Neonazis in Baden-Württemberg Ein Hakenkreuz für den linken Oberarm

Von Sven Ullenbruch und Franz Feyder 

Zum Fasching trägt der Ilsfelder Neonazi Kai-Ulrich S. Foto: facebook
Zum Fasching trägt der Ilsfelder Neonazi Kai-Ulrich S.Foto: facebook

Hakenkreuz-Tätowierungen für den Nachwuchs, Waffen für den Neonazi-Trupp „Standarte Württemberg“: Ein 26-jähriger Ilsfelder versorgt Rechtsextremisten mutmaßlich mit beidem. In der Szene gilt Ulrich S. als Mann fürs Grobe - und das nicht von ungefähr.

Heilbronn/Stuttgart - Auf Fotos liegt Kai Ulrich S. auf dem Plateau eines Steinbruches, trägt eine tarnfarbene Armee-Hose und hellbraune Stiefel. Die rechte Zeigefinger krümmt sich um den Abzug eines Scharfschützengewehrs. Die Polizei kennt den Mann am Zielfernrohr als gewaltbereiten Naziskinhead.

Legt der nicht gerade in Steinbrüchen an, schwingt Uli S. gerne die Tätowiernadel. Am vergangenen Montag berichtete „Matze“ im NSU-Untersuchungsausschuss den Politikern, S. habe ihm ein Hakenkreuz in den linken Oberarm gestochen. 70 Euro habe er dem Neonazi dafür gegeben, plauderte Mathias K.. Der hat zusammen mit dem 2013 auf dem Cannstatter Wasen verbrannten Florian Heilig die „Neoschutzstaffel“ NSS gebildet. Offenbar eine Fantasieorganisation, in den Köpfen zweier Rechtsextreme, die sich vor allem in der Heilbronner Harmonie zum Saufen trafen und vor Hakenkreuzfahnen posierten.

Dabei tauchte die ominöse NSS im Januar 2012 als „Spur 5086“ in genau jenen Akten auf, die Ermittler zum Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter angelegt hatten. Der Ausschuss-Vorsitzende Wolfgang Drexler (SPD) vermutet ein „Hirngespinst“.

Das sind die Verbindungen der rechten Heilbronner Jugendclique zu Kai Ulrich S. nicht. Bereits im Februar berichteten die Stuttgarter Nachrichten, dass S. Mitglied der „Aktionsgruppe Heilbronn“ war. Das geht aus Ermittlungsunterlagen hervor. Zu der Neonazi-Truppe gehörten auch Bekannte Florian Heiligs.

Dieses Netzwerke könnte durchaus brisant sein: S. war einer der Beschuldigten im Ermittlungsverfahren gegen die „Standarte Württemberg“. Auch die war alles andere als ein Hirngespinst: Im Juli 2011 durchsuchten Beamte des Landeskriminalamtes (LKA) 21 Wohnungen und Gartengrundstücke in sechs Landkreisen Baden-Württembergs. Sie fanden eine Pistole, über einhundert Schuss Munition und manipulierte Luftgewehre.

18 Beschuldigten warf die Stuttgarter Staatsanwaltschaft vor, eine kriminelle Vereinigung gegründet zu haben. „Nach den bisherigen Ermittlungen soll es das Ziel der Organisation gewesen sein, Ausländer aus Deutschland zu vertreiben. Auch, so schrieben es die Ermittler am 28. Juli 2011 in ihrer täglichen Lagemeldung an das Bundeskriminalamt, „mit Waffengewalt“.

Ähnliche Formulierungen finden sich in Dokumenten, die andere Polizisten dreieinhalb Monate später im Schutt und der Ruine eines Mehrfamilienhauses in Sachsen fanden: im mutmaßlichen Unterschlupf des rechtsterroristischen „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU). Dessen Mitgliedern Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe werfen die Ankläger der Bundesanwaltschaft vor, zwischen 2000 und 2007 einen griechisch- und acht türkischstämmige Kleinhändler sowie am 25. April 2007 in Heilbronn die Polizistin Kiesewetter erschossen zu haben.

In dem LKA-Papier zur „Standarte Württemberg“ ist von einem Hinweisgeber die Rede. Der berichtet, die Gruppe habe seit Ende 2010 über ein „Kalaschnikow“-Schnellfeuergewehr und Handgranaten verfügt. Aus Akten geht zudem hervor: der Ilsfelder Uli S. soll für die „Standarte“ Waffen beschafft haben. Deshalb ermittelten Fahnder gegen den Ilsfelder. Er soll, so der Verdacht, gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen haben.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart trennte das Verfahren gegen Ulrich S. allerdings vom Verfahren gegen die „Standarte Württemberg“ ab: Ulrich S. soll nicht selbst Mitglied der Organisation gewesen sein. Ihn sollen die Neonazis aber beauftragt haben, Waffen zu besorgen.

Das allerdings wirft die Frage auf, woher der Skinhead aus einem 9000-Einwohner-Nest zwischen Heilbronn und Ludwigsburg über so gute Kontakte verfügt, dass er mutmaßlich Waffen für Neonazis besorgen kann? In der Szene gilt Ulrich S. als Mann fürs Grobe. Schon als 18-Jähriger warf er 2007 einen brennenden Molotow-Cocktail auf zwei Türken in Abstatt bei Heilbronn. Solche Aktionen bringen Ansehen und Respekt in militanten rechten Kreisen.

Außerdem hat sich der Neonazi selbst Bilder mit Tinte in die Haut stechen lassen: Ulrich S. trägt eine Tätowierung mit dem Wappen der SS-Panzergrenadier-Division „Götz von Berlichingen“. Die „Eiserne Hand“ ist heute das Logo der Skinhead-Organisation „Furchtlos und Treu“. Gegen die wurde schon 2004 ermittelt – wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz und das Kriegswaffengesetz. Die Polizei fand damals bei mehreren Personen Munition, Sprengmasse, Sprengschnur und Übungshandgranaten.

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