Naturschutz Bienentod durch Pflanzenschutz

Von Annette Mohl 

Gesunde Bienen tragen volle Pollenhöschen nach Hause. Foto: dpa
Gesunde Bienen tragen volle Pollenhöschen nach Hause.Foto: dpa

Die Befürchtungen haben sich bestätigt: So genannte Neonicotinoide sind eine Gefahr für Bienen. Und nicht nur für sie: Auch für Vögel, Säugetiere, Wasser- und Bodenorganismen wurde ein hohes Risiko ermittelt. Die Substanzen sollen nun dauerhaft verboten werden.

Brüssel/Stuttgart - Seit einigen Jahren stellen Imker in Europa ein verstärktes Bienensterben fest. Oft wird das auf die Varroamilbe zurückgeführt, ein Blutsauger, der es aus Südostasien hierher geschafft hat und als Parasit auf den Bienen und in ihrer Brut sitzt. Doch ist es die Milbe allein, die den Bienenvölkern so zusetzt, dass sie teilweise schon vor Wintereinbruch eingehen?

Fachleute machten schon lange auf Pflanzenschutzmittel aufmerksam. Wie zum Beweis kam es 2008 zu einem großen Bienensterben im Oberrheingraben. Damals wurden mehr als 11 000 Bienenvölker durch den Wirkstoff Clothianidin, ein Neonicotinoid, geschädigt. Für diesen sowie die beiden Stoffe Imidacloprid und Thiamethoxam hat die EU-Kommission, nachdem sich die Bedenken über die Jahre häuften, zum 1. Dezember 2013 ein Verbot ausgesprochen. Weil vielerlei Daten fehlten, sollte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) die Gefährlichkeit der Stoffe testen.

Jetzt liegt das Ergebnis vor und bestätigt die schlimmsten Befürchtungen: „Die Gefährdung ist höher als bei allem, was in den vergangenen Jahrzehnten auf dem Markt war“, sagt Winfried Schröder, der das baden-württembergische Landwirtschaftsministerium als Fachreferent bei der EU in Brüssel vertritt. „Diese Stoffe sind 100-mal wirksamer, aber auch giftiger als jene, die in den 1950er und 1960er Jahren verwendet wurden.“

„Es geht auch um andere Arten“

Neonicotinoide sind Nervengifte und werden von Landwirten zum Pflanzenschutz eingesetzt. Zu den Herstellern der Spritz- und Beizmittel gehören etwa BASF, Bayer und Syngenta, die gegen das Verbot vor dem Europäischen Gerichtshof klagen. Darauf reagierten sechs im Bündnis zum Schutz der Bienen zusammengeschlossenen Imkerverbände und beantragten Prozess­beteiligung. Der Deutsche Berufs- undErwerbsimkerbund und österreichische ­Imkerverbände wurden daraufhin für das Verfahren zugelassen.

Thomas Radetzki, Koordinator des Bündnisses und Imkermeister des Vereins Mellifera in Rosenfeld (Zollernalbkreis): „Es geht nicht allein um die Honigbiene. Die ständige Intensivierung der Landwirtschaft mit solchen Pestiziden schädigt unsere Umwelt, beschleunigt den dramtischen Artenschwund und zerstört unsere Lebensgrundlagen.“

Tatsächlich stellt die EFSA aktuell fest: „In den Fällen, in denen die Bewertung abgeschlossen werden konnte, wurden entweder hohe Risiken ermittelt oder konnten nicht ausgeschlossen werden.“ Winfried Schröder sagt dazu: „Neonicotinoide sollen Insekten abhalten, das gilt dann natürlich auch für Honigbienen.“ Thomas Radetzki erfuhr am Montag von unserer Zeitung von der brandaktuellen Einschätzung durch die EFSA: „Ich bin sehr erleichtert, dass die Sorgen der Imker nun auch von der EU-Zulassungsbehörde als berechtigt bewertet werden. Dafür haben wir viele Jahre gegen den Widerstand von Politik, Behörden und Instituten gekämpft.“

Land und Verbände fordern Verbot seit langem

Radetzki nimmt davon ausdrücklich das baden-württembergische Ministerium für ländlichen Raum und Verbraucherschutz aus. „Die neue Regierung hat das Verbot unterstützt.“ Tatsächlich forderte Agrarminister Alexander Bonde (Grüne) im April erneut: „Bund und EU wären gut beraten, die Neonicotinoide Clothianidin, Thiamethoxam und Imidacloprid dauerhaft zu verbieten. Die Industrie ist gefordert, der Landwirtschaft mehr umweltverträgliche Alternativen zu bieten. Nur so kann ein umfassender Schutz der Artenvielfalt erreicht werden.“ Der Nabu Baden-Württemberg unterstützt die Forderung, diese Stoffe aus dem Verkehr zu ziehen. „Neonicotinoide gehören in den fest verschlossenen Giftschrank und nicht auf Äcker und Wiesen“, sagt Landeschef Andre Baumann. „Wir gehen davon aus, dass Neonicotinoide für einen massiven Rückgang der Insektenvielfalt verantwortlich sind. Es deutet viel darauf hin, dass der dramatische Rückgang insektenfressender Vogelarten gerade auch durch Neonicotinoide verursacht wird.“

Die neue Untersuchung bestätige, dass das Verbot richtig war und deshalb wohl auch nicht mehr aufgehoben werde, so Winfried Schröder. Bienen, in deren Körper sich die Stoffe angesammelt hätten, seien dann auch viel anfälliger für die Varroamilbe.

Das Gutachten, das die EFSA jetzt fertiggestellt hat, gilt nur für Stoffe, die zum Sprühen geeignet sind. Zum Ende des Jahres wird das Ergebnis für Beizstoffe erwartet. Seit einigen Jahren wird Pflanzenschutz verstärkt auf diese Art und Weise betrieben: Schon die Samen der Pflanzen werden mit chemischen Pflanzenschutzmitteln gebeizt, so dass sie schon während der Keimung und der gesamten Wachstumsphase abschreckend oder eben auch giftig auf Insekten wirken.

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