnd selbst geschrieben hat. Die Textbruchstücke wollen dem menschenscheuen Sonderling neue Wege weisen. Der Autor, Regisseur und Hauptdarsteller Hayden J. Weal liefert das Musterbeispiel eines zarten, leicht verdrehten, bittersüßen ­Indie-Films, wie er im Kino längst keine Chance mehr bekommt.

Mix aus Krimi und Western

Nichts steht so fürs neue Qualitätsfernsehen wie Krimiserien der Marke „Breaking Bad“, die Werte auf den Kopf stellen und den Sieg des Guten als Ammenmärchen entlarven. Wer sich gelegentlich nach Tröstlicherem sehnt, wird von Longmire (Sky) gut bedient. Der Mix aus Krimi und Western spielt in Wyoming und stellt eine imposante Landschaft sowie verheißungsvolle Elemente des alten Freiheit-im-Westen-Mythos dem Schäbigen der Verbrechen entgegen. Die Polizisten (unter anderem Robert Taylor und Katee Sackhoff) sind keine Freaks oder Monster, bringen aber Probleme genug mit, um der täuschend bieder beginnenden Serie Stoff für interessante Entwicklungen zu liefern.

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